»Aber Sie verstehen nicht«, rief Leonie fast verzweifelt. »Ich kann nicht!«
»Schon gut«, antwortete Frank. Er lächelte erneut, sah dann wieder nach vorne - und runzelte plötzlich die Stirn. Sein Blick konzentrierte sich auf den Innenspiegel.
»Was ist?«, fragte Leonie alarmiert.
»Nichts«, erwiderte Frank, allerdings in ganz und gar nicht überzeugendem Ton. Er lächelte nervös. »Ich dachte, ich hätte etwas gesehen.«
Leonie sah ihn noch eine Sekunde lang fragend an, dann drehte sie sich umständlich in ihrem Sitz um. Sie fuhren schon seit einer kleinen Weile über eine vierspurige Allee, die von luxuriösen Ein- und Zweifamilienhäusern und kleinen Villen gesäumt wurde. Die Straße war fast leer. Hinter ihnen befand sich nur ein einziges Fahrzeug und das bot nicht gerade einen alltäglichen Anblick.
»He!«, sagte Leonie überrascht. »Das ist eine Pferdedroschke!«
»Ein Einspänner, ja«, bestätigte Frank. »Muss mindestens aus dem letzten Jahrhundert stammen. Wenn nicht aus dem vorletzten.«
»So etwas sieht man heutzutage kaum noch«, sagte Leonie staunend.
»Stimmt«, entgegnete Frank. »Und? Fällt dir sonst nichts auf?«
Leonie versuchte es, aber nach ein paar Sekunden hob sie nur die Schultern. »Nein. Was denn?«
»Es ist fast neun«, antwortete Frank gepresst. Er starrte wie gebannt in den Rückspiegel. »Wir fahren über die Hauptverkehrsstraße der Stadt. Und es ist nicht ein einziges anderes Fahrzeug zu sehen.«
Leonie fuhr erschrocken zusammen und sah sich in alle Richtungen um. Frank hatte Recht. Mit Ausnahme der bizarren Kutsche hinter ihnen war nicht ein einziges Fahrzeug auf der Straße. Und das war noch nicht alles. In keinem einzigen Haus brannte Licht und auf der Straße war keine Menschenseele zu sehen. Es gab nur sie und dieses unheimliche, antiquierte Gespann. Und...
Leonie sog scharf die Luft zwischen den Zähnen ein. »Sie bleibt die ganze Zeit hinter uns«, murmelte sie ungläubig.
»Und das seit mindestens fünf Minuten«, bestätigte Frank »Dabei fahren wie gute sechzig Stundenkilometer.«
»Das... das kann doch wohl nicht wahr sein!«, ächzte Leonie.
»Es sei denn, die haben ein Turbo-Pferd da hinten.« Frank schürzte grimmig die Lippen. »Mal sehen, wie schnell es wirklich ist.« Er trat das Gaspedal durch und der Wagen beschleunigte mit einem schrillen Surren. Die Tachometernadel erreichte die siebzig, dann die achtzig und neunzig und zitterte schließlich dicht unter der Einhundert-Kilometer-Marke.
Die Droschke fiel nicht zurück.
»Das ist doch völlig unmöglich«, keuchte Leonie. Aber unmöglich oder nicht - das einspännige Fuhrwerk blieb an ihnen dran. Das schwarze Pferd, von dem es gezogen wurde, war in einen gleichmäßigen raschen Trab gefallen. Aber es galoppierte nicht einmal. Dennoch kam die Droschke langsam, aber beständig näher.
»Können Sie nicht schneller fahren?«, fragte sie unbehaglich.
»Kein Wagen fährt schneller als hundert«, antwortete Frank »Das ist überhaupt nicht erlaubt!«
Leonie zog es vor, nicht allzu intensiv über diese Antwort nachzudenken. Stattdessen drehte sie sich um und sah wieder zu der Droschke zurück Diesmal war sie ganz sicher: Der Wagen war näher gekommen.
»Anscheinend gilt das nicht für Einspänner«, murmelte sie.
Frank blieb ernst. »Du hast außer keulenschwingenden Ungeheuern nicht zufällig noch ein paar andere Freunde, mit denen irgendetwas nicht ganz koscher ist?«, fragte er.
Leonie antwortete nicht. Sie starrte mit klopfendem Herzen zu der Droschke zurück. Sie hatte weiter aufgeholt und eigentlich hätte sie längst den Fahrer auf dem Bock erkennen müssen. Sonderbarerweise konnte sie es nicht. Alles, was sie sah, war ein verschwommener Schatten.
»Verdammt!«, fluchte Frank. Er schlug mit der flachen Hand auf das Lenkrad und versuchte das Gaspedal noch weiter durchzutreten. Der Wagen wurde kein Stück schneller, aber die Droschke kam unerbittlich näher. Mittlerweile trennten sie allerhöchstem noch fünfzehn oder zwanzig Meter von dem schweren Geländewagen und die Distanz schmolz zusehends weiter zusammen. Der Kutscher war immer noch nicht zu erkennen.
»So!«, knurrte Frank »Das wollen wir doch mal sehen!«
Er schaltete zurück, riss plötzlich das Lenkrad herum und gab wieder Gas. Leonie schrie erschrocken auf, als der Wagen in nahezu rechtem Winkel von der Straße abbog und dann mit einem Knall die Bordsteinkante hinaufsprang. Eine sorgsam geschnittene Hecke fiel dem verchromten Stoßfänger ebenso zum Opfer wie die beiden pedantisch gestutzten Büsche dahinter, dann rammte der Wagen etwas, das widerstandsfähig genug war, Funken aus dem verchromten Stahl zu schlagen und den gesamten Wagen ein Stück zur Seite hüpfen zu lassen. Frank kurbelte fluchend am Lenkrad, bekam den Wagen wie durch ein Wunder wieder unter Kontrolle und gab erneut Gas. Unter den Rädern stoben Fontänen aus Gras und Erdreich hoch, als der Geländewagen in einen großen, völlig verlassen daliegenden Park hineinschoss.
Leonie warf einen hastigen Blick auf den Tachometer und bedauerte ihn sofort. Noch vor ein paar Sekunden waren ihr hundert Stundenkilometer erbärmlich langsam vorgekommen. Wenn man in diesem Tempo zwischen dicht stehenden Bäumen hindurchraste und durch Gebüsch und Sträucher brach, hinter denen sich alles Mögliche verbergen konnte - von einem nichts ahnenden Kaninchen bis zu einem ausgewachsenen Felsbrocken -, sah die Sache allerdings schon etwas anders aus.
»Wollen doch mal sehen, ob er das auch kann«, sagte Frank grimmig. Er sah in den Rückspiegel, riss die Augen auf und erbleichte.
Er konnte.
Der Einspänner war noch immer hinter ihnen und schien sogar weiter aufgeholt zu haben. Anders als der Geländewagen walzte er Sträucher und Gebüsch allerdings nicht nieder, sondern schien auf unheimliche Weise geradewegs durch jedes Hindernis hindurchzugleiten, so als wäre er nicht mehr als ein flüchtiger Schemen.
»Das kann doch alles nicht wahr sein!«, brüllte Frank. »Ich...«
Urplötzlich brach sich das Scheinwerferlicht auf der Oberfläche eines kleinen Teichs, der wie aus dem Nichts vor ihnen auftauchte. Frank riss wie wild am Steuer und arbeitete gleichzeitig mit Bremse, Gaspedal und Kupplung, aber nichts von alledem vermochte das Unglück noch aufzuhalten. Wasser spritzte in einer doppelten Fontäne unter den Vorderrädern hoch und klatschte auf die Windschutzscheibe. Leonie fühlte, wie die Räder durchdrehten. Anstelle von Wasser spritzte plötzlich Schlamm unter den Rädern hoch, dann konnte sie spüren, wie der ganze Wagen ins Schleudern geriet und langsam, aber unerbittlich zu kippen begann. Sie schrie auf, ebenso wie Frank, klammerte sich instinktiv irgendwo fest und stieß mit einem schmerzerfüllten Ächzen die Luft aus, als sich der Wagen krachend auf die Seite legte. Eiskaltes Wasser strömte durch die beiden Türen auf ihrer Seite herein und ließ Leonie wie unter Peitschenhieben aufheulen.
Der Schock war so gewaltig, dass sie einen Moment lang ernsthaft in Gefahr war, das Bewusstsein zu verlieren. Unter Aufbietung aller Willenskraft gelang es ihr zwar, nicht in Ohnmacht zu fallen, aber sie lag wie gelähmt da und war vollkommen unfähig, auch nur einen Muskel zu rühren, während das eiskalte Wasser rings um sie herum rasend schnell anstieg. Im buchstäblich allerletzten Moment spürte sie, wie eine starke Hand nach ihr tastete, rasch den Sicherheitsgurt löste und sie dann grob in die Höhe riss.
Leonies ohnehin bereits ansehnliche Sammlung von Schrammen und Prellungen bekam noch reichlich Zuwachs, als Frank sie aus dem umgestürzten Wagen zerrte und ans Ufer trug. Keuchend sank sie auf die Knie, krümmte sich und spuckte hustend und würgend Wasser aus.
Frank beugte sich zu ihr herab und setzte dazu an, etwas zu sagen, doch dann sog er stattdessen nur scharf die Luft ein und spannte sich. Leonie bemerkte aus den Augenwinkeln, wie er wieder aufsprang und seine Pistole zog. Keine drei Meter von ihnen entfernt war die schwarze Kutsche zum Stehen gekommen.