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Der Wagen drehte sich auf kreischenden Reifen praktisch auf der Stelle. Die Kühlerhaube verfehlte einen der entsetzt zur Seite springenden Männer nur um Zentimeter, aber das herumschwenkende Heck traf das Ungeheuer, das hinter ihnen aus der Tür stürmte, mit ungeheurer Wucht. Der Aufseher wurde wie von einem Hammerschlag getroffen ins Haus zurückgeschleudert, wobei er die Tür zertrümmerte und auch noch den halben Rahmen aus der Füllung riss. Das riesige Schwert wirbelte davon und prallte Funken sprühend von der Tür des Wagens ab.

»Keine Sorge«, sagte Frank gehetzt. »Der Wagen ist gepanzert.« Er setzte hektisch zurück, wobei Leonie das schreckliche Gefühl hatte, dass er irgendetwas überrollte. »Was sind das für Dinger?«, keuchte er.

»Aufseher«, antwortete Leonie. »Die Krieger des Archivars. Und nicht einmal die schlimmsten.«

Frank starrte sie verwirrt an, aber Leonie konnte nur mit einem Achselzucken darauf reagieren. Sie hätte nicht sagen können, woher sie das wusste. Sie wusste es eben.

Die drei Männer hatten mittlerweile den Wagen erreicht und waren hineingesprungen. Aber es hätten mehr sein müssen als drei, dachte Leonie entsetzt. Sie hatte allein vier gesehen und in den beiden schweren Limousinen hatte gut die doppelte Anzahl Platz!

Wieder wehte der peitschende Knall eines Schusses aus dem Haus zu ihnen herüber, gefolgt von einem gellenden Schrei, der Leonie schier das Blut in den Adern gerinnen ließ. So viel zu der Frage, ob sich noch mehr von Franks Männern im Haus befanden.

»Was zum Teufel sind das für Dinger?«, wiederholte Frank seine Frage. Diesmal schrie er sie an. »Wie kann man sie besiegen?«

»Ich fürchte, gar nicht«, flüsterte Leonie. Die Mauer in ihren Gedanken bekam Löcher, aber sie wusste plötzlich weniger als zuvor. In ihrem Kopf waren auf einmal nicht nur die Erinnerungen an ein, sondern gleich mehrere Leben, auch wenn das noch so absurd klang. In ihrem Kopf wirbelten die Gedanken so wild durcheinander, dass ihr fast schwindelig wurde.

Der zweite Wagen hatte mittlerweile ebenfalls zurückgesetzt und begann so ungestüm auf der Stelle zu wenden, dass die Räder tiefe Narben in den sorgsam geschnittenen Rasen gruben. Ihre Mutter würde der Schlag treffen, wenn sie die Bescherung sah, dachte Leonie. Sie war immer so stolz auf ihren Vorgarten gewesen und...

Wieso ihre Mutter?, dachte Leonie verstört. Ihre Mutter war seit mehr als zehn Jahren tot, gestorben, als sie noch ein ganz kleines Kind gewesen war. Leonie hatte sie ja kaum gekannt. Und trotzdem erinnerte sie sich plötzlich an all die Gespräche, die sie miteinander geführt hatten, die langen Abende im Garten und am prasselnden Kaminfeuer, die gemeinsamen Ausflüge und tausend andere Dinge, die sie miteinander getan und erlebt hatten.

Der Wagen schlitterte weiter, rammte mit dem Heck einen blühenden Azaleenbusch, den er damit kurzerhand platt walzte, und schien gegen ein weitaus massiveres Hindernis zu prallen, das dahinter verborgen war, denn Leonie hörte deutlich das Splittern von Glas und dann das dumpfe Geräusch, mit dem sich Metall verformte. Der Busch verschwand, und wo er gewesen war, erhob sich plötzlich eine uralte Ziegelsteinmauer. Sie verschwand beinahe augenblicklich wieder, aber sie war ganz eindeutig da gewesen. Als sich der Wagen aus dem zermalmten Busch löste und mit durchdrehenden Rädern davonschlingerte, sah Leonie, dass sein Heck eingedrückt und die Rücklichter zerbrochen waren.

»Das reicht«, sagte Frank grimmig. »Wir verschwinden von hier!« Er haute den Gang rein, betätigte Handbremse und Gaspedal zugleich und brachte das Kunststück fertig, mit durchdrehenden Hinterrädern und aufheulendem Motor auf der Stelle zu wenden.

Aber vielleicht war es trotzdem bereits zu spät.

Der andere Wagen hatte die Straße schon fast erreicht, doch gerade als Leonie schon zu hoffen wagte, er könne es schaffen, schlug die Wirklichkeit zwischen ihm und der rettenden Straße abermals Wellen und die zerbeulte Limousine kam mit einem harten Ruck zum Stehen. Plötzlich, wie aus dem Nichts, tauchte mindestens ein Dutzend riesenhafter, in schwarzes Leder und stachelbewehrtes, rostiges Eisen gekleideter Aufseher zwischen dem Wagen und der rettenden Straße auf.

Frank trat so hart auf die Bremse, dass Leonie abermals nach vorne geworfen wurde, und auch der andere Wagen setzte sofort wieder zurück. Zwei oder drei Aufseher nahmen brüllend die Verfolgung auf. Eine gewaltige Stachelkeule blitzte auf und zertrümmerte die Windschutzscheibe des Wagens, ein zweiter Aufseher rammte sein Schwert ohne die geringste Mühe durch die angeblich gepanzerte Tür der Limousine, dann sprangen zwei der gewaltigen Kreaturen über das Fahrzeug hinweg, packten zu und kippten den tonnenschweren Wagen kurzerhand auf die Seite. Auch die restlichen Fenster zerbarsten und die Heckscheibe flog sogar zur Gänze aus dem Rahmen und schlitterte davon. Leonie registrierte erleichtert, dass die drei Insassen des Wagens offensichtlich einigermaßen unverletzt aus dem Wrack krochen und sich hastig in Sicherheit brachten - aber für wie lange? Die Aufseher verzichteten erstaunlicherweise darauf, ihren Opfern sofort nachzusetzen, aber das hatten sie auch gar nicht nötig. Ihre Zahl war mittlerweile auf gut zwanzig angewachsen, eine lebende Mauer gepanzerter, übermannsgroßer Gestalten, die allmählich vorrückte.

Frank stieß die Beifahrertür des Wagens auf und begann heftig mit dem freien Arm zu gestikulieren. »Hierher!«, schrie er. »Schnell!«

Zwei der drei Männer fuhren auf der Stelle herum und rannten auf den Wagen zu, während der dritte seine Waffe zog und auf den am nächsten stehenden Aufseher anlegte. Leonie hörte, wie er drei- oder viermal hintereinander abdrückte. Sie konnte nicht sehen, ob er traf, aber auf die geringe Entfernung war es praktisch unmöglich, danebenzuschießen. Trotzdem stapfte der Aufseher unbeeindruckt weiter auf ihn zu und schwang seine Keule. Der letzte Schuss, den der Mann abgab, fetzte nur einige Blätter aus den Bäumen, als die Waffe in hohem Bogen davonflog.

»Einsteigen!«, befahl Frank scharf. Die beiden Männer gehorchten sofort - einer nahm auf dem Beifahrersitz Platz, während sich der andere zu Leonie auf die Rückbank quetschte. Und Frank selbst...

... stieß die Tür auf und sprang aus dem Wagen!

Nicht nur Leonie war vollkommen fassungslos. Auch der Mann neben ihr ächzte ungläubig, während Frank um den Wagen herumlief und den Kofferraumdeckel aufriss. Als er nur einen Moment später zurückkam, hielt er das größte Gewehr in Händen, das Leonie jemals gesehen hatte.

Einer der Aufseher war mittlerweile fast herangekommen, was Frank aber nicht sonderlich zu irritieren schien. Kaltblütig hob er sein Gewehr, legte an und riss den Abzug durch.

Das Dröhnen der Explosion war ungeheuerlich. Leonie schlug erschrocken die Hände auf die Ohren, Frank wurde vom Rückstoß der schweren Waffe so heftig gegen den Wagen geschleudert, dass er um ein Haar das Gewehr fallen gelassen hätte, und auch der Aufseher taumelte zwei, drei Schritte weit zurück und rang sekundenlang mit wild rudernden Armen um sein Gleichgewicht.

Aber das war auch schon alles.

Nicht nur Leonie sah genau, wie der schwarze Brustpanzer des Aufsehers unter dem Einschlag der Schrotladung in Millionen Splitter zerbarst. Eine Fontäne aus hellgrünem Leim spritzte aus seiner Brust und den Bruchteil einer Sekunde später aus seinem Rücken - und versiegte. Kaum hatte der Aufseher sein Gleichgewicht zurückerlangt, da war nicht nur die schreckliche Wunde verschwunden, sondern auch das ausgefranste Loch in seiner Rüstung. Die riesige Kreatur starrte einen Moment lang verblüfft an sich herab - und hob dann ihr Schwert, um erneut auf Frank loszugehen.

Frank verschwendete keine Zeit damit, überrascht zu sein. Diesmal feuerte er das ganze Magazin seiner monströsen Pumpgun in den unheimlichen Angreifer, wobei er sich mit der Hüfte gegen den Kotflügel des Wagens stemmte, um nicht vom Rückstoß des großkalibrigen Gewehrs einfach von den Füßen gerissen zu werden. Der Aufseher taumelte zurück, ließ seine Waffe fallen und stürzte hintenüber, aber Frank schoss immer noch weiter, bis das Magazin leer war.