Nicht weit vor ihnen beschrieb der gewaltige unterirdische Fluss einen sanften Bogen nach links. Nun aber war die gemauerte Wand gewaltsam durchbrochen worden, sodass der Strom sein angestammtes Bett verlassen hatte. Der schimmernde grüne Nebel, den sie aus der Entfernung gesehen hatten, war nichts anderes als die sprühende Gischt, mit der sich der kochende Leim an den Wänden des mit roher Gewalt geschaffenen Lochs brach.
Theresa beschleunigte plötzlich ihre Schritte, sodass sie nach einem Augenblick nicht nur den Scriptor überholte, sondern selbst Leonie Mühe hatte, mit ihr mitzuhalten. Sie war vollkommen außer Atem, als sie an der Biegung anlangten und Theresa ohne auch nur einen Sekundenbruchteil zu zögern über das Gewirr von Steinen und herausgebrochenem Mauerwerk zu steigen begann, das den Boden hier bedeckte.
Leonie folgte ihr, so schnell sie konnte, fiel aber nun trotzdem immer rascher zurück. Die Steine bildeten nicht nur ein nahezu unübersteigbares Hindernis, sondern waren darüber hinaus auch noch mit einer glibberigen Schicht aus halbflüssigem Leim bedeckt, was jeden Schritt zu einer lebensgefährlichen Kletterpartie werden ließ. Unmittelbar neben ihnen schoss der brüllende Strom dahin, der mittlerweile so reißend war, dass ein Sturz nichts anderes als den sicheren Tod bedeutet hätte. Theresa schien die Gefahr jedoch nicht einmal zu registrieren. Geschickt wie eine Bergziege, aber ungleich schneller kraxelte sie über das Gewirr von scharfkantigen Steinen und Felstrümmern und blieb schließlich mitten in der Bresche im Mauerwerk stehen.
Irgendwie brachte Leonie das Kunststück fertig, zu ihr aufzuschließen, ohne sich mehrere Knochen zu brechen oder kopfüber in die kochend heiße Brühe zu fallen. Theresa stand hoch aufgerichtet und starrte aus entsetzt aufgerissenen Augen nach unten. Leonies Herz machte einen erschrockenen Sprung, als ihr Blick dem Theresas folgte.
Kaum einen halben Meter neben ihnen verwandelte sich der Leimstrom in einen stiebenden grünen Wasserfall, der mit einem ungeheuren Tosen in der Tiefe verschwand, wobei er alles mit sich riss, was als Treibgut an Leonie vorbeigeschwommen war. Es war ihr unmöglich, zu sagen, wie tief der Abgrund war, in den sich der Strom ergoss. Er schien bodenlos zu sein, ganz ähnlich dem, in den der Zug gestürzt war, und so wie bei jener gigantischen Schlucht konnte sie auch hier den gegenüberliegenden Rand nicht erkennen. Falls es ihn überhaupt gab.
»Was... was ist das?«, flüsterte sie mit dünner, zitternder Stimme.
»Das Nichts«, antwortete Theresa leise. Leonie verstand ihre Worte über dem Tosen des Wasserfalls kaum, aber irgendwie war das auch nicht mehr nötig. Das unheimliche schwarze Nichts, vor dem sie standen, schien nicht nur den grünen Strom aufzusaugen, sondern die Wirklichkeit selbst. Menschliche Stimmen hatten hier so wenig Bestand wie irgendetwas anderes. »Das vollkommene Nichts, aus dem alles entstanden ist und in das eines Tages alles zurückkehren wird.« Sie schluckte mühsam. »Aber doch noch nicht jetzt«, flüsterte sie. »Um Himmels willen, doch jetzt noch nicht! Was hat er getan?«.
Vielleicht war es nicht einmal das, was Theresa sagte, sondern vor allem der Unterton puren Entsetzens in ihrer Stimme, der auch Leonie schier den Atem nahm. Sie erinnerte sich plötzlich wieder an das, was Theresa ihr über das Archiv erzählt hatte: Was sie sahen, war nicht die Realität. Es kam dem, was hier unten wirklich war, nicht einmal nahe, denn sie befanden sich in einer Welt, die weder für Menschen gemacht noch für ihre Sinne erfassbar war. Was sie sahen, war nur das, was ihr menschlicher Verstand ihnen zu sehen vorgaukelte, in dem Versuch, eine begreifbare Realität in etwas hineinzuinterpretieren, an dem er sonst zerbrochen wäre. Die Bresche, vor der sie standen, war mehr als nur ein Loch in einer Wand und die bodenlose Schwärze dahinter mehr als nur Dunkelheit. Vor ihnen lag nichts mehr als das große Vergessen, dem kein Erwachen mehr folgen würde. Es war nicht das Ende der Welt, dachte sie schaudernd, oder das Ende des Universums oder der Zeit, sondern das Ende von allem.
Jemand hatte ein Loch in die Wirklichkeit gerissen.
Und Theresa und sie wussten auch wer.
Doch dieses Wissen half ihnen in diesem Augenblick kein Stück weiter. Sie standen einfach nur am Rand des bodenlosen Schlunds und starrten in das alles verschlingende Nichts hinab - wie lange, das hätte Leonie später nicht zu sagen vermocht; vermutlich spielte es auch gar keine Rolle, denn Zeit bedeutete an diesem schrecklichen Ort am Rande der Wirklichkeit nichts. Irgendwann jedenfalls konnte sie es nicht mehr ertragen und kletterte über die glitschigen Steine zurück auf halbwegs sicheren Boden und noch einmal eine Ewigkeit später folgte ihr auch Theresa.
Der Scriptor hatte die ganze Zeit über schweigend auf sie gewartet, und jetzt, als sie das unvorstellbar furchtbare Nichts erblickt und begriffen hatten, warum er sie hierher geführt hatte, drehte er sich einfach um und schlurfte vor ihnen her. Leonie versank vollständig in sich selbst, und während sich ihre Füße ohne ihr Zutun zu bewegen schienen, schossen ihr tausend verrückte Gedanken durch den Kopf.
Ihr Vater war dabei, die Welt zu vernichten. So absurd dieser Gedanke in ihren Ohren klang, so einfach und grässlich war er. Sie wusste, dass Theresa Recht hatte.
Schließlich kamen sie zu einer Treppe, die so gewendelt wie das Haus einer versteinerten prähistorischen Riesenschnecke in die Höhe führte. Leonie wusste nicht, wie viele Stufen sie schon zurückgelegt hatten, als sich der Schleier über ihrem Verstand allmählich zu lichten begann, aber es mussten Hunderte sein. Ihre Waden waren mittlerweile so verkrampft, als hätten sich dort ihre Muskeln in hölzerne Stöcke verwandelt, und ihr Rücken schmerzte unerträglich. Trotzdem kam kein Laut der Klage über ihre Lippen und sie wurde nicht einmal langsamer. So schlimm der Schmerz war, hatte sie doch das Gefühl, ohne ihn im Moment nicht weiterleben zu können, denn obwohl ihr jeder Schritt eine schier unerträgliche Qual bereitete, hatte sie doch zugleich auch etwas, wogegen sie ankämpfen konnte; und daraus nahm sie die Kraft, überhaupt noch weiterzugehen.
Ihrem kleinen Führer schien es dagegen richtig schlecht zu gehen. Schon seit einer geraumen Weile war der Scriptor immer langsamer geworden. Seine Schritte waren schleppend und er stolperte immer öfter, obwohl er sich mit der Hand an der Mauer abstützte und vor jeder Stufe, die er in Angriff nahm, einen unmerklichen Augenblick zögerte um neue Kraft zu schöpfen. Zwei Mal war er bereits auf die Knie herabgefallen und hatte sich jedes Mal mit allergrößter Anstrengung wieder auf die Beine gekämpft, und das letzte Mal nur, um sogleich wieder zu stürzen, wobei er einen schmierigen hellgrünen Fleck auf den steinernen Treppenstufen hinterließ. Als er das erste Mal ausgerutscht war, hatte Leonie versucht ihm aufzuhelfen, aber der Scriptor war ihrer Berührung fast panisch ausgewichen und hatte sogar kraftlos nach ihr geschlagen, sodass es bei diesem einen Versuch geblieben war. Leonie war schon seit einer ganzen Weile klar, dass der Scriptor sterben würde, aber er wollte ganz offensichtlich nicht, dass sie ihm half.
»Er ist nicht der Einzige«, sagte Theresa plötzlich. Leonie sah sie einen Moment lang verständnislos an und Theresa fuhr mit einer müden Geste auf die verkrümmte, grauhäutige Gestalt auf den Treppenstufen fort: »Die Scriptoren. Sie sterben. Und ich glaube, alle anderen auch.«
»Der Leimtopf«, vermutete Leonie.
Theresa lächelte traurig. »Es ist kein Leim. So wenig wie das hier eine Treppe ist, oder dieses Geschöpf ein lebendes Wesen. Es ist die Essenz des Archivs. Der Stoff, aus dem unsere Erinnerungen gemacht sind. Und er vergeht, Leonie.«
»Und was sollen wir jetzt tun?«, fragte Leonie leise.
»Tun?« Theresa blickte traurig auf den sterbenden Scriptor hinab. »Ich weiß es nicht«, gestand sie. »Ich fürchte, es gibt nichts mehr, was wir noch tun können. Vielleicht möchte ich deinem Vater nur noch eine einzige Frage stellen: Warum?«