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Leonie ging unsicher weiter. Der winzige Raum hinter der Tür war ebenso neu wie die Tür selbst. Die Wände bestanden wieder aus mattiertem Stahl und auch die Tür in der gegenüberliegenden Wand machte einen ziemlich massiven Eindruck. Zwei unter der Decke angebrachte Videokameras deckten jeden Quadratzentimeter der Stahlkammer ab, und Leonie war ziemlich sicher, dass es noch eine ganze Anzahl weiterer, unsichtbarer Sicherheits- und Überwachungsgeräte hier drinnen gab. Die Tür auf der anderen Seite hatte weder einen Griff noch ein sichtbares Schloss, sondern nur eine Zahlentastatur und etwas, das wie ein in die Wand eingelassener Scanner aussah. Auch sie stand offen.

Zumindest in der Buchhandlung dahinter schien sich nichts verändert zu haben; wenigstens erschien ihr das auf den ersten Blick so und auch auf den zweiten fielen ihr nicht allzu viele Neuerungen auf. Die bis unter die Decke reichenden Bücherregale aus einfachem Holz waren noch dieselben wie vor zehn oder zwanzig Jahren - möglicherweise auch vor hundert -, nur dass sie jetzt mit schweren, sorgsam verschlossenen Glastüren versehen waren und Leonie das leise Summen einer Klimaanlage hörte, die hier drinnen für eine stets gleich bleibende Temperatur und Luftfeuchtigkeit sorgte; darüber hinaus waren auch hier unter der Decke mehrere Videokameras montiert. Ansonsten sah der Laden aber ganz genauso aus, wie Leonie ihn in Erinnerung hatte. Auf dem Boden lag noch immer derselbe zerschlissene Teppich und hinter dem schmalen Tresen hatte Mutter ihr halbes und Großmutter sogar ihr ganzes Leben verbracht, ja selbst die Registrierkasse war noch da, obwohl sie sogar aus dem vorletzten Jahrhundert stammte.

Ein sonderbares Gefühl überkam Leonie, während sie zwischen den überladenen Bücherregalen hindurchging. Sie war nur sehr selten hierher gekommen, als ihre Mutter noch gelebt hatte, und seit ihrem Tod überhaupt nicht mehr, und doch fühlte sie sich auf eine sehr seltsame Art zu Hause. Die voll gestopften Regale, die abgenutzten Möbel und das blasse Licht vermittelten ihr ein Gefühl von Geborgenheit, das mit jedem Schritt stärker wurde. Und noch etwas ganz und gar Unheimliches geschah, erstaunlicherweise aber, ohne dass es ihr auch nur die geringste Angst machte: Als sie an der niedrigen Theke vorbeiging, glaubte sie für einen winzigen Moment ihre Mutter zu sehen, wie sie hinter der antiquierten Registrierkasse stand und mit einem geduldigen Lächeln die Fragen ihrer Kunden beantwortete und sie beriet, und für die gleiche unendlich kurze Spanne wusste sie einfach, dass ihre Mutter noch am Leben war, auf irgendeine unbegreifliche Art und in einer unbegreiflichen Welt.

Die Vision verging und sie war plötzlich von einem Mut und einer Zuversicht erfüllt, die sie vor ein paar Minuten noch für unmöglich gehalten hätte. Selbst als ihr endgültig klar wurde, dass mit ihren Erinnerungen irgendetwas nicht stimmte, machte ihr das keine Angst; vielleicht weil sie spürte, dass das, was sich hinter der Mauer des Vergessens in ihrem Kopf versteckte, nicht nur Schlimmes barg, sondern auch ein paar sehr beruhigende Dinge.

Leonie sah sich nachdenklich um. Sie wusste selbst nicht genau, wonach sie eigentlich suchte, aber ihr war natürlich klar, dass sie nicht zufällig hier war; so wenig wie es Zufall war, dass die seit zehn Jahren verschlossene Tür zum Antiquariat plötzlich offen stand. Sie blickte nach rechts und links und dann nach unten, und sie erkannte selbst in dem schwachen Licht hier drinnen die Spur aus verschmierten grünen Flecken, die vom Eingang her geradewegs in den kleinen Nebenraum führte, der ihren Eltern früher als Büro gedient hatte. Die Tür zum Büro stand offen, und als Leonie hindurchtrat, bemerkte sie, dass auch die viel schmalere Tür in der gegenüberliegenden Wand geöffnet war. Die Spur aus grünen Fußabdrücken führte geradewegs dorthin. Leonie wusste, dass dahinter eine Treppe lag, die in einen winzigen Keller führte, der ihres Wissens nach seit einem halben Menschenleben nicht mehr benutzt wurde.

Kaltes Neonlicht und ein leicht muffiger Geruch schlugen ihr entgegen, als sie durch die Tür trat und die schmale Treppe nach unten ging. Auch hier gab es eine Videokamera unter der Decke, aber die Wände bestanden aus nacktem Ziegelstein, in dessen Fugen sich schon vor einem Jahrhundert der Schimmel eingenistet hatte, und die hölzernen Stufen knarrten vernehmlich unter ihrem Gewicht. Allmählich beschlich Leonie doch ein banges Gefühl. Wären die grünen Fußabdrücke vor ihr nicht gewesen, dann hätte sie vermutlich spätestens in diesem Moment kehrtgemacht. So aber ging sie weiter und gelangte nach knappen anderthalb Dutzend Stufen in einen winzigen fensterlosen Kellerraum - der vollkommen leer war.

Beinahe, jedenfalls. Unter der mit freundlichen hellen Kunststoffplatten verkleideten Decke hing eine ganze Batterie von Kameras und anderen, zum Teil höchst kompliziert aussehenden Apparaturen und die der Treppe genau gegenüberliegende Wand bot einen ziemlich merkwürdigen Anblick: Sie bestand aus nacktem Beton, nicht aus Ziegelsteinen wie die anderen Wände, und als hätte man sichergehen wollen, dass wirklich niemand der Wand zu nahe kam, war davor ein engmaschiges Netz aus silbern blitzenden Drähten gespannt, von dem ein leises elektrisches Summen ausging. Leonie konnte nicht genau sagen warum, aber sie hatte das sehr starke Gefühl, dass es besser war, diese Drähte nicht zu berühren.

Eingebettet in dieses vermutlich tödliche Spinnennetz aus stählernem Draht war die gewaltigste Panzertür, die Leonie jemals gesehen hatte. Sie war kreisrund, reichte vom Boden bis zur Decke und bestand aus Stahl, der so sorgsam poliert war, dass Leonie ihr eigenes Gesicht als schreckensbleich verzerrtes Spiegelbild darin erkennen konnte. Das Monstrum musste mindestens fünf Tonnen wiegen, und es hatte nicht nur ein, sondern gleich drei Schlösser und dazu eine Zifferntastatur, einen Handabdruck-Scanner und noch zwei oder drei andere Apparaturen, deren Bedeutung sie nicht einmal zu erraten vermochte. Tatsächlich, dachte Leonie - irgendjemand wollte wirklich sehr sicher sein, dass kein Unbefugter durch diese Tür ging. Leonie hatte eine ziemlich konkrete Vorstellung davon, wer dieser Jemand war, und ihr war alles andere als wohl bei dem bevorstehenden Gespräch mit ihrem Vater, das unweigerlich folgen musste, sobald er die Bänder der Überwachungskamera ausgewertet hatte. Trotzdem zögerte sie nur einen kurzen Moment, bevor sie weiterging.

»Ich an deiner Stelle würde das nicht tun«, sagte eine Stimme hinter ihr. Leonie fuhr erschrocken herum und Frank fuhr mit einem Grinsen fort, das nicht wirklich über den abgrundtiefen Schrecken in seinem Blick hinwegtäuschen konnte: »Ich an meiner Stelle übrigens auch nicht. Es ist nicht ganz ungefährlich, dieser Wand zu nahe zu kommen.«

»Wo... wo kommen Sie denn her?«, murmelte Leonie überrascht.

»Die Frage ist, glaube ich, eher: Wie kommst du hierher?«

»Ich wohne hier.« Leonie funkelte Frank an. Natürlich war ihr klar, dass der stellvertretende Leiter des privaten Sicherheitsdienstes ihres Vaters nur seine Arbeit tat, aber das änderte nichts daran, dass sie ihn noch nie besonders gemocht hatte. »Schon vergessen?«