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Es war das Gesicht ihrer Großmutter.

»Leonida, du musst... sein«, begann die unheimliche Erscheinung. Leonie erkannte auch ihre Stimme wieder, trotz des Rauschens und Knisterns, und das war vielleicht das Unheimlichste daran, denn Leonie hatte diese Stimme noch nie gehört. Ihr Herz klopfte wie wild und mit einem Mal begann sie am ganzen Leib zu zittern. Das war keine Halluzination mehr, und auch keine Sinnestäuschung, sondern etwas viel Schlimmeres.

Das Bild begann wieder stärker zu flackern und gleichzeitig nahmen die Störgeräusche zu. Für einen Moment drohte es ganz zu verschwinden, dann stabilisierte es sich wieder. Leonie konnte sehen, wie sich die Lippen ihrer Großmutter bewegten, aber sie hörte nur vereinzelte Satzfetzen und Worte.

»... nicht trauen«, identifizierte sie zwischen Zischen und Knistern. Die alte Frau auf dem Bildschirm hob beschwörend die Hände und streckte die Arme in Leonies Richtung aus, als versuche sie über den Fernsehschirm nach ihr zu greifen. Ihr Gesicht wurde von weiteren Störungen und Bildausfällen verzerrt und neu zusammengesetzt und für einen winzigen Moment sah Leonie es ganz deutlich. Aber sie bemerkte auch die Spuren, die die Entbehrungen und das Leid endloser Gefangenschaft in der nassen, fensterlosen Zelle darin hinterlassen hatten, und der Anblick bohrte sich wie eine glühende Messerklinge tief in ihre Brust. Ihre Augen füllten sich schlagartig mit Tränen.

»Leonida, hör... zu«, drang die Stimme der alten Frau durch das an- und abschwellende Rauschen zu ihr. In ihren Augen erschien ein verzweifeltes Flehen. »Du darfst... trauen. Sie... nicht, was... scheint!«

Das Zischen und Knistern wurde noch lauter und verschlang Großmutters Worte schließlich ganz. Nur einen Augenblick später begann auch das Bild zu verblassen. Es verging nicht einmal eine Minute, bis der Fernseher wieder nichts als weißes Rauschen zeigte. Die Kanalanzeige zählte rückwärts, und als sie bei 0 angekommen war, ging der Fernseher mit einem leisen Klacken aus.

Leonie erwachte wie aus einer tiefen Trance. Das Zittern ihrer Hände und Knie verstärkte sich, und für einen Augenblick raste ihr Herz so ungestüm, dass sie kaum noch atmen konnte. Alles um sie drehte sich, jetzt aber aus gänzlich anderen Gründen als zuvor. Was bedeutete das noch? Verlor sie allmählich den Verstand oder begann die ganze Welt um sie herum verrückt zu spielen?

Mit einiger Mühe gelang es Leonie endlich, den Blick von dem schwarzen Bildschirm zu lösen und sich umzusehen. Alles sah aus wie immer. Die Wirklichkeit hatte aufgehört Wellen zu schlagen und sich wieder verfestigt, so als habe die Realität ihr falsches Spiegelbild verschlungen und ihren angestammten Platz in der Welt wieder eingenommen.

Aber woher wollte sie eigentlich wissen, welche der beiden unterschiedlichen Wirklichkeiten, die sich für einen Moment einen lautlosen Kampf um die Vorherrschaft in der Welt geliefert hatten, die richtige war?

Leonie schüttelte heftig den Kopf, wie um mit der Bewegung gleichsam auch diesen unheimlichen Gedanken abzuschütteln, der nicht nur zu nichts anderem als Kopfschmerzen führen konnte, sondern darüber hinaus auch vollkommen hirnrissig war. Unterschiedliche Wirklichkeiten! Was für ein Unsinn!

Sie hatte keine Erklärung für das, was sie gerade erlebt hatte, aber sie war jetzt sicherer denn je, dass es eine ganz natürliche Ursache für all das gab.

Und sei es nur, weil es einfach so sein musste.

Leonie lächelte nervös über ihre dummen Gedanken und bückte sich, um die beiden größten der Stücke aufzuheben, in die die Fernbedienung zerbrochen war. Vermutlich tat es dem Tohuwabohu hinter ihrer Stirn ganz gut, wenn sie sich mit einer rein praktischen Tätigkeit ablenkte.

Allerdings machte es kaum noch Sinn, der Fernbedienung mehr als nur einen flüchtigen Blick zu schenken. Leonie war einigermaßen geschickt, wenn es darum ging, Dinge zu reparieren, aber dieser Patient war ein hoffnungsloser Fall. Na wunderbar, dachte Leonie missmutig, während sie die einzelnen Bruchstücke zusammenklaubte und auf den Tisch warf. Das bedeutete nichts anderes, als dass sie für den Rest dieses Abends nicht einmal fernsehen konnte.

Nicht dass sie das ernsthaft vorgehabt hätte, nach dem, was sie gerade erlebt hatte...

Leonie bedachte den Fernseher mit einem letzten schrägen Blick - ihre Großmutter, die seit mehr als fünfzehn Jahren tot war, hatte sich über den Fernseher aus einem Verlies direkt aus der Hölle bei ihr gemeldet: ha, ha, ha! - und trat dann mit schnellen Schritten auf den Flur hinaus um nach Mausetod zu sehen. Auch wenn sich ihre Sympathie für die übergewichtige Perserkatze in Grenzen hielt, konnte sie sie nicht einfach so dort draußen liegen lassen.

Das musste sie auch nicht, denn Mausetod war gar nicht mehr da. Wo sie gelegen hatte, entdeckte Leonie jetzt nur noch ein Büschel grauen Fells, das unter dem Luftzug ihrer Schritte davonwirbelte. Anscheinend, dachte Leonie, hatte sie doch ihr zweites Abendessen noch erwischt.

Seltsamerweise empfand Leonie bei diesem Gedanken ein tiefes Bedauern. Sie hätte erleichtert sein sollen, dass der ekelige Nager verschwunden war, aber das genaue Gegenteil war der Fall. Und hatte sie die Maus gerade eben tatsächlich gerettet, indem sie Mausetod zur Seite geschubst hatte?

Leonie sah einen Moment lang fast ungläubig auf ihre eigenen Hände und drehte dann den Kopf um ins Wohnzimmer zurückzublicken. Das zertrümmerte Bücherbord lag jedenfalls noch genau da, wo Mausetod es von der Wand gerissen hatte. Die ganze Geschichte war wirklich mehr als mysteriös.

Leonie verscheuchte auch diesen Gedanken und hielt weiter nach der Katze Ausschau. Sie konnte sie nirgends entdecken, aber dafür sah sie weitere Büschel grauen Fells. Ganz kampflos hatte die tapfere kleine Maus offensichtlich nicht aufgegeben. Sie folgte der Spur aus Fellbüscheln und ihr Stirnrunzeln vertiefte sich. Es waren eine ganze Menge Fellbüschel, und einige davon waren eigentlich viel zu groß, um von einer so kleinen Maus zu stammen...

Aus dem Wandschrank neben der Tür drang ein leises klägliches Miauen.

Leonie blieb überrascht stehen, sah die geschlossene Schranktür einen Herzschlag lang nachdenklich an und ging dann weiter. Das Maunzen wiederholte sich. Eigentlich hatte sie keine Lust, der Katze dabei zuzusehen, wie sie die Überreste der Maus verspeiste. Aber irgendetwas stimmte nicht. Mausetods Miauen klang so kläglich, dass es ihr schier das Herz brach. Behutsam öffnete Leonie die Schranktür und riss in nächsten Moment ungläubig die Augen auf.

Die Katze war keineswegs damit beschäftigt, die Maus zu fressen. Sie hatte sich im hintersten Winkel des Wandschranks zusammengekauert und zitterte vor Angst. Ihre Augen waren weit aufgerissen (wenigstens das linke, das andere begann bereits zuzuschwellen) und ihr rechtes Ohr hing in Fetzen. Sie hatte mindestens zwei oder drei Zähne verloren, und ihr Fell sah aus, als hätte sie Nachbars Kater mit einem eingeschalteten Rasenmäher bearbeitet.

»Mausetod?«, murmelte Leonie ungläubig.

Die Katze kreischte, war mit einem Satz an ihr vorbei und dann so schnell wie der Blitz auf den Flur verschwunden. Leonie sah gerade noch das zerrupfte Ende ihres grauweiß getigerten Schwanzes auf der Treppe verschwinden, als sie sich umdrehte. Eine Sekunde später schepperte es oben. Glas zerbrach klirrend.

»Mausetod?«, murmelte sie noch einmal. »Aber was...?«

Sie sprach nicht weiter, sondern brach mit einem ungläubigen Keuchen ab, als ihr Blick auf die Verbindungstür zum Laden fiel.

Sie war offen.

Unter dem verschnörkelten Messingschließblech, das ein ganz normales altmodisches Türschloss vorgaukelte, hatte ein winziges grünes Lämpchen zu blinken begonnen, das vorher noch nicht da gewesen war, und jetzt, wo die Tür offen war, konnte Leonie erkennen, dass nicht nur das Schließblech etwas ganz anderes zu sein vorgab, als es war. Diese Zimmertür war keine Zimmertür, sondern ein mindestens zehn Zentimeter dickes Monstrum aus massivem Stahl, das jedem ausgewachsenen Banktresor Ehre gemacht hätte. Auch der Türrahmen bestand aus Stahl, der nur mit einer dünnen Furnierschicht überzogen war, und aus der Tür ragte ein gutes Dutzend daumendicker Schließbolzen. Leonie war vollkommen perplex. Sie hatte schon ein paarmal gewitzelt, dass ihr Vater an einem offenbar leicht übersteigerten Sicherheitsbedürfnis litt - aber das hier war keine übertriebene Vorsicht mehr, sondern ein klarer Fall von galoppierender Paranoia! Was um alles in der Welt bewahrte er da hinter dieser Tür auf? Die Kronjuwelen der englischen Königin?