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»Ich kann mir vorstellen, was Sie jetzt denken«, fuhr Leonies Vater fort. »Mir ist es ganz genauso ergangen, als ich diese Kreaturen das erste Mal gesehen habe. Ich werde all Ihre Fragen beantworten, aber nicht jetzt. Wir haben die Situation zwar im Griff, aber ich traue dem Frieden nicht.« Er überlegte einen Moment. »Sind noch mehr von diesen Monstern im Haus?«

»Ich weiß es nicht«, antwortete Frank und hob die Schultern. »Aber ich fürchte schon.«

»Gut«, sagte Leonies Vater. »Wir kümmern uns darum. Bringen Sie meine Tochter hier weg. Wir treffen uns später.«

Frank nickte zwar, deutete aber zugleich mit einem gequälten Lächeln auf die zertrümmerte Limousine. »Gern. Ich fürchte nur, dass der Wagen...«

»Ich verstehe«, seufzte Vater. Er griff in die Tasche und zog einen Schlüsselbund hervor, den er Frank zuwarf. »Nehmen Sie den Geländewagen. Und ich wäre Ihnen verbunden, wenn Sie ihn in einem Zustand zurückbrächten, in dem ich ihn wiedererkenne.« Er wedelte ungeduldig mit der Hand, als Frank zögerte, seinem Befehl nachzukommen. »Nun machen Sie schon! Wir kümmern uns um Ihre Verwundeten.«

Diesmal gehorchte Frank sofort, indem er sich umdrehte und sich vorsichtig am Wrack der zerstörten Limousine vorbeiquetschte, um in die Garage zu gelangen. Leonie allerdings rührte sich nicht von der Stelle.

»Worauf wartest du?« Irrte sie sich, oder hatte ihr Vater alle Mühe, sie nicht anzufahren?

»Auf ein paar Antworten«, sagte sie, fast genauso mühsam beherrscht wie er. »Was geht hier vor? Was sind das für... für Ungeheuer und wieso... wieso hat sich unser Haus in eine uneinnehmbare Festung verwandelt?«

»Ganz so uneinnehmbar scheint sie ja wohl nicht zu sein«, antwortete ihr Vater. Wieder sah er sie auf diese fast unheimliche Art an, und was Leonie jetzt in seinen Augen las, das erschreckte sie zutiefst: Er schien nach etwas zu suchen - und sehr erleichtert zu sein, als er es nicht fand.

»Das ist keine Antwort«, sagte Leonie stur.

»Es ist die einzige, die du im Moment von mir bekommen wirst«, entgegnete ihr Vater. Seine Stimme wurde kühler und nun blitzte ganz eindeutig ein Ausdruck mühsam zurückgehaltener Wut in seinen Augen auf. Aber statt des strengen Verweises, den Leonie erwartete, beherrschte er sich erneut. »Bitte glaub mir, Leonie, du bist in Gefahr. Du musst so schnell wie möglich von hier verschwinden. Ich mache mir schwere Vorwürfe, dich überhaupt hierher zurückgebracht zu haben. Ich hätte nicht geglaubt, dass er verzweifelt genug ist, einen direkten Angriff auf diese Ebene zu wagen.«

»Er?«, fragte Leonie.

»Genug jetzt«-, antwortete ihr Vater in plötzlich barschem Ton. »Steig in den Wagen. Frank wird dich an einen Ort bringen, an dem du sicher bist. Ich komme nach, sobald ich kann, und dann kümmere ich mich um dich, versprochen.«

Die letzte Formulierung gefiel Leonie noch weniger als das, was er zuvor gesagt hatte, aber sie widersprach nicht mehr. Die Stimme ihres Vaters zitterte mittlerweile. Sie spürte, dass es ihm mit jeder Sekunde schwerer fiel, die Fassung zu bewahren und sie nicht einfach anzuschreien. Nach einem letzten trotzigen Blick in sein Gesicht drehte sie sich um und stapfte wütend in die Garage.

Frank hatte den Motor des schweren Geländewagens bereits angelassen und trommelte mit den Fingern auf dem Lenkrad, als sie neben ihm auf den Beifahrersitz kletterte.

»Schnall dich an«, bat er.

Leonie gehorchte und Frank begann ungeduldig mit dem Gaspedal zu spielen, während er darauf wartete, dass sie fertig war.

»Und wie kommen wir jetzt hier raus?«, fragte Leonie und deutete mit einer Kopfbewegung auf die zertrümmerte Limousine, die die Garagenausfahrt blockierte.

Frank grinste. »Dein Vater hat gesagt, ich soll mich beeilen, oder?«

Noch bevor Leonie wirklich begriff, was dieses Grinsen zu bedeuten hatte, trat er das Gaspedal bis zum Anschlag durch. Der Geländewagen machte einen gewaltigen Satz aus der Garage hinaus und rammte dann mit solcher Wucht in das Heck der Limousine, dass sie einfach zur Seite geschleudert wurde. Leonie ächzte, als sie brutal in die Sicherheitsgurte geworfen wurde, und noch einmal und lauter, als der Wagen mit aufheulender Turbine mitten durch die noch immer tobende Schlacht pflügte und dann so unsanft auf die Straße hinaussprang, dass die Funken stoben.

Kidnapping für Anfänger

Sie rasten auf quietschenden Reifen bis zum Ende der Straße, und Frank bog so schnell ab, dass das Heck des Wagens ausbrach und Leonie schon wieder unsanft nach vorne geschleudert wurde. Frank machte ein entschuldigendes Gesicht, aber der Wagen wurde trotzdem nicht langsamer, bis sie die nächste Kreuzung erreichten und abermals abbogen. Seine Augen blitzten; es war nicht zu übersehen, dass er es trotz allem genoss, den schweren Wagen in so halsbrecherischem Tempo über die Straße zu jagen.

»Haben Sie eigentlich keine Angst, einem Streifenwagen zu begegnen?«, fragte Leonie.

Frank sah sie so vollkommen verständnislos an, dass Leonie es vorzog, das Thema zu wechseln. »Wohin fahren wir?« Sie machte eine rasche Handbewegung, als Frank zu einer Entgegnung ansetzte. »Und bitte nicht wieder etwas in der Axt wie: an einen sicheren Ort.«

Frank lächelte flüchtig und nahm den Fuß vom Gas, sodass der Wagen ein bisschen langsamer wurde; wenn auch wirklich nur ein bisschen. Er hob die Schultern. »Sehr viel mehr kann ich dir leider nicht sagen«, behauptete er. »Ein kleines Hotel, auf der anderen Seite der Stadt. Außer mir und deinem Vater kennen es nur noch zwei oder drei andere.« Sein Blick verdüsterte sich. »Und wie viele von denen noch leben, weiß ich nicht.«

»Diese Männer waren Ihre Freunde«, vermutete sie.

»Ein paar«, antwortete Frank. Er wich ihrem Blick aus.

»Es tut mir wirklich Leid«, sagte Leonie - was ehrlich gemeint war. Obwohl es keinen Grund dafür zu geben schien, fühlte sie sich verantwortlich für das, was geschehen war.

»Es würde mir schon helfen, wenn ich wenigstens wüsste, in welche Sache wir da hineingeraten sind.« Frank schüttelte verstört den Kopf. »Habe ich das gerade alles wirklich erlebt? So etwas... so etwas gibt es doch gar nicht! Ungeheuer mit Schwertern und Keulen, die aus dem Nichts auftauchen und kugelsicher sind. Das kann doch nur ein Albtraum gewesen sein!«

»Ich...« Leonie setzte dazu an, etwas zu sagen, aber sie sprach nicht weiter, sondern sah Frank nur mit einer Mischung aus Verwirrung und langsam aufkeimendem Schrecken an. Etwas durch und durch Unheimliches geschah: Leonie glaubte regelrecht zu hören, wie in ihrem Kopf eine ganze Schar emsiger, kleiner Handwerker daranging, die Mauer um ihre Erinnerungen zu reparieren. Was sie gerade noch gewusst hatte, war nun wieder verschwunden. Worte, die gerade noch einen Sinn ergeben hatten, taten es plötzlich nicht mehr, und die Erinnerung an ein ganzes zurückliegendes Leben wurde stärker, von dem sie zugleich ganz genau wusste, dass sie es nie gelebt hatte. Leonie hatte das Gefühl, ihre Persönlichkeit würde sich auflösen. Es war das mit Abstand Grässlichste, was sie jemals erlebt hatte. Und das Allerschlimmste überhaupt war, dass sie selbst die Erinnerung an diesen Moment in wenigen Augenblicken verloren haben würde.

»Ich verstehe.« Frank klang traurig. »Du willst nicht darüber reden.«

»Nein!«, widersprach Leonie heftig. »Ich meine: doch. Ich... ich will schon, aber ich... ich kann nicht.«

»Lass gut sein«, sagte Frank mit einem verständnisvollen Lächeln, das vielleicht schlimmer als alles andere war, was er hätte tun können. »Ich verstehe. Es ist wahrscheinlich auch besser so. Ich bekomme auch so schon genug Ärger, ohne mehr zu wissen, als gut für mich ist.«