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Theresa stemmte herausfordernd die Hände in die Hüften. »Ich werde ganz bestimmt nicht - pass auf.«

Die beiden letzten Worte schrie sie, gleichzeitig sprang sie auf die Füße und riss Leonie mit sich. Nur einen Sekundenbruchteil später rülpste eines der Zuflussrohre dumpf und spie einen Schwall grünen Leims aus, der haargenau dort auf dem Boden explodierte, wo Leonie und Theresa gerade noch gehockt hatten.

Dennoch kamen sie nicht vollkommen ungeschoren davon. Leonie schrie vor Schmerz und Entsetzen auf, als Spritzer der kochend heißen Flüssigkeit ihre Hände und die ungeschützten Unterarme versengten. Ihre Augen füllten sich mit Tränen, während sie rücklings vor der grünen Masse zurückwich, die sich brodelnd auf dem Boden ausbreitete. Das Grollen und Zischen war mittlerweile so laut geworden, dass es jedes andere Geräusch verschlang, und die Luft begann sich mit wabernden grünen Schwaden zu füllen, sodass sie kaum noch die sprichwörtliche Hand vor Augen sehen konnte. Als wäre das alles noch nicht genug, wurde es schlagartig so heiß, dass jeder Atemzug zur reinen Qual wurde.

Und das war noch nicht einmal das Schlimmste.

Der größte Teil der gluckernden grünen Brühe verschwand sofort in der Tiefe, aber der verbliebene Rest reichte immer noch aus, eine rasch größer werdende kochende Pfütze auf dem Boden zu bilden, deren Ränder gierig nach ihren Schuhen leckten. Leonie hustete, wedelte mit der linken Hand, um die klebrigen Schwaden zu vertreiben, und wich gleichzeitig Schritt für Schritt zurück.

Um genau zu sein: Drei Schritte weit, dann stieß sie mit dem Rücken gegen den rauen Ziegelstein und hätte um ein Haar vor Entsetzen laut aufgeschrien. Die kochende Pfütze breitete sich mit schrecklicher Unaufhaltsamkeit weiter aus. Noch ein paar Sekunden und ihr würde gar keine andere Wahl mehr bleiben, als nach oben zu greifen und in eines der Zuflussrohre zu klettern. Was geschehen würde, wenn ihr genau in diesem Moment auch hier ein Schwall heißen Leims entgegenschoss, das stellte sie sich vorsichtshalber erst gar nicht vor...

Gottlob kam sie nicht in die Verlegenheit, es herauszufinden. Gerade als die blubbernde Lache ihre Schuhe fast erreicht hatte, versiegte der Zufluss kochenden Leims. Die Pfütze begann rasch zusammenzuschrumpfen und abzukühlen. Dennoch verging mindestens noch eine Minute, bis sie es auch nur wagte, tief durchzuatmen. Die Hitze hatte so weit nachgelassen, dass sie nicht mehr das Gefühl hatte, flüssiges Feuer zu atmen, aber die Luft fühlte sich klebrig und widerwärtig an. Es vergingen noch einmal endlose, quälende Sekunden, bis sich die brodelnden Schwaden so weit lichteten, dass sie Theresa auch nur sehen konnte.

Leonie erschrak bis ins Mark. Wie es aussah, war Theresa nicht annähernd so glimpflich davongekommen wie sie. Auch sie war über und über mit heißem Leim bespritzt, doch während Leonie zum Großteil von ihrer Kleidung geschützt worden war, trug Theresa nur einen knielangen Rock und eine ärmellose Bluse. Sie musste Dutzende von schmerzhaften Verbrühungen erlitten haben.

»Alles in Ordnung?«, fragte Leonie. Die Frage kam ihr selbst etwas lächerlich vor, aber Theresa nahm nur langsam die Hände herunter und nickte.

»Das... war ziemlich... knapp«, sagte sie stockend. »Ich will ja nicht kleinlich sein, aber ich finde, wir sollten uns doch allmählich ein anderes Versteck suchen.«

Leonie nickte hastig. »Ich weiß allerdings nicht...« Sie sprach nicht weiter, als ihr bewusst wurde, dass Theresa ihr gar nicht mehr zuhörte.

Sie hatte sich umgedreht und war unmittelbar neben dem Abfluss in die Hocke gegangen. Der Schwall hatte nicht nur ein Muster geometrischer grüner Linien in den Fugen des gemauerten Fußbodens hinterlassen, sondern auch noch allerlei anderes Strandgut. Da waren Fetzen eines schwarzen Stoffes, zerbrochene Schreibfedern und halb aufgelöstes Papier. Doch das, was so ganz eindeutig Theresas Aufmerksamkeit erregt hatte, schien auf den ersten Blick nur ein formloser grüner Klumpen zu sein.

»Was... ist das?«, fragte Leonie zögernd.

Statt einer Antwort streckte Theresa die Hand aus und hob den glibberigen Klumpen auf.

»Ein... Buch?«, fragte Leonie zögernd. Sie war nicht ganz sicher. Was Theresa da langsam aus der grünen Pampe zog, schien einmal ein prachtvolles Buch mit schwerem Ledereinband und kunstvoller Goldprägung gewesen zu sein, aber zugleich sah es nicht wirklich wie ein Buch aus, sondern eher wie die perfekte Nachbildung eines Buches, die unglücklicherweise aus weichem Wachs bestand, das zu lange in der Sonne gelegen hatte. Als Theresa es hochhob, zerfiel es mit einem schmatzenden Laut in zwei Teile. Die Hälfte, die zu Boden fiel, löste sich in eine blubbernde grüne Schleimpfütze auf. Der Anblick erinnerte Leonie auf unheimliche Weise an das, was dem Scriptor in Theresas Bibliothek zugestoßen war.

»Ein Buch?«, meinte Theresa düster. Sie schüttelte den Kopf. »Das war nicht irgendein Buch, Leonie. Es war eines der Bücher aus dem Archiv.« Sie hob die Hand weiter, und auch der Rest, den sie noch in den Fingern hielt, begann sich Fäden ziehend aufzulösen.

Es dauerte einen Moment, bis Leonie wirklich verstand, was Theresa gerade behauptet hatte. »Ein Buch aus dem Archiv?«, keuchte sie. »Aber das... das ist doch vollkommen unmöglich! Du hast doch selbst gesagt, dass sie...«

»... niemals aus dem Archiv entfernt werden dürfen«, führte Theresa den Satz zu Ende. Ihre Stimme klang bitter, aber ihr Gesicht war plötzlich wie eine aus Stein gemeißelte Maske. Sie stieß ein heiseres Lachen aus. »Das da war kein Buch, Leonie. Es war ein komplettes Menschenschicksal. Und nun ist es dahin.«

Leonie war im ersten Moment nicht ganz sicher, ob sie die Tragweite dessen, was Theresa gesagt hatte, auch wirklich verstand - oder auch nur verstehen wollte. Fassungslos und mit heftig klopfendem Herzen starrte sie die zischende grüne Pfütze an, zu der das Buch zerschmolzen war, und Theresa fuhr mit leiser, sonderbar flacher Stimme fort:

»Ein ganzes Menschenleben, Leonie, endlos viele Jahre voller Freude und Leid, voller Lachen und Weinen, voller Erfahrungen und Sehnsüchte. Und nun ist es fort. Ausgelöscht. Niemand wird sich noch daran erinnern, wer dieser Mensch gewesen ist, wie er geheißen hat. Wie er aussah, was er getan hat.« Sie seufzte, tief und auf eine merkwürdige Art, die beinahe so etwas wie ein Schluchzen aus dem Laut machte. Für einen winzigen Moment glaubte Leonie Tränen in ihren Augen schimmern zu sehen. »Es ist genauso, als hätte er nie gelebt.«

Der Anblick des Schmerzes, der sich in den Augen der jungen Frau spiegelte, zog auch Leonies Herz zusammen. Vielleicht nur um sie irgendwie zu trösten, sagte sie leise: »Aber es ist doch nur ein einziges Buch von so vielen.«

»Nur eines?«, wiederholte Theresa traurig. »Und wenn es das deiner Mutter wäre, Leonie? Oder deiner Großmutter oder irgendeines anderen Menschen, der dir etwas bedeutet hat?« Sie stand auf. »Ich verstehe nicht, warum er das tut. Ich hätte ihm viel zugetraut, aber nicht das!«

Leonie sah sie verständnislos an. »Wovon...?« Dann sog sie scharf die Luft ein. Was Theresa da andeutete, war so ungeheuerlich, dass sie sich im ersten Moment fast weigerte, diesen Gedanken auch nur zu denken.

»Du willst doch nicht behaupten, dass... dass mein Vater...«, keuchte sie. »So etwas würde er nie tun!«

»Bist du sicher?«, fragte Theresa leise.

»Hundertprozentig!«, antwortete Leonie empört. »Das... das wäre ja beinahe so etwas wie... wie Mord!«

»Von seiner Warte aus vielleicht nicht«, räumte Theresa ein.

»Niemals«, beharrte Leonie. Sie begann zu zittern. »Warum tust du das? Ich weiß, dass du meinem Vater nicht traust, aber so etwas würde er nie tun!«

Theresa sah sie eine weitere Sekunde lang durchdringend an.

»Warum fragen wir ihn nicht einfach?« Für die Dauer von zwei, drei Atemzügen schien sie vergeblich darauf zu warten, dass Leonie irgendetwas erwiderte, dann drehte sie sich mit einem Achselzucken um, ließ sich am Rand des Schachtes in die Hocke sinken und tastete mit dem Fuß nach der ersten Leitersprosse.