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»Das hat er gar nicht nötig«, erwiderte Theresa ernst. »Er würde einfach dafür sorgen, dass Sie niemals gelebt haben.«

Frank starrte sie an. »Wie?«

Etwas geschah. Diesmal spürte Leonie es ganz deutlich, vielleicht eine Sekunde, bevor die Wirklichkeit Wellen schlug und etwas wie eine zweite, veränderte Realität aus den Schatten hervorzubrechen und Gestalt anzunehmen versuchte. Die unheimliche Erscheinung verschwand so schnell, wie sie gekommen war, aber Leonie war nicht die Einzige, die sie bemerkt hatte.

»Er kommt!«, rief Fröhlich erschrocken.

»Wer?«, fragte Frank.

»Sie haben Recht«, sagte Theresa. »Er hat uns entdeckt.«

»Was?«, donnerte Frank.

»Wir müssen weg«, bestätigte Wohlgemut.

»Sofort«, fügte Vater Gutfried hinzu.

»Ihr geht nirgendwohin«, knurrte Frank und wedelte drohend mit seiner Pistole. »Und schon gar nicht mit Leonie! Nur über meine Leiche!«

»Das wäre denn doch eine etwas zu drastische Maßnahme«, sagte Vater Gutfried. Er machte ein betrübtes Gesicht, seufzte und schlug zuerst das Kreuzzeichen und Frank dann die Faust mit solcher Gewalt unter das Kinn, dass Leonies Leibwächter lautlos die Augen verdrehte und dann nach hinten kippte.

»Aber was...?«, entfuhr es Leonie.

»Mach dir keine Sorgen um ihn«, unterbrach sie Theresa. »Ihm wird nichts geschehen. Man kann deinem Vater vieles nachsagen, aber nicht, dass er seine Wut an Unschuldigen auslässt.« Sie deutete mit einer plötzlich ungeduldigen Handbewegung auf die Karosse. Wohlgemut und Fröhlich waren bereits wieder eingestiegen, und auch Vater Gutfried schickte sich an, auf seinen Kutschbock zu steigen. Leonie erwartete halbwegs, dass er sich wieder in einen rauchigen Schatten zurückverwandeln würde, aber er blieb, was er war.

»Wir müssen fort, Leonie. Ich fürchte, dein Vater hat uns bereits entdeckt. Seine Männer werden jeden Moment hier sein.«

»Aber ich weiß doch gar nicht, was...«, begann Leonie, doch Theresa unterbrach sie auch jetzt wieder. »Wir müssen sofort verschwinden, Leonie, oder wir sind verloren. Ich werde all deine Fragen beantworten, aber erst wenn wir unterwegs sind.«

Leonie zögerte noch einen allerletzten Moment, doch dann gab sie sich einen Ruck und stieg hinter Theresa in den Wagen. Als sie die Tür hinter sich zuzog, fiel ihr Blick noch einmal auf Frank, der noch immer reglos und mit ausgebreiteten Armen auf dem Rücken lag. Sie spürte, dass Theresa die Wahrheit gesagt hatte, was ihren Vater anging. Er würde Frank nichts tun - und dennoch kam sie sich unendlich schäbig vor; als hätte sie den einzigen Freund verraten, der ihr noch geblieben war. Und sie hatte das schreckliche Gefühl, dass sie Frank niemals wiedersehen würde.

Der leichte Ruck, mit dem sich die Kalesche in Bewegung setzte, ließ Leonie unsanft auf die gesteppte Lederbank plumpsen. Sie fand mit einiger Mühe ihre Fassung wieder und grinste verlegen in die Runde. Doktor Fröhlich machte seinem Namen alle Ehre und lächelte zurück, aber der Ausdruck von Sorge in Wohlgemuts Blick schien sich eher noch zu verstärken.

»Du musst dich erinnern, Leonie«, drängte Theresa. »Bitte versuch es! Es ist unglaublich wichtig!«

Leonie versuchte es, aber das Ergebnis war eine eher noch größere Verwirrung. In ihrem Kopf purzelten die Gedanken und Bilder so wild durcheinander, dass ihr schwindelig wurde.

»Das hat keinen Sinn«, seufzte Wohlgemut. »Diesmal hat er ganze Arbeit geleistet.«

»Ich furchte, Sie haben Recht«, meinte Theresa. Sie sah sehr niedergeschlagen aus, fast verzweifelt. »Mir bleibt wohl keine andere Wahl.«

Keine andere Wahl? Leonie sah Theresa misstrauisch an. Sie wusste nicht, was diese Worte bedeuteten, aber was auch immer es war - es gefiel ihr nicht.

»Es tut mir Leid, Liebes«, sagte Theresa in mitfühlendem Ton. »Ich hätte dir das gerne erspart, aber es ist unendlich wichtig, dass du dich erinnerst - nicht nur für dich, sondern für uns alle.«

»Woran erinnern?«, fragte Leonie unsicher. »Und...?« Der Rest ihrer Frage ging in einem ungläubigen Keuchen unter, als sie Theresa ins Gesicht blickte.

Es war nicht mehr Theresa.

Auf der schmalen, ledergepolsterten Bank saß Leonies Großmutter.

Kriegsrat

Zehn Sekunden, zwanzig Sekunden, schließlich eine geschlagene Minute lang starrte Leonie die uralte Frau auf der anderen Seite nur an, reglos, ohne zu blinzeln, ohne zu atmen, ja sogar ohne zu denken - und dann schlugen die Erinnerungen mit solcher Macht über ihr zusammen, dass sie sich wie unter einem Hieb im Sitz zusammenkrümmte und ein leises, gequältes Wimmern ausstieß. Plötzlich wusste sie wieder alles. Die falschen Erinnerungen, die sie die ganze Zeit über gequält hatten, waren wie weggefegt; zwar noch da, aber bedeutungslos.

Ihre Großmutter war am Leben! Sie war die ganze Zeit über da gewesen, direkt neben ihr, und sie hatte es nicht einmal gemerkt!

»Aber warum?«, wimmerte sie. Ihre Augen füllten sich mit heißen Tränen, die sie weder zurückhalten konnte noch wollte. »Warum... warum hast du das getan?«

»Es tut mir so unendlich Leid, mein Schatz«, sagte Großmutter sanft. Sie beugte sich vor. Ihre schmale Hand berührte die Leonies und streichelte sie sanft. Ihre Haut fühlte sich so rau und trocken an wie warmes Sandpapier.

»Aber warum? Warum hast du uns...« Leonies Stimme versagte endgültig.

»... in dem Glauben gelassen, ich wäre tot?« Auch Großmutters Augen schimmerten feucht. »Oh, glaube nicht, dass auch nur eine einzige Sekunde vergangen wäre, in der ich nicht gewusst hätte, welchen Schmerz ich euch allen damit zufüge - und dir vor allem, Leonie. Aber ich hatte keine Wahl.«

»Aber warum?!« Leonie schrie fast.

»Weil sie wusste, dass sie dem Archivar nicht gewachsen ist«, antwortete Wohlgemut an Großmutters Stelle. »Deine Großmutter ist eine sehr tapfere Frau, Leonie, und vielleicht die mächtigste Hüterin, die jemals gelebt hat. Doch auch ihre Kräfte sind nichts im Vergleich zu denen des Archivars. Erinnerst du dich an jenen Tag, an dem ihr gemeinsam zu mir in die Bibliothek gekommen seid?«

Leonie sah ihn aus tränenverschleierten Augen an. Sie nickte nur. Ihre Kehle war wie zugeschnürt.

»Du hast geglaubt, deine Großmutter hätte dich wegen der Praktikantenstelle zu mir gebracht, aber das ist nicht die Wahrheit«, fuhr Wohlgemut fort. »Sie ist gekommen, um mich und die anderen zu warnen.«

»Warnen? Vor wem?«

»Vor dem Archivar, Liebes«, antwortete Großmutter. Sie sah sehr traurig aus und auf eine Weise schuldbewusst, die Leonie fast das Herz brach. »Das alles tut mir so unendlich Leid, dass...«

»Vielleicht sollten wir darüber in aller Ruhe sprechen, meine Liebe, und an einem anderen Ort«, unterbrach sie Fröhlich mit einer sanften Geste. Umständlich griff er in die Tasche seiner altmodischen Weste und förderte eine noch viel altmodischere Taschenuhr zutage, die an einer langen goldenen Kette hing. Nachdem er den Deckel aufgeklappt und einen Moment seine kurzsichtigen Augen zusammengekniffen hatte, um das Ziffernblatt erkennen zu können, sagte er: »Es ist noch ein wenig Zeit. Ich schlage vor, wir setzen die Unterredung in einer etwas gastlicheren Umgebung fort.«

Er klappte die Uhr wieder zu, steckte sie ein und warf einen fragenden Blick in die Runde. Wohlgemut deutete ein Nicken an und auch Großmutter signalisierte ihre Zustimmung, wenn auch nur mit einem entsprechenden Blick. Leonie beschlich ein sonderbares Gefühl. Sie spürte, dass es bei Fröhlichs Vorschlag um mehr ging als um das, was er laut ausgesprochen hatte. Aber sie war noch immer viel zu verwirrt und durcheinander, um auch nur einen einzigen wirklich klaren Gedanken zu fassen.

»Gut«, sagte Fröhlich munter. »Bist du hungrig, Leonie?«

Hungrig?! Leonie starrte ihn fassungslos an. Wie konnte er in einem Moment wie diesem ans Essen denken?