»Jetzt weißt du es«, knurrte Frank und verdrehte in gespieltem Entsetzen die Augen. »Ich bin gespannt, was die Versicherung zu diesem Schaden sagt. Raus jetzt!«
Die beiden letzten Worte hatte er in völlig verändertem Ton hervorgestoßen. Gleichzeitig sprengte er die verzogene Tür mit der Schulter auf, rollte sich förmlich aus dem Wagen und zog mit der anderen Hand seine Waffe. Wie wenig sie gegen ihre unheimlichen Gegner nutzte, hatte Leonie ja schon zur Genüge gesehen, aber sie vermutete, dass allein das Gewicht der Waffe Frank ein Gefühl von Sicherheit gab.
Die Tür auf ihrer Seite klemmte. Da der Mann neben ihr noch immer bewusstlos war, musste sie umständlich über ihn hinwegklettern, um die Tür aufmachen zu können; und als sie es geschafft hatte, verlor sie das Gleichgewicht und fiel kopfüber aus dem Wagen.
»Der Mann hat eine Pistole im Schulterhalfter«, rief Frank, ohne auch nur zu ihr zurückzublicken. »Nimm sie.«
Leonie starrte ihn fassungslos an, während sie sich umständlich in die Höhe arbeitete. Sie würde niemals eine Waffe in die Hand nehmen, selbst wenn sie nicht so vollkommen nutzlos wäre wie jetzt. Anscheinend verwechselte sie der Kerl mit Lara Croft.
Womit er sich selbst verwechselte, konnte Leonie nicht sagen, aber er schien nicht zu den Männern zu gehören, die aus Fehlern lernten: Wie aus dem Boden gewachsen tauchte ein riesenhafter Redigator vor ihm auf, der unverzüglich mit gewaltigen Krallenhänden nach ihm schlug. Frank duckte sich gedankenschnell unter dem Hieb weg, der zweifellos gewaltig genug gewesen wäre, ihm einfach den Kopf von den Schultern zu reißen. Doch statt die Chance zu nutzen, die sich ihm bot, und sich in Sicherheit zu bringen, spreizte Frank nur die Beine, um einen sicheren Stand zu haben, hob seine Pistole mit beiden Händen und schoss dem Ungeheuer aus allernächster Nähe dreimal hintereinander in die Brust. Der Redigator taumelte brüllend vor Wut einen Schritt zurück, fing sich aber sofort und griff augenblicklich wieder an.
Frank erwartete seinen Angriff scheinbar gelassen, wich im letzten Moment zur Seite aus und hob seine Pistole, um dem Monstrum in den Kopf zu schießen, aber wie es aussah, hatte er seinen Gegner diesmal unterschätzt. Der Redigator schlug so blitzartig zu, dass Franks Ausfallschritt zu spät kam. Die Pistole wurde ihm aus der Hand gerissen und flog in hohem Bogen davon und Frank stolperte mit einem nur halb unterdrückten Schmerzensschrei zurück und stürzte zu Boden. Sofort war der Redigator über ihm und hob die Pranken, um seinem wehrlosen Opfer den Rest zu geben. Leonie schrie gellend auf, und der zweite Bodyguard wirbelte herum und hob seine Waffe um Frank beizustehen, aber sie wussten beide, dass er zu spät kommen würde. Der Redigator brüllte triumphierend und riss beide Arme in die Höhe und die mehr als handlange Spitze einer Hellebarde drang knirschend durch das schwarze Leder seines Brustharnischs.
Das Ungeheuer erstarrte mitten in der Bewegung. Auf seinen grob modellierten Zügen erschien nicht einmal eine Spur von Schmerz, sondern nur so etwas wie tumbe Verwirrung. Langsam hob es die Hände, versuchte nach der tödlichen Lanzenspitze zu greifen und kippte dann plötzlich kraftlos zur Seite. Hinter ihm stand eine hoch gewachsene und eindeutig menschliche Gestalt in ledernen Kniehosen und einem weiß-rot gestreiften Wams unter dem kupferfarbenen Brustharnisch.
Der Gardist war nicht allein gekommen. Überall um sie herum tauchten plötzlich Männer in der Uniform der Stadtgarde auf, die keinen Sekundenbruchteil zögerten, die Krieger des Archivars zu attackieren. Aber auch die Zahl der Monsterkrieger schien noch einmal deutlich angewachsen zu sein, und sie zögerten ebenso wenig wie ihre Gegner, sich unverzüglich in den Kampf zu stürzen. Binnen zehn Sekunden war rund um den zertrümmerten Wagen eine regelrechte Schlacht ausgebrochen.
Die elfte Sekunde hätte sie um ein Haar nicht überlebt.
Leonie hörte einen Schrei, gewahrte einen monströsen Schatten, der in ihren Augenwinkeln emporwuchs, und ließ sich ganz instinktiv fallen. Irgendetwas zischte so dicht über sie hinweg, dass sie einen scharfen Luftzug spüren konnte, und traf hinter ihr mit einem dumpfen Geräusch auf Widerstand. Als sie aufsah, blickte sie direkt in das Gesicht eines riesigen Aufsehers, der unbemerkt hinter ihr aus dem Haus getreten war und gerade in diesem Moment eine gewaltige Stachelkeule zum Schlag erhoben hatte, nun aber mitten in der Bewegung erstarrte. Aus seiner Brust ragte der zitternde Griff des Schwertes, das jemand über Leonie hinweggeschleudert hatte.
Dann brach der Aufseher zusammen, und Leonie konnte sich gerade noch rechtzeitig genug zur Seite rollen, um nicht unter dem Koloss begraben zu werden. Die Keule des toten Aufsehers schlug unmittelbar neben ihrem Gesicht Funken aus dem Stein, und Leonie kroch hastig noch ein gutes Stück davon, ehe sie es wagte, sich langsam aufzurappeln.
Der Mann, der ihr das Leben gerettet hatte, war gerade dabei, sein Schwert aus dem Leib des toten Aufsehers zu ziehen, der sich bereits in eine grünlich brodelnde Pfütze zu verwandeln begann. Leonie erkannte ihn erst, als er sich mit einem Ruck aufrichtete und zu ihr umdrehte.
»Du?!«, keuchte sie ungläubig.
»Du brauchst keine Angst mehr zu haben«, sagte ihr Vater beruhigend. »Es ist alles in Ordnung.« Er rammte das Schwert in die reich verzierte Scheide, die er an der linken Hüfte trug, dann beugte er sich vor und streckte Leonie die Hand entgegen, um ihr ganz auf die Füße zu helfen.
Leonie war so perplex, dass sie ihn zwei oder drei Sekunden lang aus weit aufgerissenen Augen anstarrte, ehe sie nach seiner hilfreich ausgestreckten Hand griff. Der Mann vor ihr war eindeutig ihr Vater, aber zugleich kam er ihr so fremd und verändert vor, dass sie sich fast gewaltsam in Erinnerung rufen musste, wem sie gegenüberstand. Er trug die gleichen seltsam mittelalterlich anmutenden Kleider wie auch die anderen Männer, die sich rings um sie herum auf die Krieger des Archivars gestürzt hatten und sie zu besiegen schienen, wo immer es zum Kampf kam, aber das Gesicht unter dem wuchtigen kupferfarbenen Helm kam ihr viel markanter vor, als sie es in Erinnerung hatte - in jeder Erinnerung - und auf eine schwer in Worte zu kleidende Weise männlicher. Die Mischung aus Sorge und Erleichterung, die sie in seinen Augen las, war zweifellos echt, aber in seinem Blick war auch zugleich eine Härte, die sie schaudern ließ.
»Ist alles in Ordnung mit dir?«, fragte er. »Ich meine: Bist du verletzt?«
»Ich glaube nicht.« Sie sah an sich hinab und verbesserte sich nach einem stirnrunzelnden Blick auf ihre zerschrammten Handflächen und Knie: »Nur ein paar Schrammen.«
»Darum kümmere ich mich später«, antwortete ihr Vater. Er maß sie noch einmal mit einem langen, jetzt allerdings eher abschätzenden als besorgten Blick, dann drehte er sich um und bückte sich nach der Pistole, die Frank fallen gelassen hatte. Ohne ein Wort reichte er ihm die Waffe, und Frank steckte sie ebenso wortlos, aber sehr hastig und mit einem eindeutig verlegenen Schulterzucken ein.
»Ist Ihnen etwas passiert?«, fragte er.
Frank schüttelte rasch den Kopf. »Nein. Hören Sie, es tut mir Leid. Ich wusste nicht...«
»Es war nicht Ihre Schuld«, unterbrach ihn Leonies Vater. »Sie konnten wirklich nicht mit dem hier rechnen. Aber ich hätte es wissen müssen.« Er machte eine Handbewegung, um seinen Worten noch mehr Gewicht zu verleihen, und fuhr mit einer Geste in die Runde fort: »Meine Männer kümmern sich jetzt um den Rest.«
»Was sind das für... für Dinger?«, murmelte Frank benommen. »Wir haben auf sie geschossen, aber sie...«
»Waffen aus...«, Vater verbesserte sich, »moderne Waffen vermögen sie nicht zu verletzen. Deshalb habe ich meine Männer auch mit diesen altmodischen Hieb- und Stichwaffen ausgerüstet.«
»Aha.« Frank sah nicht besonders überzeugt aus. Und wie konnte er auch?, dachte Leonie. Obwohl sich die erbitterte Schlacht allmählich ihrem Ende zu nähern schien und es an ihrem Ausgang keinen Zweifel geben konnte, wehrten sich die unheimlichen Krieger verbissen. Dennoch war bisher nicht ein einziger Mann der Stadtgarde gefallen oder auch nur verwundet worden. Frank hätte schon blind sein müssen um das zu übersehen.