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Der Anblick verschlug Leonie buchstäblich die Sprache. Vor ihnen lag ein hell erleuchteter, weiß gestrichener Gang, der nach einem knappen Dutzend Schritten auf eine der Leonie schon hinlänglich bekannten Galerien hinausführte. Doch damit hörte die Ähnlichkeit mit allem, was Leonie jemals hier unten gesehen hatte, auch schon auf.

Die Galerie war weitaus breiter, als sie sie in Erinnerung hatte, und verfügte über ein Geländer aus mattiertem Chrom statt porösem Stein und wurde zur Halle hin von einer schräg nach außen geneigten Glasscheibe begrenzt. Der Boden bestand aus hellgrauem Kunststoff, wie auch die kleinen Sitzgruppen, die in regelmäßigen Abständen auf der Galerie platziert waren. Große Blumenkübel, die sich mit modernen Plastiken und Kunstobjekten aus Plexiglas und Aluminium abwechselten, vervollständigten den Eindruck, sich auf dem Aussichtsbalkon eines modernen Bürohochhauses zu befinden. Als Leonie den Blick hob, stellte sie fest, dass die Trennscheibe bis an die Unterkante der nächsthöheren Galerie hinaufreichte. Das System setzte sich unter und über ihnen fort, sodass es nirgendwo eine direkte Verbindung zum Inneren der Halle gab.

Theresa, die vorausgegangen war, trat an die verchromte Brüstung und blieb dann mit einem so plötzlichen Ruck stehen, als wäre sie unmittelbar vor der Glaswand gegen ein unsichtbares Hindernis geprallt. Leonie sah, wie sich ihre Haltung versteifte. Sie ging schneller, blieb neben Theresa stehen und starrte sie besorgt an.

Theresas Gesicht hatte jedes bisschen Farbe verloren. Sie stand stocksteif und wie zur Salzsäule erstarrt da, aber sie zitterte dennoch am ganzen Leib, und in ihren Augen stand ein Entsetzen geschrieben, als blickte sie geradewegs in den Schlund der Hölle hinab. Leonies Herz begann wie verrückt zu klopfen, als sie sich umdrehte und ebenfalls nach unten sah.

Im ersten Moment fiel ihr nichts Ungewöhnlicheres auf, als dass es tatsächlich so war, als würde sie auf dem Balkon eines modernen Bürohochhauses stehen und in dessen Innenhof hinabsehen, aber dann wurde ihr schlagartig klar, was hier nicht stimmte, und sie konnte spüren, wie auch aus ihrem Gesicht schlagartig alle Farbe wich.

Sie kannte diesen Raum. Sie hatte schon einmal auf dieser Galerie gestanden und in die riesige runde Halle hinabgesehen und es war noch nicht einmal lange her - nur hatte sich beides so sehr verändert, dass sie es selbst jetzt kaum wiedererkannte, obwohl sie wusste, wo sie sich befanden.

Unter ihnen lag der Schreibsaal. Oder das, was einmal der Schreibsaal des Archivs gewesen war.

In gewisser Hinsicht war er es immer noch, nur auf eine gänzlich andere und vollkommen falsche Art.

Dort, wo zuvor Hunderte und Aberhunderte altmodischer Stehpulte gewesen waren, an denen ganze Armeen emsiger Scriptoren endlose Buchstabenkolonnen in schwere ledergebundene Bücher geschrieben hatten, erstreckten sich nun zahllose Reihen kleiner moderner Schreibtische aus dezentem grauem Kunststoff. Anstelle eines Buches erhob sich auf jedem einzelnen dieser Schreibtische ein papierdünner Computermonitor, über den endlose Zahlen- und Buchstabenkolonnen flimmerten.

Das Unheimlichste überhaupt aber war die Stille, die dort unten herrschte. Nicht der mindeste Laut drang aus dem zahllose Stockwerke messenden Abgrund zu ihnen herauf, und das lag ganz und gar nicht nur an der dicken Glasscheibe, die sie von der Halle trennte. Dort unten rührte sich... nichts.

»O mein Gott, das Scriptorium«, flüsterte Theresa, »was hast du nur getan?«

Leonie hörte, wie ihr Vater mit langsamen Schritten näher kam und unmittelbar hinter ihnen stehen blieb, sodass sich seine Gestalt als geisterhaft verzerrter Schemen in der sanft nach außen geneigten Glasscheibe spiegelte, aber es war ihr unmöglich, sich zu ihm umzudrehen oder auch nur den Blick von der unheimlichen Szenerie zu lösen.

Der Schreibsaal lag wie ausgestorben unter ihnen. Die einzige Illusion von Bewegung kam von dem lautlosen Flackern der Computermonitore. Es gab niemanden, der die Geräte bediente, keinen, der sich auch nur davon überzeugt hätte, dass sie ordnungsgemäß funktionierten und alles seine Richtigkeit hatte. Doch selbst wenn Leonie der freie Blick über die gewaltige Halle verwehrt geblieben wäre, hätte sie einfach gespürt, dass es in dem riesigen Raum kein Leben gab.

Ihr Blick tastete sich an den endlosen Reihen grauer Schreibtische entlang, bis er jenen Punkt erreichte, an dem bei ihrem ersten Besuch hier unten der gewaltige steinerne Turm gestanden hatte. In gewissem Sinne war er noch immer da, aber er hatte sich auf die gleiche unheimliche Weise verändert wie der gesamte Raum: Anstelle des Turms aus klobigem Bruchstein erhob sich nun ein fast graziles Gebilde aus Glas, Kunststoff und schmalen verchromten Kühlrippen, von dessen Spitze ein mattes bläuliches Leuchten auszugehen schien.

»Der Zentralrechner«, sagte ihr Vater. Offensichtlich war ihm ihr Blick nicht entgangen, aber ebenso offensichtlich deutete er ihn auch gründlich falsch, denn in seiner Stimme war ein deutlicher Unterton von Stolz. Nach drei oder vier Schritten blieb er stehen. »Von dort aus werden alle anderen Rechner gesteuert und das Datenmanagement überwacht.«

»Aber... aber wo sind die Bücher?«, flüsterte Leonie. »All die Scriptoren und das Inventarium? Wo sind sie geblieben? Was hast du nur getan?«

»Wir brauchen keine Scriptoren mehr«, antwortete ihr Vater, »und was diese altmodischen handgeschriebenen Bücher angeht, so...«

»Altmodische Bücher?«, keuchte Theresa. Sie fuhr herum und wiederholte, plötzlich schreiend: »Altmodische Bücher? Das waren nicht nur irgendwelche altmodischen Bücher, das waren Menschenleben! Und du hast sie ausgelöscht, einfach weggeworfen, wie ausgediente Möbelstücke, die man nicht mehr braucht und auf den Müll wirft!«

Vater sah sie einen Moment lang sehr traurig an. »Wenn Sie mich wirklich kennen würden, dann wüssten Sie auch, dass ich so etwas nie tun würde.«

»Lüg nicht auch noch!«, fuhr ihn Theresa an. »Wir haben gesehen, was du getan hast!«

»Ich verstehe«, sagte Vater traurig.

»Das bezweifle ich«, erwiderte Theresa aufgebracht. »Wir haben...«

»Ich nehme an, ihr habt einige der alten Bücher gefunden, die wir entsorgt haben.« Aus irgendeinem Grund schien ihn Theresas Zorn zu amüsieren.

»Entsorgt?« Theresa ächzte. »Sagtest du gerade entsorgt? Um Himmels willen, wir reden hier von Menschenleben! In diesen Büchern, die ihr entsorgt habt, waren die Erinnerungen an zahllose Schicksale aufgezeichnet: an jeden Tag, jede Stunde, jede noch so winzige Kleinigkeit!«

»Und nichts davon ist verloren«, entgegnete Vater lächelnd. Zwei oder drei Sekunden lang weidete er sich ganz offensichtlich an dem verwirrten Ausdruck auf Theresas und Leonies Gesichtern, dann drehte er sich um und ging zwei Schritte weit in den Gang zurück, aus dem sie gekommen waren. Er schien so sicher zu sein, dass sie ihm folgen würden, dass er es nicht einmal für nötig erachtete, sich mit einem Blick davon zu überzeugen. Nach drei oder vier Schritten blieb er stehen und klatschte in die Hände und ein Teil der Wandverkleidung vor ihm bewegte sich mit einem leisen elektrischen Summen zur Seite. Dahinter kam ein schmales, indirekt beleuchtetes Glasregal zum Vorschein, auf dem zahllose silbern schimmernde CDs aufgereiht waren, jede einzelne in einer durchsichtigen Kunststoffhülle verpackt und mit etwas gesichert, das wie ein winziges Zahlenschloss aussah, auch wenn man vermutlich die spitzen Finger einer Elfe gebraucht hätte, um die kaum stecknadelkopfgroßen Tasten zu drücken.