Выбрать главу

Das Ganze war sehr seltsam, fand Leonie. Fast schon unheimlich. Sie schloss die Hand um den Splitter und stand auf, und als sie sich umdrehte, sah sie ein winziges rotes Lämpchen auf dem Telefon blinken. Jemand rief an. Eigentlich hätte der Apparat jetzt klingeln müssen, aber das tat er nicht, und Leonie hatte das zwar vollkommen grundlose, aber trotzdem sehr sichere Gefühl, dass das auch gut war. Sie warf einen raschen Blick zur Tür hin und hob dann den Hörer ab, und dasselbe unerklärliche Gefühl warnte sie davor, irgendetwas zu sagen.

Schon die ersten Worte, die aus der Hörmuschel drangen, gaben ihrem Gefühl Recht. »Leonie, sag jetzt kein Wort«, zischte eine helle, noch sehr jugendlich klingende Frauenstimme. »Hör einfach nur zu! Wir haben sehr wenig Zeit. Du musst mit ihnen gehen, verstehst du? Ganz egal wie, du musst sie dazu bringen, dich mitzunehmen. Du musst auf jeden Fall das Haus verlassen! Du bist in großer Gefahr!«

Bei einem altmodischen Telefon hätte sie jetzt vermutlich ein Klicken gehört, als die Verbindung unterbrochen wurde. So aber war die Frauenstimme einfach weg, und es vergingen noch ein paar Augenblicke, bevor Leonie klar wurde, dass am anderen Ende der Leitung niemand mehr war. Etliche weitere Sekunden starrte sie den Telefonhörer in ihrer Hand einfach nur an. Was zum Teufel war denn das jetzt schon wieder gewesen?

Das Geräusch fließenden Wassers verstummte. Leonie hängte hastig ein und schaffte es gerade noch, zu ihrem Platz zurückzugehen und sich zu setzen, bevor Frank aus der Küche zurückkam. Er hatte sein Jackett ausgezogen und trocknete sich hektisch mit einem Handtuch die Hände ab und er sah ziemlich schlecht gelaunt aus.

»Die Jacke kommt ins Labor!«, brüllte er irgendjemanden an, der draußen auf dem Flur stand. »Ich will wissen, was das für ein Zeug ist!«

»Das Taschentuch auch?«, witzelte Leonie. Jedenfalls sollte es witzig klingen, aber das tat es nicht einmal in ihren eigenen Ohren. Es klang einfach nur lahm.

Frank schenkte ihr auch nur einen giftigen Blick, setzte dazu an, etwas zu sagen, das Leonie ganz bestimmt nicht begierig war zu hören, und runzelte dann die Stirn. Statt sie anzufahren, drehte er den Kopf und blickte stirnrunzelnd auf das Telefon hinab.

Ein eisiger Schrecken durchfuhr Leonie. Konnte dieser Kerl am Ende vielleicht auch noch Gedanken lesen?

Fast im gleichen Moment wurde ihr klar, dass er das gar nicht nötig hatte. Sie selbst hatte das Telefon ununterbrochen angestarrt, seit Frank hereingekommen war. Er hätte schon blind sein müssen, um es nicht zu bemerken.

»Keine Chance«, sagte Frank und schüttelte finster den Kopf. »Wir werden das Telefon abschalten, wenn wir gehen. Alle Telefone im Haus. Auch dein Handy. Und deinen Internetanschluss ebenfalls.«

»Und wenn ich Hilfe rufen muss?«, fragte Leonie. »Ich meine: Es könnten ja irgendwelche bösen Männer kommen, die mir etwas zuleide tun wollen.«

Franks Gesicht verfinsterte sich noch weiter. »Seltsam. Dein Vater hat immer erzählt, dass du ein nettes, wohlerzogenes junges Mädchen bist.«

»Ich bin auf jeden Fall nicht blöd!«, antwortete Leonie. »Nach allem, was hier passiert ist, bleibe ich ganz bestimmt nicht mutterseelenallein im Haus, und noch dazu ohne Telefon!«

Diesmal war sie sicher, dass Frank hochgehen würde wie eine Rakete, doch stattdessen funkelte er sie nur einen Moment lang zornig an - und dann grinste er plötzlich breit und unübersehbar gehässig. »Du hast vollkommen Recht. Es wäre unverantwortlich, dich allein hier zurückzulassen, solange wir nicht ganz genau wissen, was hier passiert ist. Du begleitest uns besser.«

»Was?«, ächzte Leonie. Sie war fast ein bisschen stolz auf sich selbst. Die Empörung in ihrer Stimme klang vollkommen echt.

Franks Grinsen wurde noch schadenfroher. »Nur bis wir wissen, was hier wirklich los ist«, sagte er. »Ich werde ein paar Techniker kommen lassen, die die ganze Anlage durchchecken. So lange bringen wir dich an einen sicheren Ort.«

»Aber das können Sie doch nicht machen«, beschwerte sich Leonie.

»Das muss ich sogar«, behauptete Frank grienend. »Dein Vater würde mir den Kopf abreißen, wenn ich dich hier einfach allein zurückließe.« Er deutete mit einer spöttischen Handbewegung auf den Flur hinaus. »Wenn du noch ein paar Dinge aus deinem Zimmer holen willst, begleite ich dich gerne nach oben.«

Leonie hätte fast genickt. Sie war nicht besonders erpicht darauf, nur mit den Sachen, die sie am Leib trug, in irgendein Hotel zu gehen und möglicherweise Tage dort zu verbringen, aber dann erinnerte sie sich wieder an das, was die unbekannte Frauenstimme am Telefon gesagt hatte. Sie warf nur stolz den Kopf in den Nacken.

»Ist wahrscheinlich auch besser so«, sagte Frank. »Wenn dir noch irgendetwas fehlt, besorgen wir es dir.« Er wiederholte seine auffordernde Geste, diesmal aber in Richtung Ausgangstür.

Ein Schatten huschte vor ihnen entlang, als sie auf den Flur hinaustraten. Er war zu schnell wieder verschwunden, als dass Leonie ihn wirklich erkennen konnte, aber es war keine Täuschung gewesen, denn Frank hatte ihn ganz offensichtlich auch gesehen; er blieb stehen, sah sich aufmerksam und mit einem Ausdruck neuer Besorgnis im Gesicht nach allen Richtungen um und deutete dann ein Achselzucken an. Aber er ging deutlich schneller als zuvor, während sie sich dem Ausgang näherten.

Leonies Herz begann schneller zu schlagen. Sie hatte plötzlich das Gefühl, von unsichtbaren, grausamen Augen angestarrt und aus den Schatten heraus belauert zu werden. Was hatte die Stimme am Telefon gesagt? Du bist in großer Gefahr! Vielleicht war sie gut beraten, diese Warnung ernst zu nehmen. Irgendetwas stimmte hier nicht. Das intensive Gefühl einer unsichtbaren, aber auch ungeheuren Bedrohung, die sich lautlos und rasend schnell rings um sie herum zusammenzog, verstärkte sich von Sekunde zu Sekunde. Etwas kam.

Auch neben der Haustür stand ein Mann mit schwarzem Anzug, Sonnenbrille und Ohrstöpsel. »Sagen Sie den anderen Bescheid«, raunzte Frank ihn an. »Zwei Mann bleiben hier und warten auf die Techniker. Der Rest kommt mit uns.«

»Das... würde ich nicht tun«, sagte Leonie zögernd.

»Was?«, fragte Frank. Er wirkte plötzlich nicht mehr unwillig, sondern sehr ernst.

»Die Männer hier lassen«, antwortete Leonie. »Ich glaube, es ist besser, wenn... wenn niemand hier zurückbleibt.«

Frank antwortete nicht gleich. Er sah plötzlich mehr als nur ein bisschen besorgt aus. Konnte es sein, dass er es auch spürte?

»Vielleicht hast du Recht«, meinte er zu Leonies nicht geringer Überraschung. Er wandte sich wieder an den Mann neben der Tür. »Wir verschwinden. Die Männer sollen sich beeilen. Leonie und ich warten im Wagen.«

Während der Mann ging, um seine Kollegen zu holen, öffnete Frank bereits die Tür, trat aber noch nicht aus dem Haus, sondern drehte sich noch einmal um und suchte mit einem langen, nachdenklichen Blick den Flur hinter Leonie ab. Nach wie vor rührte sich dort nichts und auch die Schatten waren genau das, was sie sein sollten. Und doch hatte Leonie mehr und mehr das Gefühl einer entsetzlichen Bedrohung. Als lauere da etwas hinter den Schatten, das lautlos und beharrlich an den Mauern der Wirklichkeit kratzte. Frank musste es ebenfalls spüren, denn Leonie bemerkte, dass er nur mit Mühe ein Schaudern unterdrückte.

»Gehen wir«, sagte er nervös.

Sie verließen das Haus. Die beiden Wagen, mit denen Frank und seine Männer gekommen waren, standen mit eingeschalteten Scheinwerfern und laufenden Motoren nur wenige Schritte entfernt, aber unmittelbar vor der Haustür lag ein Bereich absoluter Dunkelheit, der von einem lang gestreckten Keil aus gelbem Licht durchbrochen wurde, als sie ins Freie traten. Ihrer beider Schatten hoben sich sonderbar verzerrt und in die Länge gezogen vor dem gelben Licht ab. Es war sehr kalt, fand Leonie. Viel zu kalt für die Jahreszeit, und obwohl es vollkommen windstill war, raschelte und wisperte es in den Blättern der Ziersträucher und Bäume, die in dem gepflegten kleinen Vorgarten wuchsen.