»Eingesperrt?« Die linke Augenbraue ihres Vaters rutschte ein Stück nach oben und er presste die Kiefer so fest aufeinander, dass Leonie glaubte seine Zähne knirschen zu hören. Er hatte sich augenblicklich wieder in der Gewalt, aber Leonie begriff, dass Theresa Recht hatte: Ihr Vater hatte sich verändert.
»Du kannst es meinetwegen eine Schule nennen, aber für mich war es ein Gefängnis. Noch dazu eines mit einem scharfen Wachhund.«
Ihr Vater seufzte. »Ich weiß zwar, dass ich meinen Atem verschwende, aber ob du es mir nun glaubst oder nicht, es geschah nur zu deinem Schutz. Ich habe Frank nicht beauftragt, dich zu bespitzeln, sondern dich zu beschützen.«
»Wovor?«, fragte Leonie zornig. »Wer sollte mir wohl etwas tun?«
Ihr Vater seufzte wieder. »Ihr beide«, sagte er betont und mit einem raschen, dafür aber wenig freundlichen Seitenblick auf Theresa, »habt euch mit Mächten eingelassen, denen ihr nicht gewachsen seid. Du bist in Gefahr, Leonie, ganz gleich auf welcher Seite der Wirklichkeit du dich aufhältst. Aber ich hätte dich vielleicht besser beschützen sollen. Seine Macht ist hier viel größer.«
»Seine Macht?«, fragte Theresa.
»Der Archivar«, antwortete Vater. »Er ist noch nicht besiegt. Meine Truppen schlagen die seinen, wo immer sie aufeinander treffen, aber der Krieg ist noch längst nicht vorbei.«
»Krieg?«, murmelte Leonie verständnislos. »Truppen? Was... was für ein Krieg?«
Bevor ihr Vater antworten konnte, ließ Theresa ein leises, durch und durch humorloses Lachen hören. »Du hast doch nicht wirklich geglaubt, dass dein treu sorgender Vater nur gekommen ist um dich zu retten«, bemerkte sie böse. »Natürlich war das auch ein Grund - oder sollten wir lieber sagen: ein willkommener Vorwand?«
Ihr Vater starrte sie an. Er sagte nichts, aber in seinem Gesicht arbeitete es.
»Und wenn wir schon einmal hier sind, dann gibt es eigentlich keinen vernünftigen Grund, wieder zu gehen, nicht wahr?«, fuhr Theresa ungerührt fort. Ihre Stimme triefte nur so vor Hohn. »Wo die Sache einmal so gut in Schwung ist, können wir die Gelegenheit ja auch gleich nutzen, um reinen Tisch zu machen.«
»Reinen Tisch zu machen?«, wiederholte Leonie ungläubig. Ihr Blick wanderte verständnislos von Theresas Gesicht zu dem ihres Vaters und wieder zurück. Die beiden starrten sich fast hasserfüllt an, und es war klar, dass keiner von ihnen auch nur einen Fingerbreit nachzugeben bereit war. »Was soll das heißen?«
Wie auf ein Stichwort erzitterte die gewaltige Halle unter ihnen in diesem Moment wieder unter einem gewaltigen Schlag. Leonie fuhr erschrocken herum und auch Theresa wandte sich um und sah in die Halle hinab. Ein weiteres der gigantischen Zahnräder - es war höher als Leonies Elternhaus und musste zahllose Tonnen wiegen - war umgefallen und in drei Teile zerborsten. Die Wucht des Aufpralls hatte den Boden darunter zerbrochen, und aus den gezackten, an erstarrte schwarze Blitze erinnernden Rissen drang wabernder giftig grüner Dampf, der sich allmählich um das gewaltige Trümmerstück herum auszubreiten begann. Leonie sah, wie sich Arbeiter und Soldaten hastig vor diesen tastenden Nebelfetzen in Sicherheit brachten, als handele es sich um giftiges Gas.
»Das siehst du doch.« Theresa beantwortete die Frage, die eigentlich an ihren Vater gerichtet gewesen war, mit einiger Verspätung und einer entsprechenden Geste nach unten, und Leonie fuhr erneut und noch erschrockener zusammen, als ihr Blick der Handbewegung folgte und sie beobachtete, wie einer der Männer in Weiß und Rot in seiner Hast ins Stolpern geriet, fiel und nicht schnell genug wieder auf die Füße kam, sodass ein Zipfel der wabernden grünen Schwaden über ihn hinwegglitt wie eine suchende Hand. Als sich der leuchtende Dunst verzog, war auch der Mann verschwunden. Leonie schlug mit einem verhaltenen Schrei die Hand vor den Mund.
Ihr Vater trat mit einem einzigen schnellen Schritt neben sie, blickte einen Moment lang irritiert in die Tiefe und legte ihr dann mit einem beruhigenden Lächeln die Hand auf die Schulter. »Keine Angst«, sagte er, »da ist nichts.«
»Nichts?!« Leonie schlug seine Hand regelrecht beiseite und wich instinktiv zwei Schritte vor ihm zurück »Der Mann ist tot!«, keuchte sie.
»Aber wie kann etwas sterben, das niemals gelebt hat?«, fragte Theresa spöttisch. Sie schüttelte heftig den Kopf, als Leonie antworten wollte. »Dein Vater hat sich seine kleine Privatarmee erschaffen, verstehst du das immer noch nicht?« Sie deutete in die Halle hinab. »Das da sind sozusagen seine Scriptoren. Und er benutzt sie nicht anders als der Archivar seine Truppen.« Sie seufzte tief. »Hier unten herrscht Krieg, Leonie. Vielleicht der gnadenloseste Krieg, den es jemals gegeben hat. Dein Vater vernichtet das Archiv.«
»Das ist nicht wahr, oder?«, murmelte Leonie. Mühsam drehte sie sich wieder um und zwang sich ihrem Vater ins Gesicht zu blicken. »Sag, dass... dass das nicht wahr ist! Du kannst doch hier nicht alles zerstören! Nicht einfach so!«
Wieder blitzte reiner Zorn in den Augen ihres Vaters auf. Sie konnte sehen, wie er zu einer wütenden Antwort ansetzte, aber er beherrschte sich auch dieses Mal. Statt sie anzufahren, wonach ihm sichtlich der Sinn stand, drehte er sich mit einem Ruck um und gab ihr gleichzeitig einen herrischen Wink. »Komm mit!«
Sie verließen die Galerie durch die gleiche Tür, durch die Theresa und sie getreten waren, nur dass sie jetzt nicht mehr auf eine endlos lange Wendeltreppe hinausführte, sondern in einen langen, strahlend hell erleuchteten Gang mit sauberen weißen Wänden. Es roch nach frischer Farbe und in der Luft lag noch jenes schwache Echo hektischer Aktivität, wie man es manchmal in gerade fertig gestellten Häusern oder frisch renovierten Wohnungen wahrnimmt.
»Du verschwendest keine Zeit, wie?«, fragte Theresa spöttisch.
»Man tut, was man kann«, antwortete Leonies Vater ungerührt. Er schritt rascher aus, um eine Tür am Ende des Korridors zu erreichen. Sie glitt mit einem kaum hörbaren Summen vor ihm zur Seite, als er noch zwei Schritte davon entfernt war. Dahinter kam ein kleiner, ganz mit verchromtem Metall vertäfelter Raum zum Vorschein. Erst als Theresa und Leonie hinter Vater eintraten, entpuppte er sich als eine Liftkabine.
Zu ihrer Überraschung folgten ihnen Vaters Begleiter nicht, sondern blieben reglos draußen auf dem Gang stehen, bis die Lifttüren geschlossen waren und sich die Kabine lautlos in Bewegung setzte. Es hätte auch einigermaßen komisch ausgesehen, dachte Leonie: diese supermoderne Fahrstuhlkabine und zwei Männer in mittelalterlichen Kleidern und Waffen.
Theresa sah sich demonstrativ in der kleinen, rundum verspiegelten Kabine um. Die Tür schloss so perfekt, dass man schon sehr genau hinsehen musste, um den haarfeinen Spalt zu erkennen. Es gab keine sichtbaren Knöpfe oder andere Bedienungselemente, und Leonie konnte sich auch nicht erinnern, dass ihr Vater irgendetwas gesagt hatte, nachdem sie in den Lift getreten waren. Trotzdem spürte sie, wie sich die Kabine immer schneller und schneller nach oben bewegte.
»Schick«, bemerkte Theresa sarkastisch. »Könnte glatt aus STAR TREK stammen. Warum beamen wir uns nicht gleich ans Ziel?«
Einen Moment lang machte Vater ganz den Eindruck, als hielte er es nicht für nötig, auf eine so dumme Frage überhaupt zu antworten. »So funktioniert das nicht, junge Dame«, sagte er schließlich. »Es reicht nicht, sich etwas zu wünschen. Es ist hier etwas einfacher, Dinge zu erschaffen, das will ich gerne zugeben, aber man muss schon wissen, wie sie funktionieren.«
»Na ja, da ist zerstören deutlich einfacher, das sehe ich ein«, meinte Theresa spitz.
»Niemand zerstört hier etwas«, erwiderte Vater zornig. »Sie sind ein bisschen vorschnell mit Ihren Urteilen, finden Sie nicht?«
»Vielleicht ja auch nur dem gegenüber, was ich sehe«, entgegnete Theresa. Aber sie klang ein ganz kleines bisschen unsicher, fand Leonie, so als spürte sie selbst, dass der Anteil von Trotz in ihrem Tonfall weit größer war, als er sein durfte, wenn sie auch nur eine Spur von Glaubhaftigkeit behalten wollte. Ihr Vater machte sich dann auch gar nicht erst die Mühe, noch einmal zu antworten, sondern beließ es bei einem Achselzucken und schwieg, bis der Aufzug sein Ziel erreicht hatte und die Türhälften wieder auseinander glitten.