Das Ergebnis war spektakulär. Das gute Dutzend Schrotladungen, das Frank auf ihn abfeuerte, verwandelte den Aufseher in einen Haufen grüne Pampe, in dem es ununterbrochen brodelte und zischte. Allerdings nur so lange, wie Frank eine Schrotladung nach der anderen hineinjagte.
Kaum hatte er aufgehört zu schießen, floss der kochende Leim wieder zu seiner ursprünglichen Form zusammen. Nach nur wenigen Sekunden richtete sich der Aufseher auf und schüttelte benommen den Kopf. Er hatte nicht nur das Schwert, sondern auch seinen Helm verloren und auf seinem grobschlächtigen Gesicht lag eine Mischung aus Zorn und Verwunderung. Dann machte sich etwas wie hämische Vorfreude darauf breit, als er sich umdrehte und mit wiegenden Schritten wieder auf sie zukam. Er machte sich nicht einmal die Mühe, sich nach seiner Waffe zu bücken.
Frank betrachtete das leer geschossene Gewehr in seinen Händen aus ungläubig aufgerissenen Augen. Leonie erwartete, dass er nachladen und sein Glück noch einmal versuchen würde, doch stattdessen wartete er, bis der Aufseher nahezu heran war, drehte das Gewehr dann um und schmetterte den Kolben mit aller Kraft in das breite Grinsen des Ungeheuers. Der Aufseher ächzte, verdrehte die Augen und fiel stocksteif wie ein gefällter Baum nach hinten.
Das schien das Signal für einen allgemeinen Angriff zu sein. Die anderen Aufseher hatten bis jetzt reglos dagestanden - vielleicht um den Kampf zu beobachten, an dessen Ausgang es ihrer Meinung nach wohl keinen Zweifel geben konnte -, aber jetzt stürmten sie wie ein Mann vor. Frank fand gerade noch Zeit, in den Wagen zu springen und die Tür zuzuknallen, als auch schon das erste Ungeheuer heranstürmte und mit seinem Schwert eine kopfgroße Delle in das angeblich gepanzerte Dach schlug.
Frank trat das Gaspedal durch. Die Turbine des Wagens heulte protestierend auf, als die schwere Limousine mit einem Satz nach hinten schoss und dabei einen Aufseher einfach überrollte und zwei oder drei andere von den Füßen riss. Etwas traf mit fürchterlicher Wucht die Front des Wagens und löschte beide Scheinwerfer auf einmal aus und ein zielsicher geschleudertes Schwert bohrte sich bis zum Heft in die Kühlerhaube und löste einen blauen Funkenregen aus. Das Wimmern der Turbine klang plötzlich auf bedrohliche Weise anders, aber trotzdem fuhr der Wagen noch. Und er wurde sogar immer schneller.
Unglückseligerweise gab es nichts mehr, wohin sie noch fahren konnten. Die Zahl der Aufseher hatte sich mindestens noch einmal verdoppelt, zusätzlich hatten sich Redigatoren und andere Krieger des Archivs zu ihnen gesellt und das Grundstück war zur Straße hin mittlerweile vollkommen von einer lebenden Mauer aus den bizarrsten Kreaturen umgeben. Und als der Wagen schlingernd dicht vor der Treppe zum Stehen kam, erschien auch unter der zerborstenen Haustür eine riesige Gestalt, die drohend eine Keule schwang.
»Ich könnte versuchen einfach durchzubrechen«, murmelte Frank. »Der Wagen ist gepanzert. Und ziemlich schwer.«
Seine Stimme klang nicht so, als wäre er von seinen eigenen Worten überzeugt. Leonie machte sich auch gar nicht die Mühe, darauf zu antworten, sondern warf nur einen viel sagenden Blick auf den anderen Wagen, den die Krieger des Archivars ohne die geringste Mühe umgeworfen hatten.
»Hat jemand eine bessere Idee?«, fragte Frank nervös. »Nein? Ich meine: Ich bin für Vorschläge jederzeit dankbar.« Er wartete einen Moment vergebens auf eine Antwort, hob dann mit einem gequälten Lächeln die Schultern und legte die Hand auf den Ganghebel. »Also gut. Mehr als schiefgehen kann es ja nicht.«
»Warten Sie!«, sagte Leonie. Frank zog die Hand so hastig zurück, als wäre der Ganghebel plötzlich glühend heiß geworden, und sah sie hoffnungsvoll an.
»Der Garten«, rief Leonie. »Auf der Rückseite gibt es nur ein paar Büsche und das Nachbargrundstück ist unbebaut!«
»Prima Idee«, sagte Frank. »Und wie kommen wir dorthin?«
»Haben Sie die Garage auch umgebaut?«, fragte Leonie. Frank blickte sie nur verständnislos an und Leonie präzisierte ihre Frage: »Bestehen die Wände jetzt auch aus Stahl oder drei Meter dickem Beton oder irgendsowas?«
»Nicht dass ich wüsste«, antwortete Frank.
»Dann können wir es schaffen«, behauptete Leonie. »Die Rückwand besteht nur aus verputzten Brettern. Mein Vater hat sie selbst gebaut.« In irgendeiner der zahllosen unterschiedlichen Vergangenheiten, an die sie sich mittlerweile erinnerte, fügte sie in Gedanken hinzu.
Vorsichtshalber aber wirklich nur in Gedanken.
Frank warf einen kurzen, unschlüssigen Blick auf die näher kommende Front der Archivkrieger und schien dann zu dem Schluss zu kommen, dass selbst ein vollkommen verrückter Plan immer noch besser als gar kein Plan war. Er gab Gas, ließ den Wagen auf der Stelle herumschlittern und ignorierte den riesigen Redigator, der sich brüllend aus der Front der anderen Ungeheuer löste und die restliche Distanz mit einem einzigen Satz überwand. Er landete mit gewaltigem Getöse auf der Kühlerhaube, doch im gleichen Moment setzte sich der Wagen wieder rückwärts in Bewegung. Der Redigator kämpfte für einen Augenblick mit wild rudernden Armen um sein Gleichgewicht, was fast komisch aussah, und krachte dann rücklings zu Boden.
»Festhalten!«, brüllte Frank.
Während der Wagen rückwärts auf das geschlossene Garagentor zujagte, fiel Leonie etwas auf: Der gestürzte Redigator versuchte in die Höhe zu kommen, aber irgendwie wollte es ihm nicht so recht gelingen. Er knickte wieder ein und stürzte noch einmal und auch mit etlichen der anderen Krieger schien etwas nicht zu stimmen. Ihre Bewegungen wirkten mühsam, ein paar humpelten und aus der einen oder anderen Rüstung tropfte grüner Leim. Dann rammte das Heck des Wagens in das Garagentor und zertrümmerte es, raste weiter und krachte mit so vernichtender Wucht gegen ein Hindernis, dass der ganze Wagen ein Stück weit in die Höhe gehoben wurde und die Garage ihn dann wieder ausspie; wie ein Drache einen ungenießbaren Happen. Leonie wurde nach vorne geschleudert, und Frank und der Mann neben ihm schlugen sich wohl nur deshalb nicht am Armaturenbrett die Schädel ein, weil sich sämtliche Airbags des Wagens in einem Sekundenbruchteil aufbliesen.
Leonie stürzte hilflos in den Spalt zwischen der Rückbank und dem Beifahrersitz und blieb eine ganze Weile benommen liegen, bevor sie auch nur die Kraft aufbrachte, sich aufzurappeln. Der Mann, der links neben ihr saß, hatte offensichtlich das Bewusstsein verloren, aber er atmete noch, und auch Frank und der dritte Mann arbeiteten sich gerade stöhnend wieder in die Höhe.
Der Wagen aber war nicht mehr als ein Wrack. Sämtliche Scheiben waren zerbrochen und Tausende und Abertausende von rechteckigen kleinen Glasscherben bedeckten die Polster und machten jede Bewegung zu einem kleinen Abenteuer.
»O verdammt«, stöhnte Frank. Er hob die Hand ans Gesicht, um das Blut zu stoppen, das aus seiner Nase lief. Leonie war ziemlich sicher, dass sie gebrochen war. »Hättest du mir nicht sagen können, dass dein Vater seinen Zweitwagen hier gelassen hat?«
Leonie drehte sich, noch immer leicht benommen, auf der mit Glasscherben übersäten Rückbank um und blinzelte durch das zerborstene Rückfenster des Wagens. Die schwere Limousine hatte das Garagentor durchschlagen wie Papier, aber dicht dahinter stand ein riesiger Geländewagen mit einem noch riesigeren, verchromten Stoßfänger. Soweit Leonie das erkennen konnte, hatte er nicht einmal einen Kratzer.
»Ich wusste ja gar nicht, dass er einen hat«, antwortete sie hilflos.