Der Scriptor stemmte sich wimmernd in die Höhe, quälte sich zwei weitere Stufen die Treppe hinauf und sank mit einem Keuchen, das etwas Endgültiges hatte, gegen die Wand. Der Anblick brach Leonie schier das Herz, aber sie widerstand der Versuchung, sich zu ihm hinabzubeugen und ihn einfach in die Arme zu schließen, um ihm seine letzten Augenblicke zu erleichtern. Der Gedanke, dass sie diese Geschöpfe einmal als ihre Todfeinde betrachtet hatte, kam ihr jetzt geradezu absurd vor.
»Wenn ich nur wüsste, wie ich dir helfen kann«, sagte sie leise. Ihre Stimme versagte beinahe.
»Du kannst nichts mehr für ihn tun«, meinte Theresa. »Es geht zu Ende. Nicht nur mit ihm.«
Der Scriptor hob mühsam einen Arm und deutete die Treppe hinauf.
Dann starb er.
Leonie drehte sich mit einem Ruck weg und schloss für die Dauer von zwei oder drei Herzschlägen die Augen. Als sie wieder hinsah, war der Scriptor verschwunden. Von ihm war nicht mehr zurückgeblieben als ein zerschlissener schwarzer Mantel und ein grüner Schmierfleck auf den Stufen.
Theresa blickte nachdenklich nach oben, in die Richtung, in die der Scriptor gedeutet hatte. »Ich frage mich, was dort oben ist«, murmelte sie. Plötzlich erschien so etwas wie ein Funke neuer Hoffnung in ihren Augen. Sie fuhr herum, sah einen Moment lang Leonie und dann deutlich länger und mit nachdenklich gerunzelter Stirn das an, was von dem Scriptor übrig geblieben war.
»O verdammt, wie konnte ich nur so dumm sein!«, murmelte sie. Mit einem Mal wirkte sie furchtbar erregt und begann wild mit beiden Händen in der Luft herumzufuchteln. »Ja, verstehst du denn nicht, Leonie?«, sprudelte sie hervor. »Er hat es uns doch gesagt! Heute Morgen, in der Bücherei! Der Scriptor dort hat uns angefleht ihnen zu helfen!«
»Ja - und?«, fragte Leonie verständnislos.
»Bisher hat er uns nur Dinge gezeigt«, antwortete Theresa erregt. »Aber es muss etwas geben, was wir tun können, sonst hätte er uns nicht hierher gebracht. Es muss dort oben sein. Komm!« Sie stürmte los, rannte drei oder vier Stufen die Treppe hinauf und blieb wieder stehen. »Worauf wartest du?«
Leonie war noch immer viel zu perplex, um sich auch nur von der Stelle zu rühren. Nachdem Theresa noch vor einem Augenblick am Boden zerstört gewesen war, schien sie nun vor neuer Energie zu bersten. Sie setzte zu einer entsprechenden Frage an, aber Theresa ließ sie gar nicht erst zu Wort kommen, sondern winkte heftig mit den Händen und kam gleichzeitig die Treppe wieder herab, wie um Leonie nötigenfalls einfach am Arm zu packen und mit sich zu ziehen.
»Nun komm schon. Es kann nicht mehr weit sein.«
Leonie fand keine Gelegenheit, sie zu fragen, woher sie diese Gewissheit nahm. Sie war im Grunde schon froh, dass Theresa es jetzt dabei bewenden ließ, in etwas schnellerem Tempo als bisher weiterzugehen, und nicht etwa die Treppe hinaufrannte.
Zu ihrem Glück war es tatsächlich nicht mehr sehr weit. Leonie schätzte, dass sich die Treppe vielleicht noch dreißig oder vierzig Stufen in die Höhe schraubte, bevor sie durch eine niedrige Tür traten, die auf eine der ihnen schon hinlänglich bekannten Galerien hinausführte. Stimmengewirr, geschäftiges Hantieren und Rumoren drangen zu ihnen herauf, lang nachhallende Hammerschläge und ein dumpfes Knirschen und Bersten und einmal ein dumpfer Schlag, dem ein heftiges Vibrieren des Bodens folgte, als wäre etwas ungemein Großes und Schweres umgefallen. Theresa und Leonie blieben unwillkürlich für einen kurzen Moment stehen, bevor sie weitergingen und nebeneinander an das brusthohe Geländer traten.
Unter ihnen erstreckte sich eine gewaltige kreisrunde Halle mit zahlreichen Ein- und Ausgängen, die früher einmal so etwas wie ein zu groß geratener Maschinenraum gewesen sein musste, nun aber einen einfach nur noch chaotischen Anblick bot. Wohin Leonie auch blickte, sah sie geheimnisvolle, riesige Maschinen, gewaltige Gebilde aus rostzerfressenem Eisen und mannsdicken Balken aus geteertem Eichenholz, hoch wie ein mehrstöckiges Haus, und manche so wuchtig, dass sie eher wie gestrandete eiserne Schiffe wirkten. Da waren riesige Pleuelstangen und Kolben, doppelt mannshohe Zahnräder und hausgroße Kessel, Hebel, die für die Hände von Riesen gemacht zu sein schienen, und Rohrleitungen, die drei Männer zugleich mit ausgestreckten Armen nicht hätten umfassen können. In der Luft lag noch immer der Geruch von heißem Metall und Öl, doch nicht eine dieser geheimnisvollen Maschinen arbeitete noch.
Das konnten sie auch gar nicht, denn die Halle wimmelte nur so von Männern, die emsig damit beschäftigt waren, sie auseinander zu nehmen.
Leonie sog erschrocken die Luft zwischen den Zähnen ein, als ihr klar wurde, was dort unter ihnen geschah. Es waren Männer der Stadtgarde, Hunderte, wenn nicht Tausende, die allein oder in kleineren und größeren Gruppen dabei waren, die Maschinen mit wenig Rücksicht und großer Effektivität in Kleinteile zu zerlegen. Schrauben wurden herausgebrochen, Rohrleitungen grob in Stücke gehackt, gewaltige Zahnräder mit noch gewaltigeren Brechstangen auseinander gerissen oder kurzerhand in Stücke gebrochen. Leonie korrigierte in Gedanken den ersten Eindruck, den sie von dem Geschehen in der Halle gewonnen hatte: Diese Männer waren nicht damit beschäftigt, die Maschinen abzubauen. Sie zerstörten sie.
»Was bedeutet das?«, murmelte sie benommen.
Theresa lachte bitter. »Ich glaube, du kennst die Antwort.« Sie schloss die Augen und schüttelte mit einem hörbaren Seufzen den Kopf. »Er leistet ganze Arbeit, das muss man ihm lassen.«
»Wer?«, fragte Leonie.
Bevor Theresa antworten konnte, sagte eine Stimme hinter ihr: »Ich glaube, deine neue Freundin meint mich.«
Leonie fuhr mit einem Schreckenslaut herum und ihr Vater führte den Satz mit einem angedeuteten Achselzucken und einem säuerlichen Lächeln in Theresas Richtung zu Ende: »Auch wenn ich nicht ganz sicher bin, ob ich mich wirklich geschmeichelt fühlen soll.«
Er war nicht allein gekommen. Wie aus dem Nichts erschienen zwei hoch gewachsene Männer im typischen Weiß und Rot der Stadtgarde neben ihm, und Leonie wusste einfach, dass hinter ihnen weitere Gardisten warteten.
»Wie geht es dir, Leonie?«, fragte Vater.
»Meinst du diese Frage ernst?«, schnappte Theresa, bevor Leonie auch nur einen einzigen Ton herausbekam. Ihre Augen blitzten kampflustig und sie trat herausfordernd auf Vater zu. Einer der beiden Stadtgardisten setzte dazu an, ihr den Weg zu vertreten, aber Vater machte eine rasche Geste und der Mann entspannte sich wieder. »Deine Tochter wäre fast ums Leben gekommen!«
»Stimmt das?«, fragte Vater, direkt an Leonie gewandt und mit einem plötzlichen Ausdruck von Sorge in den Augen.
»Sie übertreibt«, antwortete Leonie ausweichend. »Es war ein bisschen ungemütlich, aber nicht wirklich gefährlich.«
»Ja, und wie ich dich kenne, würdest du das auch noch behaupten, wenn du gerade deinen Kopf unter dem linken Arm trägst«, meinte Vater kopfschüttelnd. Aus der Sorge in seinen Augen wurde mühsam unterdrückter Zorn, als er sich zu Theresa umdrehte. »Sie haben Glück, dass Leonie nichts zugestoßen ist!«, sagte er mit drohend gesenkter Stimme.
»Hättest du mich sonst erschießen lassen?«, fragte Theresa patzig. »Oder vielleicht lebendig irgendwo einmauern?«
Leonies Vater war klug genug, die Herausforderung nicht anzunehmen, sondern Theresa nur mit einem ärgerlichen Blick zu bedenken, bevor er sich wieder seiner Tochter zuwandte. Sein Tonfall wurde zwar milder, blieb aber dennoch vorwurfsvoll. »Und von dir hätte ich ebenfalls ein bisschen mehr Vernunft erwartet. Großer Gott, Leonie, weißt du eigentlich, was dir alles hätte passieren können? Es ist schon fast ein kleines Wunder, dass ihr noch am Leben seid!«
»Ich stehe nun mal nicht darauf, eingesperrt zu werden«, antwortete Leonie trotzig.