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»Es ist alles hier«, erklärte er stolz. »Jedes einzelne Buch. Jeder einzelne Buchstabe, jedes Komma wurde akribisch übertragen.« Er drehte sich zu Theresa um. »Sie sehen also, junge Dame, dass das, was man zu sehen glaubt, nicht unbedingt die Wahrheit sein muss.«

Theresa starrte das CD-Regal aus ungläubig aufgerissenen Augen an. Sie schien etwas sagen zu wollen, aber ihre Stimme versagte und sie brachte nur ein ersticktes Keuchen heraus.

Als klar wurde, dass er keine Antwort bekommen würde, wandte sich Vater direkt an sie. »Es tut mir Leid, wenn du einen falschen Eindruck gewonnen hast, Leonie. Vielleicht war es meine Schuld. Ich hätte dich früher in meine Pläne einweihen sollen.« Er schüttelte traurig den Kopf. »Es tut mir Leid. Ich hatte einfach zu viel zu tun. Ich weiß, dass das keine Entschuldigung ist, aber vielleicht kannst du es ja wenigstens verstehen.«

»Zu viel zu tun?«, ächzte Theresa. »Mit... mit dieser Ungeheuerlichkeit?«

Vater seufzte. Leonie sah ihm an, wie schwer es ihm fiel, sich weiter zu beherrschen, aber nach zwei oder drei Sekunden drehte er sich ganz zu Theresa um und zwang ein leicht verunglücktes Lächeln auf sein Gesicht. »Ungeheuerlichkeit? Wieso?«

»Weil... weil...« Theresa rang sichtlich nach Worten. »Weil es eben nicht richtig ist«, stieß sie schließlich hervor.

»Weil es nicht richtig ist«, wiederholte Vater seufzend. »Das ist nicht unbedingt das, was ich unter fundierter Kritik verstehen würde.« Er schüttelte den Kopf. »Ich kann Ihre Furcht verstehen, aber glauben Sie mir, sie ist vollkommen unbegründet. Nichts wird verloren gehen. Ganz im Gegenteil.« Er wedelte mit der Hand in Richtung Regal. »Diese Art, Daten zu sichern, ist viel zuverlässiger als Buchstaben mit Tinte auf Papier zu schreiben. Ich habe die Bücher im Archiv gesehen. Sie altern. Manche schneller, manche langsamer, aber sie altern. Irgendwann zerfallen sie, und dann ist das Menschenleben, das in ihnen aufgezeichnet war, endgültig verloren. Diese Daten hier sind für die Ewigkeit gesichert.«

»Blödsinn!«, schnappte Theresa. »Nichts hält ewig. Auch dein technisches Spielzeug nicht!«

»Nun, vielleicht nicht wirklich ewig«, gestand Vater lächelnd. »Aber doch für eine Zeitspanne, die uns beinahe wie die Ewigkeit vorkommt. Wenn Sie so wollen, dann habe ich allen Menschen, deren Bücher wir noch retten konnten, die Unsterblichkeit geschenkt.«

Der Stolz in seiner Stimme war unüberhörbar, und Leonie spürte plötzlich eine wilde Hoffnung in sich hochsteigen, so als träfe die Begeisterung ihres Vaters irgendetwas in ihr, das nur zu gern bereit war zu glauben, dass ihr Vater alles andere als ein Ungeheuer war, das mit seinem Egoismus die ganze Welt in Gefahr brachte. Doch noch überwog ihre Skepsis. Es war einfach nicht vorstellbar, dass sie und Theresa sich tatsächlich verrannt hatten in der Annahme, das alte Archiv mit all seinen Büchern, Scriptoren und dem ganzen Inventarium retten zu müssen; schließlich waren sie Hüterinnen, die einer Jahrhunderte-, wenn nicht jahrtausendealten Tradition folgten, um das Archiv und die Welt davor zu bewahren, dass jemand nach seinem eigenen Gutdünken anfing die Wirklichkeit umzuschreiben.

Aber andererseits: War nicht ihr Vater vielleicht derjenige, der Weitblick bewiesen hatte, und konnte es nicht sein, dass er Recht hatte - und sie einen Grund, stolz auf ihn zu sein?

Die Gedanken machten sie ganz wirr im Kopf. Vielleicht hatte ihr Vater mit seiner kleinen Präsentation ja genau das beabsichtigt; vielleicht hatte er vor, sie so lange zu verwirren und ihr seine Sicht der Dinge einzureden, bis ihr gar nichts anderes mehr übrig blieb, als ihm zu glauben und sich auf seine Seite zu stellen, gleichgültig ob er nun im Recht war oder nicht.

Es war Theresa, die sie vor dieser Konsequenz rettete. »Und wer sagt dir, dass das richtig ist?«, fragte sie Vater schroff. »Wer gibt dir die Legitimation, Dinge zu tun, deren Folgen du nicht im Geringsten abschätzen kannst?«

»Was sollte falsch daran sein? Der Tod ist eine solche Verschwendung! Denken Sie nur an all die großartigen Menschen, die gelebt haben. Einstein. Shakespeare. Leonardo da Vinci.« Er zögerte einen winzigen Moment. »Jesus.«

»Vielleicht hat es ja einen Sinn, dass alles ganz genau so ist, wie es ist«, antwortete Theresa mühsam beherrscht. »Die Menschen sind nicht für die Unsterblichkeit gemacht - ist dir dieser Gedanke schon mal gekommen?«

Leonies Vater antwortete nicht gleich, sondern sah Theresa einige Sekunden mit undeutbarem Ausdruck an, dann drehte er sich um, schloss mit einer bedächtigen Bewegung den CD-Schrank und ging auf die Galerie zurück, wo er sich mit beiden Händen schwer auf das verchromte Geländer aufstützte und nach unten sah. Er wartete, bis Theresa und Leonie ihm gefolgt waren, bevor er sprach, aber er drehte sich nicht zu ihnen um. »Sie gehören offensichtlich zu denen, die prinzipiell gegen jegliche Neuerung sind. Ich kenne solche Leute zur Genüge, glauben Sie mir. Ich bin nur ein wenig enttäuscht, eine solche Einstellung bei einem so jungen und intelligenten Menschen wie Ihnen anzutreffen.« Er hob die Schultern. »Schade.«

Theresa funkelte ihn an. »Du weißt nicht, was du da redest!«

»Ich glaube, ich weiß es besser als Sie, junge Dame«, entgegnete Vater, noch immer ruhig, aber in hörbar kühlerem Ton als zuvor. Seine Geduld neigte sich jetzt spürbar dem Ende zu. Er wandte sich noch immer nicht zu ihnen um, ließ Theresas Spiegelbild in der Glasscheibe vor sich aber nicht aus den Augen. Leonie ihrerseits konnte sein Gesicht ebenfalls nur als verzerrte Spiegelung auf dem Glas erkennen, aber sie war in diesem Moment beinahe froh darüber. Obwohl Vater sich sehr bemüht hatte, mit beherrschter Stimme zu sprechen, war in seinen Augen etwas, das ihr Angst machte - trotz oder gerade deshalb, weil sie ihm so gern geglaubt hätte, dass er auf dem richtigen Weg war.

»Aber darum geht es doch gar nicht und das weißt du ganz genau!«, antwortete Theresa heftig. Sie machte eine zornige, weit ausholende Geste. »Das alles hier ist... falsch! Niemand hat das Recht, einfach hierher zu kommen und alles nach seinen Vorstellungen umzukrempeln.«

Vater erwiderte ihren Blick gelassen, schüttelte abermals den Kopf und nahm die Arme herunter, während er sich an Leonie wandte. »Es tut mir Leid«, sagte er, »ich wollte nicht verletzend sein. Entschuldige bitte, Leonie.« Er zwang ein Lächeln auf sein Gesicht. »Wir sollten uns nicht streiten. Ich bin so froh, dass dir nichts passiert ist.«

Theresa wandte sich an Leonie. »Glaubst du wirklich, deine Großmutter hätte deinem Vater diese Macht überlassen? Glaubst du im Ernst, sie hätte sich gegen die uralten Gesetze aufgelehnt, nur damit ein einzelner Mann vollkommen willkürlich über die Wirklichkeit entscheidet?«

»Ich...«, begann Leonie hilflos, während ihre Gefühle einen Purzelbaum nach dem anderen schlugen.

»Und was ist mit dir?«, setzte Theresa erbarmungslos nach. »Wäre es dir in den Sinn gekommen, deinem Vater Macht über die Wirklichkeit zu verleihen, wenn du die legitime Erbin deiner Großmutter geworden wärst?«

Jetzt konnte Leonie gar nicht mehr anders, als den Kopf zu schütteln. »Natürlich nicht. Aber... aber...«

Vaters Miene hatte sich während Theresas Worten zunehmend verfinstert. Doch anstatt ihr mit einer scharfen Parade dazwischenzufahren, machte er einen Schritt in Leonies Richtung und streckte den Arm aus und Leonie wich ganz instinktiv um die gleiche Distanz vor ihm zurück. Die Bewegung tat ihr im gleichen Moment schon wieder Leid, in dem sie sie ausführte, aber sie war auch nicht in der Lage, sie zu stoppen.

Ein Ausdruck tiefer Enttäuschung machte sich auf dem Gesicht ihres Vaters breit. Er sagte nichts, aber er sah nun wieder Theresa an und der Ausdruck in seinen Augen änderte sich schlagartig.