Frank machte nur zwei Schritte und blieb dann noch auf der Treppe wieder stehen, um sich aus misstrauisch zusammengekniffenen Augen umzusehen. Seine rechte Hand glitt in die Hosentasche und kam mit einer zerknautschten Zigarettenpackung wieder zum Vorschein. Er führte die Bewegung jedoch nur halb zu Ende, bevor er die Schachtel hastig wieder einsteckte und Leonie zugleich einen raschen, fast schuldbewussten Blick zuwarf. »Du hast Recht«, sagte er nervös. »Hier stimmt etwas nicht. Ich glaube, ich muss mich bei dir entschuldigen.«
»Vielleicht sollten wir die Polizei rufen«, schlug Leonie vor - obwohl sie sich bei diesen Worten fast lächerlich vorkam. Was immer es war, das Frank und sie spürten - es war nichts, wovor die Polizei sie beschützen konnte...
Frank sah sie dann auch nur verwirrt an und blinzelte. »Wen?«, fragte er verständnislos.
Leonie wollte antworten, doch genau in diesem Moment hörte sie ein sonderbares Kratzen und Schaben hinter sich, und zwischen den beiden Schatten, die Leonie und Frank auf die ausgetretenen Marmorstufen warfen, erschien ein dritter Umriss.
Nur dass es nicht der Schatten eines Menschen war...
Es war ein riesiges, monströses Ding, so gewaltig, dass es kaum durch die Tür passte, und mit derartig breiten Schultern, dass es schon fast missgestaltet wirkte. Seine Umrisse hätten dennoch die eines - wenn auch übergroßen - Menschen sein können, wären sie nicht von Dutzenden langer, gebogener Stacheln gesäumt worden, die aus seinen Schultern, den Ellbogen und Handgelenken und sogar aus dem gigantischen gehörnten Schädel wuchsen. Noch während Leonie aus hervorquellenden Augen auf den bizarren Umriss starrte, hob dieser den Arm, und obwohl ja auch der nur ein Schatten und auf die gleiche unheimliche Weise verzerrt war, identifizierte sie das, was er in der Hand hielt, dennoch sofort als ein mächtiges Schwert mit einer langen, gezahnten Klinge.
Frank hatte den Schatten im gleichen Augenblick gesehen wie sie, und er reagierte mit einer Kaltblütigkeit und Präzision, wie man sie von einem Mann wie ihm erwarten durfte: Er verschwendete keine Zeit damit, einen Blick über die Schulter zurückzuwerfen, sondern packte Leonie blitzartig am Handgelenk und stürmte los. Möglicherweise rettete er ihr damit das Leben, denn Leonie hörte im gleichen Augenblick ein scharfes Zischen und irgendetwas fuhr so dicht hinter ihrem Nacken durch die Luft, dass sie spüren konnte, wie ihr ein paar Haare abgetrennt wurden.
Mit zwei, drei gewaltigen Sätzen erreichte Frank den Wagen, stieß sie grob durch die offene Tür auf den Rücksitz und warf sich in der gleichen Bewegung hinter das Steuer. Als Leonie, die mehr in den Wagen gefallen als eingestiegen war, sich aufrappelte, hatte Frank bereits den Rückwärtsgang reingedonnert und ließ den Wagen mit durchdrehenden Rädern über den Rasen zurückschießen, bis sie sich acht oder zehn Meter vom Haus entfernt hatten; dann trat er ebenso hart wieder auf die Bremse, wie er gerade beschleunigt hatte. Die Türen flogen mit einem dumpfen, vierfachen Knall von selbst zu. Leonie wurde nach vorne geschleudert und knallte so heftig mit dem Gesicht gegen die Nackenstütze des Fahrersitzes, dass sie Sterne sah.
Der Umriss war verschwunden, als sie sich abermals aufrappelte und zur Haustür sah, aber irgendwo im Flur dahinter bewegten sich hektische Schatten und sie hörten ein ungeheures, dröhnendes Gebrüll, das unmöglich von einem Menschen stammen konnte. Etwas blitzte und nur einen Sekundenbruchteil später drang der peitschende Knall eines Pistolenschusses an ihr Ohr.
»Großer Gott«, flüsterte Frank erschüttert, »was geht da vor?« Seine Hände schlossen sich so fest um das Lenkrad, als wollte er es in Stücke brechen, und Leonie konnte sogar in der schwachen Beleuchtung hier drinnen erkennen, dass sein Gesicht jedes bisschen Farbe verloren hatte.
Leonie antwortete nicht auf seine Frage - obwohl sie mit jeder Sekunde mehr das unheimliche Gefühl hatte, dass sie es eigentlich können müsste. Die schrecklichen Ereignisse der letzten Sekunden erfüllten sie mit panischer Angst, die es ihr fast unmöglich machte, auch nur einen klaren Gedanken zu fassen - und doch spürte sie tief in sich, dass sie ganz genau wusste, was das alles bedeutete. Es war, als wäre in ihrem Kopf plötzlich eine Mauer, ebenso unsichtbar wie unüberwindlich, die es ihr unmöglich machte, auf ihre Erinnerungen zurückzugreifen.
Zumindest auf einen bestimmten Teil ihrer Erinnerungen...
Irgendetwas Warmes und Klebriges lief ihren Nacken herunter. Leonie verspürte einen leisen brennenden Schmerz, als sie ihren Nacken berührte, und starrte verblüfft auf das frische, hellrote Blut, das an ihren Fingerspitzen klebte, als sie die Hand wieder zurückzog. Ein eisiger Schauer überlief sie, als sie an den Luftzug dachte, den sie gespürt hatte. Offensichtlich hatte das Schwert des Aufsehers doch ein wenig mehr erwischt als nur ein paar Haare. Hätte sie nur zehn Zentimeter näher an der Tür gestanden...
»Ist alles in Ordnung?« Ihre Bewegung war Frank nicht entgangen. Er hatte sich auf dem Fahrersitz halb umgedreht und sah sie alarmiert an. Leonie ließ hastig die Hand sinken, damit er das Blut an ihren Fingerspitzen nicht sah, und schüttelte den Kopf. Der Aufseher? Woher kannte sie dieses Wort?
»Nichts«, sagte sie rasch.
Diese Antwort schien den jungen Leibwächter nicht unbedingt zufrieden zu stellen, denn er sah sie noch einen weiteren Atemzug lang mit unverhohlenem Misstrauen an, drehte sich dann aber wieder nach vorne.
Im Haus fielen jetzt weitere Schüsse, drei, vier, fünf in rascher Folge hintereinander, dann ertönte ein gellender Schrei und dann wieder Schüsse, eine ganze Salve diesmal, die in so rascher Folge krachten, dass das Geräusch zu einem einzigen, lang gezogenen Knattern zu verschmelzen schien.
»Was zur Hölle geht da vor?«, murmelte Frank. Schweiß perlte auf seiner Stirn.
»Keine Ahnung«, antwortete Leonie (fast) wahrheitsgemäß. »Aber vielleicht hätten Sie sich doch ein wenig mehr dafür interessieren sollen, was hinter dieser Tür im Keller ist.«
Frank warf ihr einen schrägen Blick über den Spiegel hinweg zu, und er hätte wahrscheinlich auch geantwortet, wäre in diesem Moment nicht abermals etwas wie eine Erschütterung durch die Realität gegangen. Die Welt rings um sie herum schlug Wellen. Eine vollkommen andere düstere Wirklichkeit schimmerte durch den vertrauten Anblick des gepflegten Vorgartens hindurch, eine finstere Welt aus gemauerten Stollen und unheimlichem grünem Licht, die von bizarren Wesen bevölkert wurde.
Und diesmal konnte sie sich nicht einreden, dass es nur eine Halluzination gewesen war.
Frank hatte es ebenfalls bemerkt. »Was...?!«, ächzte er.
Wieder krachten Schüsse drinnen im Haus. Schreie gellten und dann stolperten zwei oder drei von Franks Männern in panischer Flucht aus dem Haus. Irgendetwas Riesiges, Stachelbewehrtes mit Zähnen und Klauen und einem gewaltigen blitzenden Schwert in der gepanzerten Faust tobte hinter ihnen heran. Frank schlug mit einem gemurmelten Fluch den Ganghebel nach vorne und trat das Gaspedal bis zum Boden durch. Der starke Elektromotor des Wagens heulte auf, und unter den durchdrehenden Rädern spritzten Grasboden und Kieselsteine in alle Richtungen, als die gepanzerte Limousine einen regelrechten Satz nach vorne machte. Leonie schrie entsetzt auf und schlug instinktiv die Hände vors Gesicht, aber Frank wusste augenscheinlich auch in diesem Moment ganz genau, was er tat: Gerade als Leonie vollkommen sicher war, dass er die Männer einfach rammen musste, riss er das Steuer herum.