»Du... warst das?«, rief Leonie ungläubig. Sie war nicht einmal wirklich erschrocken. Und wenn sie es recht bedachte, dann sah der Scriptor eigentlich auch nicht Furcht einflößend aus, sondern trotz aller unbestreitbaren Hässlichkeit vielmehr bemitleidenswert. Das Wesen wog allerhöchstens zwanzig Pfund, und als es mit einem wortlosen Nicken auf ihre Frage antwortete, hatte sie nicht nur den Eindruck, dass seine Haut um seine Gestalt schlackerte wie ein viel zu großes Kleidungsstück.
Der Scriptor war zwei oder drei Schritte vor ihr zurückgewichen und sah sie mit einem Ausdruck an, den Leonie nicht verstand, der ihr Herz aber so tief berührte, dass sie mit den Tränen kämpfen musste. Er hob die Hand um ihr zuzuwinken und Leonie stemmte sich mühsam vollends in die Höhe, streckte zugleich aber auch vorsichtshalber die linke Hand aus und hielt sich an der Wand des Tunnels fest. Sie war noch immer ein bisschen wackelig auf den Beinen, und ihr wurde erst jetzt nach und nach klar, wie schmal der gemauerte Pfad beiderseits des tosenden Stroms aus geschmolzenem Leim wirklich war, auf dem sie sich befanden. So viel zu dem, was Theresa unter einer realistischen Chance verstand.
»Du... du willst doch nicht etwa mit ihm gehen?«, keuchte Theresa.
»Immerhin hat er mir gerade das Leben gerettet, oder?«, gab Leonie zurück - allerdings ohne den Scriptor dabei auch nur eine Sekunde aus den Augen zu lassen. Das kleine Geschöpf wich rückwärts gehend Schritt für Schritt vor ihr zurück, aber sie hätte schon blind sein müssen um nicht zu sehen, dass es von ihr erwartete ihm zu folgen.
Sie hörte, wie Theresa hinter ihr aufstand und einen einzelnen zögernden Schritt machte, bevor sie abermals stehen blieb und scharf die Luft zwischen den Zähnen einsog. Als sie sich widerwillig halb zu ihr umdrehte, sah sie, dass hinter ihnen gleich ein halbes Dutzend Scriptoren aufgetaucht war. Die grotesken Wesen standen einfach nur da und sahen Theresa und sie an, ohne sich zu rühren oder irgendetwas zu sagen, doch der Sinn ihrer stummen Botschaft war vollkommen klar.
»Das... gefällt mir nicht«, sagte Theresa nervös.
»Vielleicht wollen sie uns etwas zeigen«, vermutete Leonie. Sie wartete, bis Theresa weitergegangen war und zu ihr aufgeschlossen hatte, dann setzte auch sie sich wieder in Bewegung und folgte dem Scriptor, der ihr das Leben gerettet hatte. Er trippelte mit hängenden Schultern und kleinen, irgendwie kraftlos wirkenden Schritten vor ihnen her und drehte nur manchmal den Kopf, wie um sich davon zu überzeugen, dass sie ihm auch wirklich nachkamen. Auch die anderen Scriptoren, die hinter Theresa aufgetaucht waren, setzten sich in Bewegung. Sie waren gerade eine Winzigkeit zu weit entfernt, als dass Leonie Details hätte erkennen können, aber sie hatte zumindest den Eindruck, dass sie auf ebenso unheimliche Weise verändert waren wie das einzelne Geschöpf vor ihnen.
»Ich frage mich, wohin sie uns wohl bringen«, murmelte sie.
Theresa antwortete nicht. Der Ausdruck auf ihrem Gesicht verhärtete sich noch weiter, und im ersten Moment glaubte Leonie, das wäre nur eine Reaktion auf die Anwesenheit der Scriptoren, doch dann registrierte sie, dass Theresas Blick starr auf den kochenden Fluss gerichtet war, an dem sie entlangmarschierten.
Der brodelnde Strom führte auch hier große Mengen des unterschiedlichsten Treibguts mit sich: zerfetzten Stoff, zerbrochene Möbel und Papier, aber auch formlose Körper unterschiedlicher Größe und in verschiedenen Stadien der Auflösung; Scriptoren und Schusterjungen, manchmal auch einen reglosen Aufseher, und einmal glaubte sie auch die hoch gewachsene Gestalt eines Redigators zu erkennen, die langsam um sich selbst drehend vorbeitrieb, wobei sich ihre Arme in der Strömung aus geschmolzenem Leim auf und ab bewegten, als winke sie ihnen zu.
Und Bücher. Zerfetzte, aufgequollene Bücher, roh herausgerissene Seiten und zerbrochene Einbände, halb zerschmolzene, langsam auseinander fließende Klumpen und zerknitterte Blätter, aber auch vollkommen unbeschädigte Bücher, die wippend wie kleine Flöße auf der grünen Flüssigkeit trieben, die allmählich ihre Substanz verzehrte. Dazwischen immer wieder reglose Körper, nicht nur Schusterjungen, Scriptoren und Aufseher, sondern auch Geschöpfe, die ihr vollkommen fremd waren und selbst im Prozess der Auflösung erschreckend wirkten.
Trotz der Hitze, die von dem reißenden Strom ausging, verspürte Leonie ein eisiges Frösteln. Der unterirdische Kanal war zu einem Totenfluss geworden. Sie gingen am Ufer des Styx entlang, und Leonie wagte nicht einmal sich vorzustellen, welch unbekannte Schrecken auf ihrer Wanderung noch lauern mochten.
Nach einer Weile sah sie wieder in die Richtung zurück, aus der sie gekommen waren, und stellte fest, dass sie jetzt nur noch einen Begleiter hatten. Die Scriptoren, die sie bisher begleitet hatten, waren ebenso lautlos wieder verschwunden, wie sie aufgetaucht waren, und Leonie spürte eine sonderbare Mischung aus Erleichterung und Sorge. Sosehr sie die Nähe der unheimlichen Geschöpfe auch mit Unbehagen erfüllt hatte, fühlte sie sich doch nun auf seltsame Weise im Stich gelassen. Mit jedem Schritt, den sie dem Scriptor tiefer in die düstere unterirdische Welt hinein folgten, fühlte sie sich mehr allein gelassen und weiter von zu Hause entfernt.
Theresa schien es nicht anders zu ergehen. Sie starrte weiter mit ausdruckslosem Gesicht auf den Fluss hinaus, aber sie sah auch immer öfter über die Schulter zurück, und so gut sie sich auch in der Gewalt haben mochte, gelang es ihr doch immer weniger, ihre Nervosität zu verbergen. Auch ihre Bewegungen wirkten fahrig und abgehackt, und das seltsame mattgrüne Licht, das hier unten herrschte, schien ihr Gesicht auf fast unheimliche Weise zu verwandeln: Hatte Leonie sie bisher für höchstens zehn Jahre älter als sich selbst gehalten, war es ihr plötzlich vollkommen unmöglich, ihr Alter auch nur annähernd zu schätzen. Sie schien... zeitlos, hätte ebenso gut achtzehn wie achtzig sein können, und trotz dieser fast gespenstischen Veränderung kam sie Leonie mit einem Mal so vertraut vor, als hätten sie nicht nur wenige Stunden, sondern ihr ganzes Leben miteinander verbracht. Die silberne Nadel, die sie an einer dünnen Kette um den Hals trug, schien sich in der unheimlichen Helligkeit zu bewegen, als wäre sie von eigenem Leben erfüllt.
Theresa musste ihre Blicke wohl gespürt haben, denn sie blieb stehen und hob fast erschrocken die Hand an die Brust, wie um die Piercing-Nadel vor ihr zu verbergen. Und in diesem Augenblick veränderte sich das Gesicht noch einmal und auf schreckliche Weise: Für den Bruchteil einer Sekunde glaubte Leonie einer uralten Frau gegenüberzustehen, einer Frau, die sie...
Nein. Das war vollkommen unmöglich. Sie hätte keinen magischen Blick für das Wesentliche gebraucht, um das zu merken! Leonie weigerte sich schlicht, den Gedanken auch nur zu Ende zu denken.
Theresa nahm die Hand herunter und der unheimliche Moment verging so rasch, wie er gekommen war.
»Ich... ich glaube, das gehört dir.« Sie hob die Hände in den Nacken, nestelte umständlich das dünne Goldkettchen los und reichte es Leonie. »Ich hätte es dir schon längst zurückgeben sollen. Entschuldige.«
»So war das nicht gemeint«, sagte Leonie hastig. »Ich wollte dich nicht anstarren.«
»Hast du auch nicht«, behauptete Theresa fast unwillig. Sie machte eine auffordernde Geste, als Leonie zögerte nach dem Kettchen zu greifen, und ließ es schließlich kurzerhand in Leonies ausgestreckte Handfläche fallen. »Und selbst wenn, wäre es nichts weniger als dein gutes Recht gewesen. Schließlich gehört sie dir.« Sie zwang ein nicht hundertprozentig überzeugendes Lächeln auf ihr Gesicht. »Du solltest gut darauf Acht geben, Leonie. Sie ist vielleicht das Letzte, was dich noch mit deinem alten Leben verbindet.«