»Nicht!«, sagte sie erschrocken.
Frank steckte seine Waffe nicht ein, sondern zielte ganz im Gegenteil nun mit beiden Händen auf den schemenhaft erkennbaren Kutscher. Aber wenigstens schoss er nicht sofort, sondern sah Leonie fragend und fast hoffnungsvoll an.
Leonie war allerdings froh, dass er die Frage, die ihm so deutlich auf den Lippen lag, nicht laut aussprach. Sie hätte sie kaum beantworten können.
Der Anblick der schwarzen Kutsche ließ ihr Herz bis zum Hals klopfen. Sie war auf ihre Art ebenso unheimlich und beängstigend, wie es die krallenbewehrten Ungeheuer gewesen waren, und trotzdem spürte sie tief in sich, dass sie keinen Grund hatte, sich zu fürchten. Sie hätte dieses Gefühl nicht erklären können, aber es war so stark, dass sie auch nicht den mindestens Zweifel daran hatte.
Frank machte zwei Schritte zurück und zur Seite, wodurch er nun direkt zwischen Leonie und der Kutsche stand. Die Pistole in seiner Hand zielte noch immer auf die verschwommene Gestalt auf dem Kutschbock, aber Leonie entging auch nicht, wie heftig er mittlerweile zitterte. Er hielt die Waffe nicht mit beiden Händen, weil er Angst gehabt hätte, aus drei Metern Entfernung daneben zu schießen, sondern weil er sie sonst womöglich fallen gelassen hätte. Trotzdem bewunderte Leonie seinen Mut. Jeder andere an seiner Stelle hätte die Pistole vermutlich schon längst weggeworfen und wäre schreiend davongelaufen.
»Was ist denn jetzt?«, fragte er nervös. »Weißt du, wer das ist, oder sollte ich anfangen mir Sorgen zu machen?«
Leonie stand auf und wollte an Frank vorbeigehen, aber er schüttelte nur heftig den Kopf und scheuchte sie mit einer unwilligen Geste zurück. »Nicht bevor ich nicht weiß, wer das ist.« Seine Stimme klang zu gleichen Teilen nervös wie auch sehr entschlossen. Leonie versuchte nicht noch einmal an ihm vorbeizugehen.
Er war auch nicht nötig. Der unheimliche Schatten auf dem Kutschbock gerann zu einem Körper, und nicht nur Leonie riss ungläubig die Augen auf, als sie einen grauhaarigen uralten Mann mit Soutane und weißem Priesterkragen erkannte.
»Vater Gutfried?«, murmelte sie ungläubig.
Frank ließ den Wagen für einen kurzen Moment aus den Augen, um ihr einen stirnrunzelnden Blick zuzuwerfen. »Ich denke, du weißt nicht, wer das ist?«
»Ich fürchte, das weiß sie auch nicht.«
Frank fuhr wie elektrisiert herum und hob seine Waffe noch ein bisschen höher, als die Tür des Wagens aufging und eine dunkelhaarige junge Frau in einem modisch geschnittenen Kostüm ausstieg. Ihr Gesicht kam Leonie vage bekannt vor, aber sie konnte einfach nicht sagen woher.
»Das ist doch so, nicht wahr, Leonie?«, fuhr Theresa fort.
»Ich...« Leonie brach hilflos ab. Theresa. Sie wusste plötzlich, dass sie Theresa gegenüberstand, aber sie wusste nicht einmal, woher sie es wusste.
»Immerhin scheint noch nicht alles verloren zu sein«, sagte Theresa. Sie wandte sich mit einem leicht verärgerten Blick an Frank. »Würden Sie mir einen großen Gefallen erweisen und aufhören, mit diesem Ding vor meiner Nase herumzufuchteln, junger Mann?«, fragte sie.
Frank riss verblüfft die Augen auf, aber Leonie konnte nicht sagen, ob das nun an Theresas vermeintlicher Unverfrorenheit lag oder daran, dass sie ihn junger Mann genannt hatte. Frank war gut und gerne zehn Jahre älter als sie.
»Erst wenn ich weiß, was hier vor sich geht«, antwortete er grimmig. »Leonie! Was hat das zu bedeuten? Wer sind diese Leute?«
»Geben Sie sich keine Mühe«, seufzte Theresa. »Ich fürchte, sie kann Ihnen Ihre Fragen nicht beantworten. Dafür hat ihr Vater gesorgt.« Ohne der Pistole, die noch immer drohend auf ihr Gesicht gerichtet war, auch nur die geringste Beachtung zu schenken, kam sie näher und blieb erst unmittelbar vor Leonie stehen, um ihr ernst und nachdenklich in die Augen zu sehen. »Das ist doch so, oder?«
»Hä?«, machte Frank. Er ließ die Waffe sinken, aber Leonie hatte das sichere Gefühl, dass das aus reiner Verblüffung geschah, nicht weil er Theresa etwa plötzlich getraut hätte.
»Geben Sie sich keine Mühe, meine Liebe«, rief eine Stimme aus dem Inneren der Kutsche. »Wenn sie in der Lage wäre, diese Frage zu beantworten, dann müsste die Antwort zwangsläufig ein ganz klares ›Nein‹ sein.«
Eine zweite Gestalt kletterte deutlich umständlicher als Theresa aus dem Wagen und kurz darauf noch eine dritte. Es waren zwei hochbetagte, auf völlig unterschiedliche Weise elegant gekleidete Männer, die ebenso wie das antiquierte Gefährt, dem sie entstiegen, einem zurückliegenden Jahrhundert zu entstammen schienen.
»Professor Wohlgemut! Doktor Fröhlich«, rief Leonie überrascht. Auf Fröhlichs Gesicht erschien ein erfreuter Ausdruck, aber Wohlgemut wirkte eher noch besorgter.
»Ja«, meinte Theresa traurig. »Die ganze Truppe. Alles, was davon übrig ist.« Sie lächelte flüchtig. »Na, um ehrlich zu sein, alles, woraus sie je bestanden hat.«
»Also, ich will ja nicht aufdringlich erscheinen«, rief Frank. Sowohl Theresa als auch die anderen ignorierten ihn.
»Du musst dich erinnern, Leonie!«, sagte Theresa in leisem, eindringlichem Ton.
Leonie wollte es ja. Sie versuchte mit aller Konzentration, die sie nur aufbringen konnte, die Mauer in ihrem Kopf niederzureißen, aber es wollte ihr einfach nicht gelingen. Sie erinnerte sich an Theresas Namen, ebenso wie an die Namen der drei Männer, und sie wusste auch, dass Theresa und diese Männer eine sehr wichtige Rolle in ihrem Leben gespielt hatten - aber das war auch alles. Wo ihre Erinnerungen sein sollten, war keineswegs ein schwarzes Loch. Sie erinnerte sich an ihr gesamtes Leben - so weit das möglich war -, doch nichts davon war echt. Ihr war, als betrachte sie ein perfektes Bild, das aber eben nicht mehr war als ein Bild, das jemand auf eine Wand gemalt hatte, hinter der sich ihr wirkliches Leben verbarg. Und sosehr sie es auch versuchte, gelang es ihr doch nicht, diese Mauer einzureißen.
»Also Entschuldigung«, mischte sich Frank ein. »Ich meine: Selbst wenn Sie der Meinung sein sollten, dass mich das alles hier nichts angeht, würde mich doch interessieren...«
»Junger Mann, bitte«, wies ihn Fröhlich zurecht. »Es ist wichtig.«
»Ah so«, sagte Frank geknickt. »Das konnte ich ja nicht ahnen.« Plötzlich schrie er: »Seid ihr allesamt verrückt geworden oder wollt ihr mich verarschen? Ich will jetzt auf der Stelle wissen, was hier los ist!«
»Frank, bitte«, meinte Leonie leise. »Ich kann es Ihnen auch nicht erklären, aber es ist alles in Ordnung. Das sind meine Freunde.«
»Obwohl du mir nicht sagen kannst, wer sie eigentlich sind«, vergewisserte sich Frank. »Geschweige denn, was sie von dir wollen.«
»Wir müssen mit Leonie sprechen«, erklärte Theresa. »Sie muss uns begleiten.«
»Ganz bestimmt nicht«, knurrte Frank.
Leonie sah, wie Vater Gutfried umständlich vom Kutschbock herabstieg und näher kam. Aber auch Frank war die Bewegung nicht entgangen. Er drehte sich um und fuchtelte drohend mit seiner Pistole.
Gutfried blieb stehen und hob übertrieben erschreckt die Arme. »Mein Sohn«, keuchte er. »Versündige dich nicht!«
»Nicht, wenn Sie mir keinen Grund dazu geben, Vater«, antwortete Frank höhnisch. Aber sein Lächeln erlosch so schnell, wie es gekommen war. »Ich will jetzt wissen, was hier los ist! Was seid ihr für Vögel?«
»Glauben Sie uns doch einfach, dass wir auf derselben Seite stehen«, antwortete Theresa. »Wir sind Leonies Freunde. Wir haben sie nur angehalten um sie zu warnen.«
Frank warf einen viel sagenden Blick auf den Geländewagen, der auf die Seite gestürzt im Wasser lag. »Das hätten Sie einfacher haben können«, sagte er säuerlich. »Leonies Vater bringt mich um, wenn er das sieht.«