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Sie hat Recht, dachte Leonie währenddessen, und plötzlich fühlte sie sich schrecklich leer und unsagbar müde, so als würde ihr jemand - oder etwas - alle Energie entziehen. Einen Moment lang war sie versucht gewesen Vater zu glauben, und das kleine Kind in ihr, das seinen Vater immer noch als allmächtig und unfehlbar ansah, hatte gehofft, dass er trotz allem das Richtige tat. Aber tief in ihrem Inneren wusste sie, dass das nicht stimmte.

»Es ist nicht ihre Schuld«, sagte Leonie hastig, bevor ihr Vater etwas sagen konnte. »Ich weiß, was du denkst, aber sie hat mich nicht beeinflusst. Ich... ich bin der gleichen Meinung wie sie.« Es fiel ihr schwer, dem Blick ihres Vaters standzuhalten, aber sie zwang sich mit leiser, aber dennoch fester Stimme weiterzureden. »Ich hätte dasselbe gesagt, auch ohne sie.«

»Das glaube ich nicht.« Vater klang mit einem Mal unsicher, so als hätte ihn Leonies Antwort vollkommen überrascht. »Warst du nicht früher immer diejenige, der ich viel zu wenig fortschrittlich gewesen bin?« Er versuchte zu lächeln, aber es misslang kläglich.

»Das muss zu der Zeit gewesen sein, als du noch aus Überzeugung mehr Straßenbahn als Auto gefahren bist«, antwortete sie. »Und als du noch richtige Bücher gelesen hast und nicht versucht hast Gott zu spielen.«

Ihr Vater blinzelte. »Wie?«

»Wir haben die wunderschöne neue Welt gesehen, die du dir zurechtgebastelt hast«, sagte Theresa bissig.

Leonies Vater ignorierte sie. Er starrte seine Tochter weiter mit einer Mischung aus Fassungslosigkeit und Entsetzen an. »Aber das kannst du doch nicht im Ernst meinen!«, murmelte er.

»Du hast alles verändert«, antwortete Leonie leise. Sie wies mit einer resignierten Geste auf die wie ausgestorben unter ihnen daliegende Riesenhalle und sah den Mann an, der einmal ihr Vater gewesen war und nun nicht einmal äußerlich noch sehr viel Ähnlichkeit mit ihm hatte, und plötzlich füllten sich ihre Augen mit Tränen. Sie versuchte nicht sie zurückzuhalten.

»Ich rede nicht von dem da unten«, sagte sie leise. »Das ist schlimm genug, aber viel schlimmer ist das, was du mit dem Rest der Welt angestellt hast.«

»Was habe ich denn angestellt?«, fragte Vater spröde.

»Du missbrauchst deine Macht«, antwortete Theresa an Leonies Stelle. »Niemand hat das Recht, die Geschichte zu verändern!«

»Was für ein Unsinn«, antwortete Leonies Vater. »Sie haben Recht. Ich habe ein paar Veränderungen vorgenommen, aber ich habe nicht vor, mich zum Herrscher der Welt aufzuschwingen, wenn Sie das befürchten.«

»Wozu auch?«, fragte Theresa böse. »Wenn du sie dir doch ganz nach deinem Geschmack zurechtbasteln kannst.«

Leonie sah ihrem Vater an, wie schwer es ihm fiel, noch immer die Fassung zu bewahren. Vermutlich war es einzig und allein ihre Gegenwart, die ihn davon abhielt, zu explodieren. »Ich habe nichts dergleichen vor«, erklärte er zum wiederholten Mal. »Ich habe getan, was jeder an meiner Stelle getan hätte. Ich habe die Welt von ihrer größten Geißel befreit und den Krieg abgeschafft, das ist wahr. Jeder an meiner Stelle hätte so gehandelt.«

»Und was kommt als Nächstes?«, fragte Theresa böse. »Wirst du den Krebs abschaffen? Die Umweltzerstörung beseitigen? Politische Meinungsverschiedenheiten beilegen? Die Armut abschaffen?«

»Und warum nicht?«

»Weil Menschen diese Macht nicht haben dürfen!«, rief Theresa heftig.

»Ich habe sie aber nun einmal«, entgegnete Vater ruhig. »Und es wäre geradezu verbrecherisch, sie nicht zu nutzen.« Er wandte sich wieder an Leonie und sein Tonfall wurde beinahe flehend. »Ich habe die Möglichkeit, die Welt zu einem besseren Ort zu machen, Leonie. Ich kann die Menschheit von ihren schlimmsten Plagen befreien! Von Geißeln, unter denen sie seit Jahrtausenden leidet! Wir könnten endlich in Frieden leben, ohne Ungerechtigkeit und Angst vor der Zukunft! Erwartet du wirklich, dass ich diese Chance ungenutzt verstreichen lasse?«

»So fängt es immer an«, sagte Theresa bitter.

Vater ignorierte sie. »Leonie!« sagte er flehend.

Leonie hatte plötzlich nicht mehr die Kraft, seinem Blick standzuhalten. »Du hattest kein Recht dazu«, murmelte sie.

»Ach?«, meinte ihr Vater. Seine Stimme wurde eine Spur kühler. »Und warum nicht?«

»Weil das alles hier nicht dir gehört«, antwortete Theresa an Leonies Stelle. »Du dürftest von Rechts wegen nicht einmal hier sein.«

»Denkst du auch so?«, fragte er seine Tochter leise. Er klang traurig, dachte Leonie. Und sehr enttäuscht. Ganz offensichtlich hatte er sich den Verlauf dieses Gespräches vollkommen anders vorgestellt.

»Großmutter hätte dir die Macht über das Archiv niemals gegeben«, sagte sie ohne ihren Vater anzusehen. Noch leiser, kaum mehr als flüsternd, fügte sie hinzu: »Und ich auch nicht.«

»Weil du auf diese einmalige Gelegenheit verzichtet hättest«, vermutete Vater. Er seufzte tief. »Dann ist es vielleicht gut, dass alles so gekommen ist. Es tut mir Leid. Glaub mir, es wäre mir lieber gewesen, wenn ich dich hätte überzeugen können, aber du lässt mir keine andere Wahl.«

»Als welche?«, fragte Leonie mit tränenerstickter Stimme. »Mich zu meinem Glück zu zwingen?« Sie hatte bitter klingen wollen, aber selbst dazu fehlte ihr mit einem Mal die Kraft.

»Wenn du es so nennen willst. Ich erwarte nicht, dass du mich verstehst. Vielleicht wirst du es später einmal.«

»Und wenn nicht, wirst du schon dafür sorgen, nicht wahr?«, fragte Theresa. »Auf die eine oder andere Weise.«

Leonies Vater ignorierte sie weiter. »Es tut mir Leid«, erklärte er noch einmal. »Aber ich glaube, es ist besser, wenn ihr jetzt geht. Wir reden später noch einmal über alles, wenn du dich ein bisschen beruhigt hast.«

»Wenn es noch ein Später gibt«, sagte Theresa düster.

Der sicherste Ort der Welt

Nachdem Frank und die beiden Männer, mit denen er sich die Spätschicht teilte, ihre letzte Runde durchs Haus gemacht und das ganze Gewirr von Alarm- und Überwachungsanlagen scharf geschaltet hatten, die das vermeintlich ganz normale Einfamilienhaus mit dem angegliederten kleinen Ladengeschäft für antiquarische Bücher in eine nahezu uneinnehmbare elektronische Festung verwandelten, war es sonderbar still geworden; auf eine Art, die in Leonie eine zwar vollkommen unbegründete, dennoch aber tiefe Melancholie weckte, gegen die sie sich nicht wehren konnte und im Grunde auch gar nicht wollte. Es war nicht so, dass sie irgendwelche Probleme hatte, die sie lösen musste um wieder Lebensfreude zu gewinnen; die Wahrheit war viel einfacher: Sie starb fast vor Langeweile.

Dabei hatte sie durchaus viel zu tun. Das Haus hatte nur knapp zwei Wochen leer gestanden, aber nach ihrer Rückkehr aus Südafrika hatte sie ein Anblick empfangen, als käme sie nach einer zehnjährigen Abwesenheit in eine Wohnung zurück, in die in all der Zeit kein Mensch einen Fuß gesetzt hatte: Überall lag Staub, Kühlschrank und Gefriertruhe rochen leicht muffelig, obwohl sie beides vor ihrer Abreise extra leer geräumt und ausgewaschen hatte, damit genau das nicht passierte, und anscheinend hatte sie wohl auch in der Vorratskammer das eine oder andere Lebensmittelpaket übersehen, denn auf den Regalen lagen haufenweise zerfetztes Papier und jede Menge Mäuseköttel. Der Gestank war selbst durch die geschlossene Tür gedrungen und hatte es ihr in den ersten Stunden fast unmöglich gemacht, es hier drinnen auszuhalten. Seit ihr Vater auf dem Sicherheitstrip war und damit angefangen hatte, das Haus in so etwas wie die hiesige Version von Fort Knox zu verwandeln, ließen sich natürlich auch die Fenster nicht mehr öffnen, und die Klimaanlage war während ihrer Abwesenheit abgeschaltet gewesen und hatte nun alle Mühe, mit dem Gestank fertig zu werden, der zwei Wochen lang Zeit gehabt hatte, sich in alle Winkel einzunisten und Möbel und Vorhänge festzusetzen. Leonie vermutete, dass er noch immer da war und sie sich in den zurückliegenden achtundvierzig Stunden nur einfach so sehr daran gewöhnt hatte, dass sie es schon gar nicht mehr merkte.