»Was ist denn jetzt los?«, wunderte sich Leonie. »Ich dachte, du wolltest auf schnellstem Weg in die Schule zurück!«
»Da hatte ich auch noch keine Ahnung, dass hier etwas nicht stimmt«, antwortete Theresa, während sie mit einem Ausdruck höchster Konzentration nach der nächsten Leitersprosse tastete. »Ich muss wissen, was dort unten geschieht.« Sie zwang sich zu einem leicht verkniffenen Lächeln. »Außerdem sollten wir uns ein bisschen beeilen. Es sei denn, du legst Wert auf eine heiße Dusche.«
Leonie drehte instinktiv den Kopf und sah erschrocken zu den Rohren hin. Nichts rührte sich, aber Theresa hatte natürlich Recht: Es konnte Stunden dauern, bis der nächste Schwall kochend heißen Leims zu ihnen hereinsprudelte, genauso gut aber auch nur wenige Augenblicke. Sie beeilte sich, hinter Theresa an den Schacht zu treten, und folgte ihr, sobald ihre Hände die oberste Sprosse freigaben.
Der Abstieg dauerte nicht lange, doch die wenigen Minuten kamen Leonie wie ein Ewigkeit vor. Unter ihnen schimmerte ein blasses grünliches Licht, während Theresa und Leonie selbst in eine vollkommene Dunkelheit gehüllt waren. Die rostzerfressenen Sprossen ächzten nicht nur bedrohlich unter ihrem Gewicht, sondern waren auch mit allmählich erkaltendem Leim beschmiert, sodass es Leonie immer wieder spürbare Anstrengung kostete, die Hände von dem klebrigen Eisen zu lösen. Es war nicht nur widerlich, sondern auf Dauer auch schmerzhaft. Dazu kam die Hitze, die von unten zu ihnen emporstieg und mit jeder Leitersprosse weiter zuzunehmen schien, bis sie ihnen das Atmen schwer machte. Die Luft war so klebrig, dass Leonie das Gefühl hatte, sich allmählich selbst in einen Leimpinsel zu verwandeln. Vielleicht sollten sie sich besser beeilen, bevor sie an einem rostigen Tritt festklebten oder nach einem Blinzeln die Augen nicht mehr aufbekamen. Sie rief Theresa zu, ein wenig an Tempo zuzulegen.
Je tiefer sie kamen, desto öfter legte sie den Kopf in den Nacken und sah nach oben. Die Schachtmündung war längst verschwunden, und alles, was sie hörte, war das allmählich ansteigende Rauschen und Dröhnen des grünen Stromes unter ihnen, aber das, was sie nicht hörte, erledigten ihre außer Rand und Band geratene Fantasie und ihre Angst in perfekter Zusammenarbeit: Plötzlich war sie sicher, wieder dasselbe machtvolle Grollen zu vernehmen, das auch vorhin den Leimschwall angekündigt hatte. Und es kam eindeutig von oben.
Leonie rief sich in Gedanken zur Ordnung und sah wieder nach unten. Sie hatten ihr Ziel fast erreicht. Unter ihnen rauschte ein breiter Strom aus giftgrünem, kochendem Leim mit der Geschwindigkeit eines D-Zuges dahin. Er trug zahllose dunkle Gegenstände mit sich, die zu schnell vorbeiströmten um sie wirklich zu erkennen - auch wenn Leonie das ungute Gefühl hatte, eigentlich sehr wohl zu wissen, was da unter ihr entlangschoss, und es in Wahrheit nur nicht wissen zu wollen.
Theresa hatte das Ende des Schachtes erreicht und kletterte nun langsamer. Die Leiter hörte buchstäblich im Nichts auf. Theresas Beine baumelten plötzlich in der Luft, und sie wurde immer langsamer, während sie sich, jetzt nur noch an den ausgestreckten Armen hängend, weiter nach unten hangelte.
»Wie sieht es aus?«, rief Leonie zu ihr hinunter.
Theresa klammerte sich mit beiden Händen an die unterste Sprosse. Sie keuchte vor Anstrengung, bemühte sich aber, trotzdem, ganz zuversichtlich zu klingen. »Es... ist eine realistische Chance. Wir müssen... springen, aber es... ist zu schaffen.«
Theresa begann hin und her zu schwingen wie eine Zirkuskünstlerin am Trapez - und war dann plötzlich verschwunden. Noch bevor Leonie auch nur Zeit fand, wirklich zu erschrecken, wehte ein dumpfer Aufprall aus der Tiefe herauf, gefolgt von einem halblauten Ächzen.
»Theresa?«, rief sie ängstlich. »Ist alles in Ordnung?«
Es dauerte vielleicht eine Sekunde, bis Theresa antwortete, aber es war eindeutig die längste Sekunde ihres Lebens.
»Mir geht es gut«, rief sie mit einer Stimme, die sich nach dem genauen Gegenteil anhörte. »Nun komm schon. So schwer ist es nicht.«
»Ja«, maulte Leonie. »Ich muss ja einfach nur loslassen.« Sie zog eine Grimasse, kletterte weiter und hielt noch einmal inne, bevor sie zuerst den rechten und dann den linken Fuß von der Leiter löste. Ihr Herz begann zu rasen, während sie sich mit zusammengebissenen Zähnen Hand für Hand weiter in die Tiefe hangelte. Und einen Augenblick später konnte sie spüren, wie sich ihr die Haare sträubten.
Der Schacht mündete in der Decke eines halbrunden, bestimmt fünf oder sechs Meter breiten und etwa halb so hohen gemauerten Tunnels, durch den der kochende Strom schoss. Ein halbmeterbreiter Absatz aus rauem Ziegelstein fasste beide Seiten ein. Theresa hockte in sonderbar verkrampfter Haltung auf dem Absatz zur Rechten, was sie aber nicht daran hinderte, ihr demonstrativ fröhlich zuzuwinken.
In diesem Moment verlor Leonie den Halt. Sie schrie gellend auf, ließ die Sprosse los und flog in hohem Bogen durch die Luft. Der Tunnel vollführte einen rasenden Salto um sie herum, und aus dem Schacht, unter dem sie gerade noch gehangen hatte, ergoss sich ein dampfend heißer, giftgrüner Schwall in den Leimstrom, noch bevor Leonie das letzte Drittel ihrer anderthalbfachen Drehung beendet hatte und unmittelbar neben Theresa auf dem Absatz aufprallte.
Ihr Kopf schlug so hart gegen den Boden, dass sie Sterne sah. Irgendwie schaffte sie es zwar, nicht nur bei Bewusstsein zu bleiben, sondern sich sogar an dem rauen Stein festzuklammern, aber sie spürte auch, wie sie ins Rutschen geriet und in den Kanal hinabzugleiten drohte. Verzweifelt und blindlings griff sie um sich, krallte die Finger in die schmalen Fugen des uralten Mauerwerks und keuchte abermals vor Schmerz, als ihre Fingernägel einfach abbrachen und sie unaufhaltsam weiterrutschte. Ihr rechter Fuß berührte die Oberfläche des siedenden Stromes, und dieses Mal schrie sie in reiner Agonie auf, denn er war nicht nur heiß wie geschmolzenes Blei, sondern zerrte auch wie mit unsichtbaren Riesenfäusten an ihrem Bein. Noch eine Sekunde oder weniger und sie würde in den Strom hinabgezogen und bei lebendigem Leib gekocht werden!
Im buchstäblich allerletzten Moment packten entschlossene Hände nach ihr und zogen sie zurück auf den rauen Stein - und damit in Sicherheit.
Leonie rutschte mit einem Seufzer unendlicher Erleichterung auf die Seite und schloss für ein paar Sekunden die Augen. Für die gleiche Zeitspanne tat sie nichts anderes, als einfach dazuliegen und das köstliche Gefühl zu genießen, noch am Leben zu sein. Selbst der pochende Schmerz in ihrem Kopf erschien ihr wunderbar, denn wer Schmerzen verspürte, war schließlich noch am Leben.
Endlich aber hob sie die Lider, stemmte sich mühsam auf die Ellbogen hoch und sah zu Theresa hin. Ihre Lebensretterin hockte sonderbarerweise gute drei oder vier Meter von ihr entfernt auf dem schmalen Sims und starrte sie aus weit aufgerissenen Augen an. Der Schrecken über das, was gerade beinahe geschehen wäre, stand ihr überdeutlich ins Gesicht geschrieben.
»Danke«, sagte Leonie. »Ich glaube, du hast mir gerade das Leben gerettet.«
»Ich... ich war das nicht«, murmelte Theresa mit sonderbar tonloser Stimme, und das Entsetzen in ihren Augen wurde nicht schwächer, sondern schien sich im Gegenteil noch zu steigern. Und Leonie war auch nicht mehr ganz sicher, dass Theresa wirklich sie anstarrte. Möglicherweise galt der Ausdruck von Entsetzen in ihren Augen auch etwas ganz anderem, etwas, das hinter ihr stand. Leonie drehte mit einiger Mühe den Kopf und starrte in ein Gesicht, das geradewegs einem Albtraum entsprungen zu sein schien.
Selbst für einen Scriptor war die Kreatur außergewöhnlich hässlich. Ihr Mund war ein dünner, vollkommen lippenloser Schlitz, hinter dem ein Gewirr zwar nadelspitzer, aber ausnahmslos fauliger und schiefer Zähne wuchs. Die Nase war so scharf und gekrümmt wie ein türkischer Dolch, und die Augen standen viel zu dicht beieinander und waren von etwas erfüllt, das abgrundtiefe Bosheit und Tücke hätte sein können, wäre nur ein wenig mehr Lebenskraft in ihnen gewesen. So wirkte ihr Blick einfach nur wie ein stummes verzweifeltes Flehen.