Leonie schloss mit einem angedeuteten Nicken die Hand um das dünne Goldkettchen mit dem sonderbar geformten Anhänger und tatsächlich glaubte sie ein flüchtiges Gefühl von Wärme zu verspüren. Aber zugleich war sie auch nicht sicher, ob Theresa wirklich Recht hatte. Die Nadel mochte - abgesehen von ihren Erinnerungen - das Allerletzte sein, was sie noch mit ihrem alten Leben verband, aber sie begann zugleich auch zu ahnen, dass dieser Teil ihrer Vergangenheit unwiderruflich vorbei war. Zu viel war inzwischen geschehen, zu vieles hatte sich verändert, war zerstört oder verwandelt worden. Sie war nicht einmal sicher, ob sie dieses alte Leben, von dem Theresa gesprochen hatte, überhaupt zurückhaben wollte.
Trotzdem zögerte sie nur noch einen Moment, bevor sie sich die Kette überstreifte und sich wieder ihrem kleinen Führer zuwandte. Der Scriptor war noch ein paar Schritte weitergeschlurft: und dann ebenfalls stehen geblieben, um aus traurigen müden Augen zu ihnen zurückzublicken. Er rührte sich nicht, aber Leonie spürte, dass ihnen nicht mehr allzu viel Zeit blieb. Die Kräfte des kleinen Geschöpfes ließen rapide nach. Sie setzten sich wieder in Bewegung.
»Ich frage mich, wohin er uns bringt«, murmelte Theresa, nachdem sie dem Scriptor ein weiteres Stück gefolgt waren. »Und warum.«
Leonie antwortete nicht gleich. Der Scriptor schlurfte mit hängenden Schultern vor ihnen her und sie war jetzt sicher: Er war langsamer geworden. Seine Bewegungen wurden immer matter, und auch wenn ihr der Gedanke selbst verrückt vorkam - sie hatte mehr und mehr das Gefühl, dass er beständig kleiner wurde. »Erinnerst du dich, was der Scriptor in der Bücherei gesagt hat?«, fragte sie schließlich.
Theresa nickte düster. »Sinngemäß meinte er wohl, dass sie uns vernichten werden«, meinte sie bitter. »Ja.«
»Aber wer?«
Theresa schnaubte. »Kannst du dir denn das wirklich nicht denken?« Sie maß Leonie mit einem kurzen und fast vorwurfsvollen Blick, dann drehte sie mit einem Ruck den Kopf und starrte wieder auf den Fluss. Die Flut regloser Körper, zerbrochener Möbel und sich allmählich zersetzender Bücher schien noch zugenommen zu haben. In mehr oder weniger regelmäßigen Abständen mündeten große runde Schächte - ähnlich dem, durch den sie selbst hier heruntergekommen waren - in der Decke, aus denen immer wieder brodelnde grüne Sturzfluten sprudelten.
Sie schüttelte heftig den Kopf. »Nein.«
»Was?«, fragte Theresa.
»Das würde Vater nicht tun«, sagte Leonie überzeugt.
»Dein Vater, wie du ihn kennst, sicher nicht«, bestätigte Theresa.
»Was soll das heißen: Wie ich ihn kenne?«
Theresa seufzte. Als sie weitersprach, klang ihre Stimme nicht mehr bitter oder vorwurfsvoll, sondern auf unbestimmte Weise traurig; und ein bisschen enttäuscht. »Der Mann, der uns aus dem Archiv befreit hat, ist nicht mehr dein Vater, Leonie«, sagte sie. »Er hat sich verändert, mehr vielleicht, als ich es bisher befürchtet habe.«
»Quatsch!«, antwortete Leonie heftig. Vielleicht ein bisschen zu heftig, selbst für ihren eigenen Geschmack. Konnte es sein, dass sie tief in sich längst erkannt hatte, was Theresa ihr gerade zu sagen versuchte, und nur so harsch darauf reagierte, weil sie diese Wahrheit gar nicht hören wollte! Dennoch fuhr sie fort: »Ich kenne doch meinen Vater!«
»Ja, das dachte ich auch einmal«, antwortete Theresa mit einem milden Lächeln, das eigentlich gar nicht zu so einem jugendlichem Gesicht wie dem ihren zu passen schien. »Ich kannte deinen Vater gut, Leonie, auch wenn er sich selbst nicht mehr daran zu erinnern vermag. Es war immer ein sehr sanftmütiger Mensch, dem Harmonie und Frieden über alles gingen und ich fürchte, diesen Menschen gibt es nicht mehr.« Sie hob die Hand, als Leonie sie unterbrechen wollte, und fuhr eine Spur lauter fort:
»Du hast mich nicht richtig verstanden, als ich gesagt habe, er hat sich verändert. Ich meinte das wortwörtlich, Leonie.«
»Was... was soll das heißen«, fragte Leonie stockend. Ihr Herz begann zu klopfen.
»So, wie ich es sage«, antwortete Theresa. »Das Buch gibt seinem Besitzer die Macht, die Wirklichkeit zu verändern. Aber ich fürchte, dein Vater ist noch einen Schritt weiter gegangen. Er hat sich selbst verändert.«
»Sich selbst...?«, ächzte Leonie. »Du meinst, er... er hätte sich selbst umgeschrieben?!«
»Wenn dir dieser Ausdruck lieber ist«, erwiderte Theresa. »Du weißt, dass es so ist. Leonie, der Mann, der uns aus der Gewalt des Archivars befreit hat, sah nicht einmal mehr wirklich so aus wie dein Vater! Es war größer. Stärker. Von seinem neuen Selbstbewusstsein gar nicht zu reden!«
»Aber das... so etwas würde mein Vater niemals tun!«, protestierte Leonie.
Theresas Lächeln wurde noch eine Spur trauriger. »Nicht der Mann, den du gekannt hast, Liebling«, sagte sie sanft. Sie schüttelte den Kopf. »Wie oft habe ich das schon erlebt. Es beginnt immer gleich, Leonie. Harmlos und in allerbester Absicht. Meist sind es Kleinigkeiten. Vielleicht eine kleine Ungerechtigkeit des Schicksals, die korrigiert werden kann ohne dadurch irgendjemanden zu beeinträchtigen.« Sie hob die Schultern. »Aber wenn man schon einmal dabei ist, warum dann nicht auch gleich den angeborenen Herzfehler beseitigen oder die krumme Nase? Den schief gewachsenen Zahn, über den sich immer schon alle lustig gemacht haben? Und warum nicht ein wenig stärker werden und vor allem gesünder?« Sie lachte, ganz leise, aber auch sehr bitter. »Es fängt immer gleich an, Leonie, und es endet immer gleich. Der Mensch ist einfach nicht dafür geschaffen, absolute Macht zu besitzen. Nicht über die Welt und schon gar nicht über sich selbst.«
Leonie sagte nichts mehr dazu. Sie weigerte sich noch immer, auch nur die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, dass Theresa Recht haben könnte - aber es war nur ihr Verstand, der darauf beharrte. Tief in sich wusste sie, dass genau das passiert war. Sie hatte es schon gewusst, lange bevor Theresa es aussprach.
Sie gingen eine geraume Weile in unbehaglichem Schweigen nebeneinander her, dann blieb Theresa plötzlich stehen, legte den Kopf auf die Seite und schloss die Augen um zu lauschen.
»Was hast du?«, fragte Leonie alarmiert.
Theresa hob abwehrend die Hand. »Hörst du nichts?«
Auch Leonie lauschte nun konzentriert und kurz darauf glaubte sie ein dumpfes, noch weit entferntes Grollen und Brausen zu hören; ein Geräusch ganz ähnlich dem, das sie vorhin oben in der Kammer gehört hatte, nur ungleich machtvoller und auf schwer fassbare Weise bedrohlicher.
»Was ist das?«, fragte sie.
Theresa hob die Schultern, aber es wirkte nicht sonderlich überzeugend. »Hoffentlich nicht das, was ich befürchte«, sagte sie und setzte sich wieder in Bewegung. »Komm.«
Sie gingen jetzt schneller, und auch der Scriptor schritt rascher aus, so weit ihm dies überhaupt noch möglich war. Er schwankte jetzt mehr, als er ging, und ein paarmal glaubte Leonie auch zu sehen, dass seine Füße schmierige hellgrüne Abdrücke auf dem Stein hinterließen. Nach und nach wurde das Grollen und Brausen lauter, und bald gesellte sich auch noch ein sachtes Vibrieren hinzu, das anfangs nur in der Luft zu schweben schien, bis es so gewaltig wurde, dass der Boden unter ihren Füßen zitterte.
Theresa hob plötzlich die Hand und deutete nach vorne. Leonies Blick folgte der Geste. Im ersten Moment erkannte sie nur so etwas wie eine grün schimmernde Unendlichkeit, doch schon nach ein paar weiteren Schritten sah sie, worauf Theresa sie hatte aufmerksam machen wollen, und wurde instinktiv langsamer.