Выбрать главу

Leonie verdrehte innerlich die Augen und wollte sich schon nach ihrem Putzeimer bücken, machte aber dann noch einmal kehrt und trat vollends auf den Flur hinaus, um der Spur erst einmal bis zu ihrem Ursprung zu folgen. Vielleicht war es besser, sie sah erst einmal nach, welche bösen Überraschungen dort auf sie warteten.

Die erste böse Überraschung war die Tür selbst. Sie war verschlossen und Leonie musste die Klinke nicht einmal ganz herunterdrücken um zu spüren, dass sich auch hinter ihr massiver Stahl verbarg. Das überraschte sie. Die Buchhandlung war seit dem Tod ihrer Mutter geschlossen, und es war Jahre her, dass Leonie das letzte Mal in dem kleinen Antiquariat gewesen war, aber sie konnte sich gar nicht daran erinnern, dass ihr Vater auch diese Tür einbruchssicher hatte machen lassen. Wozu auch? Der Raum war - selbstverständlich - bis in den letzten Winkel mit Büchern voll gestopft, aber die wirklich wertvollen Exemplare seiner Sammlung befanden sich in einem ganz anderen Raum, wo sie nicht nur vor neugierigen Blicken, sondern auch vor schädlichem Sonnenlicht, vor Feuchtigkeit und Temperaturschwankungen geschützt waren.

Aber egal aus welchem Grund, er hatte es getan und jetzt hatte Leonie ein Problem. Die Spur aus grünen Leimtropfen führte geradewegs auf diese Tür zu und darunter hindurch. Leonie hatte nicht die leiseste Ahnung, wo sich der dazugehörige Schlüssel befand. Und wie sie ihren Vater und seinen Sicherheitsfimmel kannte, würde sie ein ausgewachsenes Schiffsgeschütz brauchen, um diese Tür aufzubrechen.

Nicht dass sie ernsthaft in Erwägung zog, so etwas Dummes zu tun. Die Tür war verschlossen, basta, und ganz gleich welches Chaos auch immer dahinter herrschen mochte, niemand konnte ihr vorwerfen, dass sie irgendetwas damit zu tun hatte. Irgendwie unheimlich war ihr die ganze Geschichte schon, aber Leonie war zugleich auch sicher, dass sich früher oder später eine logische Erklärung dafür finden würde. Sie ging noch einmal zurück ins Bad, holte Eimer und Lappen und beseitigte auch noch den Rest der Spur, die der sterbende Scriptor hinterlassen hatte.

Blieb noch immer die Frage, was sie mit dem angebrochenen Abend anfangen sollte. Die Auswahl war nicht besonders groß. Nachdem ihr verständlicherweise die Lust auf ein Computerspiel vergangen war, konnte sie sich zu Tode langweilen, eingedenk der Tatsache, dass die Schule bereits in einer knappen Woche wieder anfing, ihren PC einschalten und eine CD mit Lernsoftware einlegen (was im Prinzip auf dasselbe hinauslief) oder fernsehen. O ja, oder vielleicht ein Buch lesen. Bäh.

Es war einer der wenigen Momente, in denen es Leonie zutiefst bedauerte, so wenige Freunde zu haben. Die beiden einzigen Mädchen aus ihrer Klasse, mit der sie mehr als nur eine flüchtige Bekanntschaft verband, waren noch nicht aus dem Urlaub zurück und Theresa hatte sich seit Wochen nicht mehr gemeldet.

Leonie blinzelte.

Wer zum Teufel war Theresa?

Sie konnte sich nicht erinnern, jemanden dieses Namens zu kennen. Theresa war der Name ihrer Großmutter gewesen, aber Leonie hatte sie niemals kennen gelernt. Sie war gestorben, lange bevor sie selbst auf die Welt gekommen war, und sie hatte nur ein paarmal gehört, wie sich ihre Eltern über sie unterhalten hatten. Niemand sonst, den sie kannte, hieß Theresa.

Und trotzdem - etwas an diesem Namen kam ihr ungeheuer wichtig vor. Leonie strengte ihr Gedächtnis an und...

Irgendetwas... Unheimliches geschah. Leonie wurde plötzlich schwindelig, und für zwei oder drei Sekunden hatte sie das bizarre Gefühl, den Halt in der Wirklichkeit zu verlieren. Die Wände rings um sie herum schienen durchsichtig zu werden, ohne dass sie erkennen konnte, was dahinter lag, und alles wurde leicht und irreal.

Der schreckliche Augenblick ging so schnell vorüber, wie er gekommen war, und Leonie fand sich mit klopfendem Herzen und stocksteif dastehend auf dem Flur wieder, der genauso massiv und echt war, wie er sein sollte.

Was zum Teufel war nur mit ihr los?

Sie hob die Hand an die Stirn um zu fühlen, ob sie Fieber hatte. Irgendetwas stimmte nicht mit ihr, und sie war plötzlich gar nicht mehr sicher, dass es nur an diesem verrückten Computerspiel lag, das sie gespielt hatte. Vielleicht wurde sie ja tatsächlich krank.

Besorgter, als sie sich selbst eingestehen wollte, ging sie ins Wohnzimmer zurück und wurde dort von einem heftig blinkenden roten Licht am Fernseher begrüßt.

Eine ganze Armee eiskalter, dürrer Spinnenbeine kroch Leonies Rückgrat hinauf. Drehte sie jetzt völlig durch oder spukte es hier tatsächlich? Sie war vollkommen sicher, das verdammte Ding ausgeschaltet zu haben, bevor sie auf den Flur hinausging, um die Schweinerei wegzumachen!

Leonie streckte die Hand nach der Fernbedienung aus und verharrte mitten in der Bewegung. Das Teil war nicht mehr die Fernbedienung, wenigstens nicht die, die noch vor ein paar Minuten hier gelegen hatte und ihr seit Jahren vertraut war. Diese hier war viel größer und hatte ungleich mehr Tasten, als wäre sie dazu bestimmt, gleich mehrere Geräte auf einmal zu bedienen. Es war die Fernbedienung, die Theresa benutzt hatte, um damit im Vorführraum das Chaos auszulösen, das Leonies Flucht ermöglicht hatte.

Die Wirklichkeit schlug Wellen. Für einen Moment sah Leonie alles nur wie in der spiegelnden Oberfläche eines Quecksilbersees, in den jemand einen Stein geworfen hatte. Das Zimmer schien plötzlich doppelt vorhanden zu sein, in zwei ähnlichen, aber eben nicht ganz identischen Ausführungen, die sich lautlos um ihren Platz in der Wirklichkeit stritten, ohne dass Leonie sagen konnte, welche nun die richtige war. Leonie machte einen verwirrten Schritt zurück und sah sich aus aufgerissenen Augen um, dann klärte sich ihr Blick wieder. Die Halluzination erlosch.

Leonie atmete erleichtert auf, drehte sich wieder um und stieß einen erschrockenen Laut aus.

Diesmal konnte sie es nicht auf ihr schlechtes Erinnerungsvermögen schieben oder vielleicht darauf, dass ihre Nerven ihr einen bösen Streich spielten. Sie hatte die Fernbedienung nicht einmal angefasst.

Trotzdem lief der Fernseher jetzt. Und nicht nur das.

Noch während der Bildschirm allmählich heller wurde und die Farben an Leuchtkraft zunahmen, begann die Kanalanzeige wie wild zu scrollen, so schnell, dass auf dem Monitor keine wechselnden Bilder mehr zu erkennen waren, sondern nur noch ein Durcheinander aufblitzender Farben und zusammenhangloser Umrisse. Die Kanalanzeige erreichte die fünfzig, dann die hundert und jagte weiter, in einen Frequenzbereich hinein, auf dem gar keine Sender mehr lagen. Auf dem Bildschirm war jetzt nur noch flackerndes Schneegestöber zu sehen. Leonie starrte den wild gewordenen Fernseher einige Augenblicke lang mit klopfendem Herzen an, machte einen halben Schritt zurück - und stieß eine Mischung aus einem erleichterten Seufzen und einem leisen, aber fast hysterischen Lachen aus, als ihr klar wurde, dass sie sich wie eine komplette Närrin benahm.

Dieser Fernseher war weder verrückt geworden noch verhext. Er war schlicht und einfach kaputt. Leonie schüttelte den Kopf über ihre eigene Dummheit und machte zwei Schritte auf den Apparat zu, um ihn auszuschalten oder zur Not auch den Stecker herauszuziehen, wenn es gar nicht anders ging. Wenn die Glückssträhne, die sie im Moment hatte, anhielt, dann würde ihr das verflixte Ding am Ende noch um die Ohren fliegen.

Hinter ihr schepperte etwas und sie hörte einen Laut wie ein kleines, erschrockenes Piepsen. Ein ganz ähnliches, nur sehr viel lauteres Geräusch stieß Leonie im nächsten Augenblick selbst aus, als sie sich umdrehte, um nach der Ursache des sonderbaren Piepens Ausschau zu halten.

Der Fernseher war nicht kaputt. Er tat ganz genau das, was ein ordnungsgemäß funktionierender Fernseher tut, wenn jemand auf der Fernbedienung herumhämmert.