»Du hast mit diesem Gestank nicht zufällig etwas zu tun, oder?«, fragte Leonie streng.
Mausetod legte den Kopf auf die Seite und maunzte beleidigt. Wahrscheinlich tat sie der Katze Unrecht, dachte Leonie. Der Gestank wurde immer unerträglicher, aber es roch nicht wirklich nach dem, was Katzen hinterlassen, wenn sie den Weg in ihre Kiste einmal nicht schnell genug finden.
Es roch schlimmer.
Leonie schnüffelte erneut, drehte sich noch einmal im Kreis und glaubte schließlich die Richtung ausmachen zu können, aus der der erbärmliche Gestank kam: vom anderen Ende des Flures, von dort, wo das Arbeitszimmer ihres Vaters lag. Leonie kämpfte ihren Ekel nieder und bewegte sich vorsichtig auf die Tür zu, während sie versuchte den schrecklichen Gestank irgendwie einzuordnen. Er kam ihr bekannt vor, auch wenn ihr schon der bloße Gedanke den Magen umdrehte, schon einmal mit irgendetwas in Berührung gekommen zu sein, das so roch: Es stank nach Marzipan - aber wenn, dann nach verwesendem Marzipan, das mit noch etwas anderem, Schlimmerem, vermischt war. Leonies Magen revoltierte mit jedem Schritt heftiger, den sie sich der Tür näherte.
Als sie sich vor der Tür in die Hocke sinken ließ, wurde ihr für einen Moment so schwindelig, dass der Flur vor ihren Augen verschwamm. Leonie hielt für einen Moment in der Bewegung inne, blinzelte und wartete darauf, dass sich ihr Magen beruhigte, und dann blinzelte sie noch einmal und vergaß für eine Sekunde sogar den erbärmlichen Gestank, als sie den zerknüllten schwarzen Stofffetzen bemerkte, der unmittelbar vor der Tür lag.
Vor einer Sekunde war er noch nicht da gewesen.
Es war keine Einbildung. Leonie war hundertprozentig sicher, dass dieser nasse schwarze Lappen noch vor einem Augenblick nicht dort gelegen hatte. Offensichtlich spielte ihre Fantasie ihr mittlerweile wirklich üble Streiche...
Und das war noch lange nicht alles.
Als Leonie genauer hinsah, fiel ihr auf, dass der schwarze Fetzen über und über mit einer zähflüssigen grünen Pampe besudelt war, von der allem Anschein nach dieser grässliche Gestank ausging. Angeekelt, aber tapfer griff sie mit spitzen Fingern nach dem Fetzen und hob ihn hoch. Halb erstarrter Leim tropfte herab und vergrößerte die übel riechende Lache auf dem Fußboden noch.
Wieso eigentlich Leim? Das Zeug sah aus wie irgendein ekelhafter Schleim, aber in ihrem Kopf war ganz deutlich das Wort Leim erschienen. Unheimlich.
Leonie hob den Fetzen höher und erkannte jetzt, dass es sich um einen zerrissenen schwarzen Kapuzenmantel handelte, der allerdings so klein war, dass er allerhöchstem einem Achtjährigen gepasst hätte. Noch dazu einem Achtjährigen, der an Bulimie im letzten Stadium litt.
Oder einem Scriptor.
Leonie verspürte ein neuerliches noch eisigeres Frösteln, als dieses Wort so deutlich in ihrem Kopf entstand, als hätte es jemand neben ihr laut ausgesprochen. Und es war nicht nur dieses sonderbare Wort, das ihr einfiel. Sie wusste sogar, woher sie es kannte. Scriptoren waren diese hässlichen Gnome aus dem Computerspiel, das ihr so großes Unbehagen bereitet hatte. In der künstlich geschaffenen Welt der virtuellen Realität, die sich weder um Logik noch um Naturgesetze zu scheren brauchte, waren vorlaute Knirpse, die nach und nach zu grüner Grütze zerflossen, ja in Ordnung - aber in der Realität?
Leonie ließ den Mantel fallen und drängte die Furcht, die in ihr emporkriechen wollte, mit einiger Mühe zurück. Sosehr sie dieses Spiel liebte, sie nahm sich vor, in nächster Zeit die Finger davon zu lassen. Vielleicht war es doch nicht so harmlos, mit elektronischen Wellen im Gehirn herumzupfuschen, wie einen die Werbung immer glauben machen wollte.
Sonderbarerweise dachten weder der zerfetzte Mantel noch die Leimpfütze daran, gefälligst wieder zu verschwinden, jetzt nachdem sie sie als einen geschmacklosen Scherz entlarvt hatte, den ihr ihre Erinnerung spielte. Ganz im Gegenteil sah sie plötzlich noch weitere zähe grüne Tropfen, die in einer unregelmäßig verschmierten Spur an der Tür hinaufführten und dicht unter dem Schloss endeten, als hätte der Scriptor versucht die Klinke zu erreichen, es aber nicht mehr geschafft, bevor er wieder zu der Substanz zerfallen war, aus der man ihn erschaffen hatte. Leonie glaubte sogar, so etwas wie einen verschmierten Handabdruck zu erkennen, aber sie war nicht ganz sicher, und sie hatte auch nicht den Mut, genauer hinzusehen.
Stattdessen stand sie auf, trat zwei Schritte von der Tür zurück und musterte sie aufmerksam. Irgendetwas daran kam ihr sonderbar vor, aber sie konnte nicht sagen was. Es war die gleiche vertraute Tür, die sie praktisch seit dem Tag ihrer Geburt kannte, zumindest äußerlich. Vor einigen Jahren hatte ihr Vater sie mit einem massiven Stahlkern ausstatten lassen, denn er verwahrte in seinem Arbeitszimmer einige Bücher von enormem Wert, und auch wenn das Schloss aussah wie ein ganz normales altmodisches Türschloss, so hätte es in Wahrheit wohl selbst einem Profi-Einbrecher gehöriges Kopfzerbrechen bereitet. Äußerlich jedoch war es die alte Zimmertür, und soviel Leonie wusste, hatte sich auch dahinter nicht viel verändert, sah man von den Gittern vor den Fenstern und dem in die Wand eingelassenen Safe ab, der massiv genug war, der Explosion einer kleinen Atombombe standzuhalten. In dem Zimmer war ansonsten nur das, was sich im ganzen Haus wie rasend schnell wachsendes Unkraut ausbreitete: Bücher. Selbst wenn es den Scriptor wirklich gab - was völlig unmöglich war -, was hätte er ausgerechnet hier suchen sollen?
Da Leonie ohnehin keinen Schlüssel für den gepanzerten Hochsicherheitstrakt hatte, der sich hinter dieser scheinbar normalen Zimmertür verbarg, trat sie mit einem resignierten Achselzucken zurück und ging in die Küche, um Eimer und Wischlappen zu holen. Auch wenn sich ihr bei dem bloßen Gedanken schon der Magen umdrehte, konnte sie die Schweinerei nicht einfach liegen lassen. Mausetod lief mit schräg gehaltenem Kopf neben ihr her und ließ sie keine Sekunde aus den Augen. Aus dem schuldbewussten Ausdruck auf ihrem breiten Katzengesicht war ein unübersehbar vorwurfsvoller geworden.
»Jetzt guck bloß nicht so selbstgefällig«, maulte Leonie. »Mit dieser Sauerei hast du vielleicht nichts zu tun, aber über den Mäusedreck in der Speisekammer reden wir noch, verlass dich darauf.«
Als sie an der offenen Wohnzimmertür vorbeikam, fiel ihr ein flackerndes rotes Lämpchen am Fernseher auf. Normalerweise blinkte diese Lampe nie, denn sie zeigte nur an, dass sich das Gerät im Standby-Modus befand, und sowohl Leonie als auch ihr Vater mochten es nicht, wenn Geräte eingeschaltet waren, die eigentlich aus sein sollten. Sie benutzte den Fernseher entweder oder schaltete ihn wirklich und vollständig aus. Vielleicht war sie vorhin versehentlich an eine Taste der Fernbedienung gekommen. Leonie unterbrach ihren Weg in die Küche kurz, um das blinkende Lämpchen zum Erlöschen zu bringen, dann ging sie weiter und kehrte einen Moment später mit einem Eimer heißen Wassers und einem ganzen Stapel Aufnehmer bewaffnet zurück.
Es war nicht ganz so schlimm, wie sie erwartet hatte, aber schlimm genug. Ihr Mageninhalt versuchte ein paarmal sich dem Inhalt ihres Putzeimers hinzuzugesellen. Leonie gewann den Kampf gegen ihre eigenen Innereien, aber als sie fertig war und zum letzten Mal ihren Aufnehmer auswrang, war ihr hundeelend. Mehr taumelnd als gehend schleppte sie sich ins Bad, schüttete den Inhalt ihres Putzeimers samt dem schwarzen Mantel ins Klo und brauchte anschließend gut fünf Minuten, um sich auch nur halbwegs zu erholen.
Wieder draußen auf dem Flur machte sie zwei Schritte und blieb dann stehen, um mit einem resignierten Seufzen die Augen zu verdrehen. Wie es aussah, war sie noch nicht ganz fertig. Der Fußboden vor der Tür zu Vaters Arbeitszimmer glänzte wie frisch gebohnert, aber auf halbem Wege dorthin begann eine schwache, aber nicht zu übersehende Spur aus unregelmäßigen grünen Tropfen, die schnurstracks an Leonie vorbeizog und unter der Verbindungstür verschwand, die zum Laden führte.