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Nur dass dieser Jemand normalerweise keine fünf Zentimeter große Maus war, die wie wild auf den winzigen Knöpfen herumsprang, um sie mit ihrem Körpergewicht hinunterzudrücken...

Leonie starrte sie eine Sekunde lang aus hervorquellenden Augen an, dann stieß sie einen spitzen Schrei aus, schlug die Hand vor den Mund und prallte so entsetzt zurück, dass sie um ein Haar das Gleichgewicht verloren hätte.

Wenn es irgendetwas auf der Welt gab, vor dem sie sich im gleichen Maße ekelte wie fürchtete, dann waren es Mäuse. Das war schon seit ihrer frühesten Kindheit so gewesen. Schon als Baby hatte Leonie kein Problem damit gehabt, einen fetten Regenwurm in die Hand zu nehmen, oder fröhlich zu lachen, während ihr eine haarige Spinne über das Gesicht kroch, aber beim Anblick einer harmlosen Maus hatte sie regelrecht hysterische Anfälle bekommen. Das war auch der Grund, warum ihr Vater Mausetod angeschafft hatte - auch wenn sich die fette Perserkatze in dieser Hinsicht als komplette Niete entpuppt hatte. Leonie konnte sich nicht erinnern, dass sie jemals auch nur eine einzige Maus gefangen hätte.

Und selbstverständlich war sie auch jetzt nicht da.

Leonie setzte dazu an, einen zweiten, gellenden Schrei auszustoßen, um die verflixte Katze zu alarmieren, die vermutlich gerade irgendwo im Haus Jagd auf etwas machte, das nicht ganz so schnell war wie eine Maus - eine Dose Katzenfutter zum Beispiel -, aber sie brachte plötzlich keinen Ton mehr heraus. Ihre Kehle war wie zugeschnürt, und ihr Herz schlug mit einem Mal ganz langsam, aber so hart, dass es beinahe wehtat. Ihr war heiß und zugleich bedeckte kalter Schweiß ihre Handflächen und ihre Stirn. Es war die gleiche lähmende Furcht, die sie immer überkam, wenn sie eine Maus sah, und gegen die sie einfach wehrlos war.

Die Maus sah sie aus ihren winzigen Knopfaugen fast vorwurfsvoll an, hörte aber nicht auf, wie besessen auf den Tasten der Fernbedienung herumzutrampeln, und Leonie bekam endlich wieder Luft und nutzte sie, um einen krächzenden, halb erstickten Schrei auszustoßen.

Die Reaktion erfolgte prompt. Von der Tür her erscholl ein fast überraschtes Maunzen, das beinahe augenblicklich in ein zorniges Fauchen überging. Leonie riss sich für einen Moment vom Anblick der Maus los und wurde mit einem sehr sonderbaren Anblick belohnt: Mausetod war unter der Tür erschienen und hatte die Maus ganz offensichtlich sofort entdeckt. Nur reagierte sie nicht im Entferntesten so, als hätte sie vor ihrem Namen Ehre zu machen. Sie hatte die Ohren angelegt und ihre Augen zu schmalen und gelb funkelnden Schlitzen verengt. Ihr Schwanz peitschte nervös und aus ihrer Brust drang ein tiefes, grollendes Knurren. Hätte Leonie es nicht besser gewusst, dann hätte sie geschworen, dass Mausetod vor irgendetwas Angst hatte.

Wenn, dann überwand sie sie jedenfalls sehr schnell.

Aus dem Knurren wurde wieder ein Fauchen, dann stieß sich die Katze mit einem kraftvollfedernden Satz ab und flog mit ausgefahrenen Krallen und gebleckten Fängen auf die Maus zu.

Und Leonie tat etwas, was sie selbst vielleicht am allerwenigsten verstand.

In dem Bruchteil einer Sekunde, bevor Mausetod ihr Ziel erreichte, sprang sie vor und stieß ihr die flachen Hände in die Seite. Mausetod schrie überrascht auf. Statt Zähne und Krallen in den Leib ihrer angepeilten Beute zu graben, verwandelte sie sich in ein kreischendes Fellbündel, das wild um sich schlagend durch die Luft flog und in einem Bücherbord landete, das mit einem gewaltigen Scheppern und Krachen unter seinem Anprall zusammenbrach. Die Maus hörte zwar nicht auf, wie ein kleiner, mit Fell überzogener Gummiball auf den Tasten der Fernbedienung herumzuhüpfen, drehte aber trotzdem den Kopf, um der davonfliegenden Katze ein schadenfrohes Grinsen hinterherzuschicken.

Leonie starrte fassungslos auf ihre eigenen Hände. Sie verstand nicht, warum sie das getan hatte. Allein die Nähe der Maus bereitete ihr beinahe körperliches Unwohlsein und trotzdem hatte sie sie gerade gerettet!

Mausetod krabbelte umständlich unter dem Berg aus Holztrümmern, aufgeschlagenen und zerknickten Büchern und Papierfetzen hervor, unter dem sie sich selbst begraben hatte, schüttelte benommen den Kopf und sah sie einen Moment lang ebenso verwirrt wie vorwurfsvoll an. Dann richtete sich der Blick ihrer gelben, boshaft funkelnden Augen wieder auf die Maus. Ihr Schwanz peitschte wütend. Mit einem zornigen Fauchen stieß sie sich ab und sprang abermals.

Diesmal musste Leonie dem grauen Winzling nicht helfen. Die Maus wartete zwar bis zum wirklich allerletzten Moment, aber dann bewegte sie sich so blitzartig, dass es Leonie schien, als wäre sie von einem Augenblick zum anderen einfach verschwunden. Statt ihre Krallen in die winzige Maus zu schlagen, landete Mausetod bloß auf der Fernbedienung, die unter ihrem Aufprall davonschlitterte und zu Boden fiel, wo sie in tausend Stücke zersprang. Mausetod flog kreischend hinterher, schlitterte hilflos um sich schlagend auf dem spiegelglatten Parkett aus der Tür und knallte so wuchtig vor die gegenüberliegende Wand, dass sie nur noch einmal quiekte und dann stocksteif auf die Seite fiel.

Der Anblick war so komisch, dass Leonie an sich halten musste, um nicht laut aufzulachen. Trotzdem setzte sie sich sofort in Bewegung, um der Katze nachzueilen und nach ihr zu sehen; Mausetod hatte zwar den sprichwörtlichen Dickkopf aller Katzen, aber es hatte auch ganz schön gekracht. Doch sie kam nur zwei Schritte weit.

Der Fernseher begann erneut zu rauschen. Zu dem flackernden Schneegestöber auf der Mattscheibe gesellte sich ein an- und abschwellendes Zischen, das rasch an Lautstärke zunahm und in einem unheimlichen Rhythmus zu pulsieren schien, den Leonie zwar nicht genau erfassen konnte, der ihr aber irgendwie bekannt vorkam. Und auch die wirbelnden, weißen Störflecke auf dem Bildschirm schienen sich plötzlich nicht mehr so willkürlich zu bewegen wie gerade noch: Sie bildeten Muster, Schlieren und Umrisse, die ebenso schnell wieder auseinander flossen, wie sie entstanden, zugleich aber immer hartnäckiger Gestalt anzunehmen versuchten - als wollte sich ein bestimmtes Bild auf der Mattscheibe materialisieren, ohne dass es ihm in letzter Konsequenz gelang.

Dann hörte sie die Stimme.

So wenig, wie das Bild wirklich ein Bild war, war diese Stimme wirklich eine Stimme. Was Leonie hörte, war nur ein geisterhaftes Flüstern und Wispern, so leise und verzerrt, als dränge es aus unendlich großer Entfernung an ihr Ohr. Und trotzdem gab es nicht den leisesten Zweifel daran, dass diese unheimliche Geisterstimme ihren Namen rief...

Fassungslos machte Leonie wieder kehrt und starrte den Fernseher an. Die Kanalanzeige hatte aufgehört zu flackern und war bei 999 stehen geblieben und das chaotische Wirbeln gerann jetzt immer mehr zu festen Formen und Umrissen. Es vergingen nur noch wenige Augenblicke, bis ein deutlich erkennbares Bild die Stelle der tanzenden Störungen eingenommen hatte. Es war nicht besonders gut. Es gab weder Farben noch Tiefe und die Umrisse wollten immer wieder zerfließen. Leuchtende weiße Streifen liefen in unregelmäßiger Folge von oben nach unten über den Bildschirm, als betrachtete sie ein uraltes defektes Videoband. Die Kamera - wenn es eine Kamera war, die dieses gespenstische Bild übertrug - zeigte einen Ausschnitt einer winzigen fensterlosen Zelle, deren Wände aus fast meterhohen, nur grob behauenen Felsquadern bestanden. Schwere eiserne Ringe waren darin eingelassen und auf dem Boden lag fauliges Stroh. Vornübergebeugt und mit weit ins Gesicht hängenden grauen Haaren, die vor Schmutz starrten, hockte eine schmalschulterige, in Fetzen gehüllte Gestalt.

Leonie schrie auf, als die Gestalt mit einer unendlich müde wirkenden Bewegung den Kopf hob und das Haar zur Seite strich, sodass sie ihr schmales, von tiefen Linien und Falten zerfurchtes Gesicht erkennen konnte.

Sie kannte dieses Gesicht. Sie hatte es in natura noch nie gesehen, sondern nur auf Fotografien und in einem alten Video, und da war es deutlich jünger gewesen und nicht so von Leid und Furcht gezeichnet und verdreckt wie jetzt, und dennoch wusste sie ohne jeden Zweifel, um wen es sich handelte.