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Das war wieder einmal typisch für ihren Vater, dachte sie, während sie unschlüssig durch das leere Haus strich und eine Möglichkeit nach der anderen erwog - und fast ebenso schnell wieder verwarf -, wie sie den Abend herumbringen konnte ohne das Haus zu verlassen, was jedes Mal einen schier unglaublichen Aufwand bedeutete: Er gab ein kleines Vermögen für den Sicherheitsdienst aus, der für das Wohlergehen seiner Tochter und die Sicherheit seiner ach-so-geliebten uralten Schinken sorgte, aber um eine Hilfe zu engagieren, die wenigstens einmal die Woche kam und das Nötigste erledigte, war er zu geizig. Leonie hatte längst aufgehört mitzuzählen, wie oft sie sich schon über dieses Thema in die Haare geraten waren.

Natürlich argumentierte ihr Vater, dass es nicht am Geld lag, sondern er einfach keine Fremden im Haus haben wollte, bei all den wertvollen Büchern und Handschriften, die hinter den Panzerglasscheiben und Stahltüren des vermeintlichen Antiquariats lagerten, und in gewisser Weise konnte Leonie das sogar verstehen - aber das änderte nichts daran, dass es ihr allmählich reichte. Sie war schließlich seine Tochter, nicht seine Putzfrau, basta! Sobald er von seiner Reise zurück war, würde sie noch einmal mit ihm über dieses Thema reden und diesmal würde sie nicht nachgeben!

Falls er überhaupt zurückkam, bevor die Ferien zu Ende waren und die Schule wieder anfing, hieß das.

Auch das war etwas, was Leonie mit einer Trauer erfüllte, die ihr unangemessen erschien, wenn man ihr Alter bedachte, die aber dennoch jeden Tag ein bisschen stärker wurde: Sie sah ihren Vater kaum noch. Manchmal vergingen Monate, in denen das einzige Lebenszeichen, das sie von ihm bekam, ein Anruf von seinem Handy aus war, oder auch nur eine E-Mail. Ihr Vater hatte sich schon immer für diese langweiligen alten Bücher interessiert - je älter, desto besser, und wie sollte es auch anders sein, in einer Familie, deren Mitglieder seit Generationen Buchhändler gewesen waren? -, doch seit dem Tod ihrer Mutter war aus diesem Interesse eine regelrechte Besessenheit geworden. Er reiste praktisch das ganze Jahr herum; kroch durch verstaubte Büchereien, durchwühlte schmutzige Dachböden, krabbelte durch uralte Katakomben und trieb sich an vermutlich noch viel unheimlicheren und unappetitlicheren Orten herum, immer auf der Suche nach alten Büchern, Dokumenten und Handschriften, die er seiner Sammlung einverleiben konnte. Obwohl ihr Vater - was erstaunlich genug war - zu Hause praktisch nie über seine Passion sprach, war Leonie doch klar, dass er im Laufe so vieler Jahre eine Sammlung von enormem Wert zusammengetragen hatte, um die ihn so manches Museum beneiden musste. Und in einer Welt, in der Bücher immer seltener wurden, nahm der Wert dieser Sammlung vermutlich täglich von ganz allein noch zu.

Leonie war das herzlich egal. In dieser Hinsicht war sie schon immer so etwas wie das schwarze Schaf der Familie gewesen. Zu den wenigen Erinnerungen, die sie an ihre viel zu früh verstorbene Mutter hatte, gehörten auch ein paar bruchstückhafte Gespräche, in denen Mutter sich darüber beklagt hatte, wie sehr ihre einzige Tochter doch aus der Art geschlagen war, denn sie interessierte sich viel mehr für Musik, Computerspiele und Filme als für Bücher, und das als bislang letzter Spross einer Familie, die seit Jahrhunderten vom Buchhandel lebte.

Aber das war früher gewesen. Damals hatten sie Bücher nur nicht interessiert. Heute hasste sie sie regelrecht, denn nachdem ihre Mutter gestorben war und sich ihr Vater ganz in seine Passion vergrub, um den Schmerz über diesen Verlust zu betäuben, hatten diese verdammten Dinger ihr auch noch ihren Vater weggenommen und sie damit zum einsamsten Menschen auf der Welt gemacht.

Wenigstens kam sie sich manchmal so vor.

Leonie schüttelte den Gedanken ab und schnitt sich selbst eine Grimasse, als sie auf dem Weg nach unten an dem großen Garderobenspiegel vorbeikam. Gut, sie hatte sich ihre tägliche Portion Selbstmitleid gegönnt, nun konnte sie zur Tagesordnung übergehen und zum Beispiel überlegen, was sie mit dem angebrochenen Abend anfangen sollte. Es war noch nicht allzu spät - auf jeden Fall zu früh, um ins Bett zu gehen -, aber sie verspürte weder Lust, den Fernseher einzuschalten noch Musik zu hören oder sich in eines ihrer eigentlich heiß geliebten Virtual-Reality-Spiele zu vergraben. Das letzte war ihr fast ein wenig zu realistisch gewesen (obwohl das eigentlich der Sinn eines solchen Spieles war, bei dem man sich mittels eines speziellen Helms und eines Paars Datenhandschuhe in eine künstlich erschaffene Computerwelt versetzte, in der man die tollsten Abenteuer erleben konnte) und sie spürte jetzt noch ein eisiges Frösteln, wenn sie an die verrückte Geschichte zurückdachte.

Sie war durch eine gewaltige Höhlenwelt voller giftiger, grün leuchtender Kanäle und bizarrer Riesenmaschinen gewandert, in der es sonderbare, hässliche Wesen gab, die allmählich zu grünem Schleim zerflossen. Eigentlich war in diesem Spiel gar nichts wirklich Schlimmes passiert. Sie erinnerte sich an andere, weitaus entsetzlichere Abenteuer in der kunterbunten Welt virtueller Realitäten, in denen sie von grässlichen Monstern durch menschenleere Hochgeschwindigkeitszüge gehetzt worden war, die anschließend in bodenlose Abgründe stürzten, oder wochenlang in finsteren Kerkern gefangen saß, bis ihr endlich die Flucht gelang, und doch hatte keines dieser viel aufregenderen Computerabenteuer einen solchen Nachhall von Furcht in ihr hinterlassen. Als wäre während dieses Spiels noch etwas geschehen, das einfach zu entsetzlich war, als dass sie sich noch daran erinnern könnte...

Aber vielleicht war das verdammte Ding ja auch einfach nur kaputt.

So oder so: Heute stand ihr nicht der Sinn nach quietschbunten Cyberspace-Abenteuern. Eigentlich stand ihr der Sinn nach gar nichts.

Leonie blieb ein paar Augenblicke lang unschlüssig unter der Tür stehen und griff schließlich aus purer Langeweile nach der Fernbedienung des Fernsehers. Nicht dass irgendetwas lief, was sie wirklich interessierte - die Programmzeitschrift durchzublättern war ihre erste Amtshandlung gleich nach ihrer Heimkehr aus Südafrika gewesen und...

Südafrika?

Leonie blinzelte, dann stahl sich ein leicht verwirrtes Lächeln auf ihr Gesicht. Sie hatte gerade tatsächlich Südafrika gedacht, obwohl sie ihre Heimatstadt in ihrem ganzen Leben noch nicht verlassen hatte. Reines Wunschdenken, entschied sie. Nicht dass es sie wirklich nach Südafrika oder in irgendein anderes exotisches Land gezogen hätte - aber endlich einmal aus diesem goldenen Käfig auszubrechen, den ihr Vater für sie erschaffen hatte, wäre auch nicht das Schlechteste.

Ein goldener Käfig zudem, in dem es im Augenblick ganz erbärmlich stank.

Leonie legte die Fernbedienung unverrichteter Dinge wieder aus der Hand, drehte sich einmal um sich selbst und sog dabei mit einem hörbaren Schnüffeln die Luft ein um herauszufinden, aus welcher Richtung der üble Gestank kam. Es gelang ihr nicht, aber plötzlich hörte sie ein lautstarkes Poltern, und als sie auf dem Absatz herumfuhr, sah sie gerade noch einen grauweißen buschigen Schwanz die Treppe hinauf verschwinden.

»Mausetod«, rief sie. »Bleib sofort stehen!«

Ein dumpfes Poltern erscholl, gefolgt von einem enttäuschten Miauen, und dann tauchte ein grauweiß geschecktes Katzengesicht am oberen Ende der Treppe auf und blickte mit einer Mischung aus Trotz und schlecht verhohlenem Schuldbewusstsein zu ihr herab. Obwohl Leonie die Katze nicht besonders mochte und auch keinen Hehl daraus machte, gehorchte Mausetod ihr wie ein Hund, und so kam sie auch jetzt - selbstverständlich provozierend langsam und stolz erhobenen Hauptes, denn schließlich war sie eine Katze - die Treppe herab. Ihr Gesicht war das personifizierte schlechte Gewissen.