»Genau genommen wohnst du oben«, antwortete Frank ungerührt. »Hier unten hat niemand etwas zu suchen. Auch du nicht. Wie kommst du eigentlich hierher?«
»Ich bin der Spur gefolgt«, antwortete Leonie.
»Welcher Spur?«
»Der von diesem hakennasigen kleinen Kerl, der dann später zu grünem Schleim zerfallen ist«, erwiderte Leonie. »Die Maus hat mir die Tür aufgemacht, nachdem sie die Katze verprügelt hat.«
Franks Gesicht verdüsterte sich. »Ganz wie du meinst«, sagte er kühl. »Aber jetzt sollten wir wieder raufgehen. Es ist wirklich nicht ganz ungefährlich hier.«
Leonie machte keine Anstalten, seiner Aufforderung zu folgen. Stattdessen drehte sie sich wieder um und deutete mit einer Kopfbewegung auf die monströse Tür. »Was ist dahinter?«
»Das weiß ich nicht«, behauptete Frank. »Und es ist mir auch egal. Mich interessiert lediglich, dass du nicht hier sein darfst. Es ist wirklich gefährlich, glaub mir. Dein Vater wird nicht besonders begeistert sein, wenn er davon erfährt.«
»Muss er es denn erfahren?«, fragte Leonie.
»Darüber reden wir, sobald wir hier raus sind, einverstanden?«, fragte Frank. »Jetzt komm bitte.« Er machte eine barsche Handbewegung, die er zugleich mit einem breiten Lächeln wieder zu entschärfen versuchte, aber es gelang ihm nicht, einen raschen nervösen Blick auf die Tür zu unterdrücken. Man musste kein allzu guter Beobachter sein um zu bemerken, dass ihm ihre bloße Nähe Unbehagen bereitete.
Ihr erging es jedenfalls so.
Frank trat demonstrativ zur Seite und machte eine übertrieben einladende Geste. Leonie ließ es sich natürlich nicht nehmen, ihm noch einen giftigen Blick zuzuwerfen, aber dann drehte sie sich gehorsam um und ging an ihm vorbei die Treppe hinauf.
Auch wenn sie es niemals laut zugegeben hätte: Sie war froh hier herauszukommen. Irgendetwas Unheimliches war hier unten, etwas, das ihr Angst machte.
Als sie in das ehemalige Büro trat, hörte sie Schritte und gedämpfte, aber aufgeregte Stimmen, und in der Buchhandlung selbst begegneten ihr zwei junge Männer, die so haargenau dem Klischee von Hollywood-Agenten entsprachen, dass sie schon fast lächerlich aussahen: schwarze Anzüge, kurz geschnittenes, streng zurückgekämmtes Haar, Sonnenbrille (obwohl es draußen stockdunkel war) und den obligaten Knopf im Ohr, von dem ein durchsichtiges Spiralkabel ausging, das in ihrem Kragen verschwand.
»Hier ist alles in Ordnung«, sagte einer der beiden zu Frank. »Es scheint niemand da zu sein.«
»Scheint?« Franks Stirnrunzeln war allenfalls angedeutet, aber Leonie sah trotzdem, wie das Gesicht seines Mitarbeiters unter der albernen Sonnenbrille alle Farbe verlor.
»Es ist niemand hier«, versicherte der Mann hastig. »Und auf den Videos ist auch nichts zu sehen.« Er hob unglücklich die Schultern. »Ich habe keine Erklärung dafür, wie sie die Sicherheitsbarrieren überwinden konnte. Geschweige denn wie es ihr gelungen ist, die Tür zu öffnen.«
Frank vermittelte für einen Moment ganz den Eindruck, als würde er explodieren und seine Wut an seinem bedauernswerten Mitarbeiter auslassen. Aber dann beherrschte er sich und wandte sich stattdessen wieder ganz Leonie zu, um sie mit einem langen nachdenklichen Blick zu messen. »Ich glaube, es wird Zeit, dass wir uns ein wenig unterhalten, junge Dame.«
Der Hinterhalt
Das Haus wimmelte von Männern. Leonie sah allein zwei auf dem Flur und ein weiterer war dabei, das Wohnzimmer penibel zu durchsuchen, als sie hereinkamen, trollte sich aber sofort, als Frank ihm nur einen einzigen Blick zuwarf. Aus dem Obergeschoss hörte sie die Schritte weiterer Männer, und als sie einen Blick aus dem Fenster warf, sah sie zwei große Limousinen, die mit eingeschalteten Scheinwerfern und offenen Türen direkt auf dem Rasen vor der Haustür parkten. Wie es aussah, hatte Frank eine ganze Armee mitgebracht.
Der Bodyguard wartete darauf, dass sie auf der Couch Platz nahm. Während sie - provozierend langsam - um den Tisch herumging und sich setzte, betrachtete er stirnrunzelnd die Teile der zerbrochenen Fernbedienung. »War das Fernsehprogramm so schlecht?«, fragte er.
»Grässlich«, antwortete Leonie. »Es gab einen Agentenfilm mit so ein paar größenwahnsinnigen Typen mit Sonnenbrille und Knopf im Ohr. Ich hasse solche Geschichten. Sie sind albern.«
In Franks Gesicht rührte sich kein Muskel. »Das ist nicht lustig«, sagte er ruhig. »Ist dir eigentlich klar, was für eine Maschinerie du in Gang gesetzt hast?«
»Ist Ihnen eigentlich klar«, entgegnete Leonie, ohne seine Frage damit auch nur ansatzweise zu beantworten, »dass das hier mein Haus ist und mein Vater Sie dafür bezahlt, auf mich aufzupassen, und nicht, hier mitten in der Nacht mit einem Rollkommando anzurücken?«
Natürlich wäre Frank das viele Geld, das Vater ihm und seinen Männern in den Rachen warf, nichts wert gewesen, wenn er auch nur mit einem Wort darauf eingegangen wäre.
»Du hältst das alles für einen großen Scherz, wie?«, fragte er kopfschüttelnd. »Aber das ist es nicht. Die halbe Stadt steht Kopf, weil der Alarm ausgelöst wurde.«
»Alarm? Ich habe nichts gehört.«
»Es ist auch nicht der Sinn eines stillen Alarms, dass man ihn hört«, belehrte sie Frank. »Aber glaub mir, es gibt in diesem Haus mehr verborgene Alarmanlagen als Nägel in den Wänden.«
»Und die Tür sieht aus, als brauchte man eine kleine Atombombe um sie aufzubrechen«, pflichtete ihm Leonie bei. Sie lächelte geringschätzig. »Aber ich habe sie einfach so aufbekommen, und sogar ohne dass ich auf den Überwachungsvideos zu sehen bin, wenn ich Ihren Mitarbeiter richtig verstanden habe. Nebenbei: Seit wann werde ich schon bespitzelt? Hängt auf dem Klo auch eine Kamera?«
»Das alles geschieht nur zu deinem Schutz, Leonie«, antwortete Frank. »Und wenn es dich beruhigt: Normalerweise werden die Aufnahmen von einem Computer ausgewertet. Kein Mensch bekommt irgendetwas zu Gesicht, was dir peinlich sein müsste.«
»Dann fragen Sie doch Ihren verdammten Computer, was passiert ist!«, schnappte Leonie.
»Das werden wir«, sagte Frank in leicht bedauerndem Ton. Er begann die Reste der Fernbedienung einzusammeln und in die Jackentasche zu stecken. »Wir bekommen mit Sicherheit heraus, was hier passiert ist. Es wäre nur einfacher, wenn du es uns gleich sagst.«
»Ich habe nicht die geringste Ahnung, wovon Sie reden«, beharrte Leonie.
Frank seufzte. »Ganz wie du willst. Aber dir ist schon klar, dass ich deinem Vater von diesem Zwischenfall berichten muss.« Er ließ sich in die Hocke sinken, um einen Plastiksplitter aufzuheben, den er übersehen hatte, und steckte ihn pedantisch in die gleiche Jackentasche, in der er schon die anderen Stücke verwahrt hatte. Als er die Hand wieder hervorzog, glitzerten ein paar grüne Schleimtropfen an seinen Fingern.
Frank runzelte die Stirn, griff noch einmal und jetzt mit der ganzen Hand in die Tasche und stieß plötzlich einen angeekelten Laut aus. Seine ganze Hand war mit einer glibberigen grünen Pampe besudelt, die zähe Fäden zog, als er die Hand weiter hob, und auch der Stoff seiner Jackentasche begann sich zusehends dunkler zu färben.
»Igitt!«, ächzte Frank angeekelt. »Was ist denn das für eine Schweinerei?«
»Die Papiertaschentücher sind heutzutage auch nicht mehr das, was sie mal waren«, sagte Leonie. »Sie sollten die Marke wechseln.«
Frank starrte sie eine Sekunde fast hasserfüllt an, dann stieß er einen würgenden Laut aus und rannte aus dem Zimmer, wobei er die leimverschmierte Hand so weit von sich weghielt, wie er nur konnte. Leonie hörte ihn in die Küche poltern und nur einen Moment später ertönte das Rauschen von Wasser. Auf ihrem Gesicht machte sich ein schadenfrohes Grinsen breit.
Aber es hielt nur kurz, dann stand sie auf, ging um den Tisch herum und ließ sich in die Hocke sinken. Sie benötigte nur einen Augenblick, um einen weiteren Splitter der Fernbedienung zu finden, den der Bodyguard offensichtlich übersehen hatte. Ihre Finger begannen ganz leicht zu zittern, als sie die Hand danach ausstreckte. Sie war fast sicher, dass auch dieses Bruchstück zu grünem Leim zerfließen würde, sobald sie es berührte. Es tat nichts dergleichen. Der Splitter blieb, was er war: Ein kaum zwei Zentimeter großes, scharfkantiges Plastikstück, das nicht die geringsten Anstalten machte, in irgendeinen anderen Aggregatzustand überzugehen.