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Fröhlich schien ihren erstaunten Blick jedoch als Zustimmung zu werten, denn er beantwortete seine eigene Frage mit einem Nicken, beugte sich aus dem Fenster und rief Vater Gutfried, der vorn auf dem Kutschbock saß, etwas zu. Leonie hatte das Gefühl, dass der Wagen schneller wurde, aber ganz sicher konnte sie nicht sein. So wenig, wie es ihr vorher gelungen war, die Gestalt auf dem Kutschbock eindeutig zu erkennen, war es ihr nun möglich, die Umgebung deutlich auszumachen, die hinter den schmalen Fenstern des Einspänners vorüberglitt. Alles schien wie hinter einem grauen Schleier zu liegen, der die Konturen der Dinge verwischte und den Farben ihre Leuchtkraft nahm. Manchmal war es ihr, als hätten die Umrisse einen ganz sachten, in blassem Grün schimmernden Schatten. Der Gedanke entglitt ihr, bevor sie ihn wirklich fassen konnte, doch Leonie begriff immerhin, dass sie sich wohl nicht in der wirklichen Welt befanden.

Falls es so etwas wie die wirkliche Welt überhaupt jemals gegeben hatte.

Sie fuhren eine ganze Weile durch die noch immer wie ausgestorben daliegende Stadt, und trotz des gleichmachenden grauen Schleiers vor den Fenstern konnte Leonie erkennen, wie sich ihre Umgebung allmählich zu verändern begann. Die Häuser wurden größer und rückten enger zusammen, die Vorgärten begannen zu schrumpfen - blieben allerdings ausnahmslos tadellos gepflegt - und auch die Straße wurde allmählich schmaler. Dafür sah sie jedoch nach einer Weile die ersten Menschen; sonderbar blasse, tiefenlose Gestalten zuerst, die jedoch bald an Substanz und Realität gewannen und auch zahlreicher wurden. Nach einer Weile gesellten sich die ersten Automobile hinzu und hinter den Fenstern der Häuser brannte jetzt Licht. Gleichzeitig wurde die Kutsche wieder langsamer, um sich in den fließenden Verkehr einzureihen, der dichter wurde, je weiter sie sich dem Stadtzentrum näherten.

Leonie drehte sich vom Fenster weg und wollte eine entsprechende Frage an ihre Großmutter richten, fing aber im letzten Moment einen warnenden Blick aus Fröhlichs Augen auf.

Sie wäre auch nicht sicher gewesen, ob Großmutter ihre Worte überhaupt verstanden hätte. Die alte Frau saß leicht vornüber gebeugt und mit hängenden Schultern da. Ihr Gesicht war vollkommen unbewegt, aber in ihren Augen stand ein Ausdruck von so unendlich tiefer Trauer und Verzweiflung geschrieben, dass Leonie ein eisiger Schauer über den Rücken lief und sich ihr schlechtes Gewissen bemerkbar machte. Wie kam sie eigentlich auf die Idee, das alleinige Recht auf Schmerz und Enttäuschung für sich zu reklamieren? Hastig wandte sie den Blick wieder ab und sah für den Rest der Fahrt wortlos aus dem Fenster.

Sie dauerte nicht mehr allzu lange. Im gleichen Maße, in dem der Verkehr zunahm, wurden die Häuser größer und die Lichter strahlender, und schließlich rollte die Kalesche nur noch im Schritttempo durch eine hell erleuchtete, dicht bevölkerte Innenstadt, die Leonie so fremd vorkam, als befände sie sich nicht nur in einem anderen Land, sondern gleich auf einem anderen Planeten.

Das änderte sich auch nicht, als die Droschke schließlich an den Straßenrand rollte und Fröhlich ihr mit einer Kopfbewegung zu verstehen gab, dass sie ihr Ziel erreicht hatten und sie aussteigen sollte.

Leonie war die Erste, die umständlich aus dem altmodischen Gefährt kletterte und auf den breiten Bürgersteig trat. Staunend sah sie sich um.

Die Droschke hatte am Straßenrand zwischen zwei flachen, eleganten Sportflitzern angehalten, aber niemand schien von dem altertümlichen Gefährt nur Notiz zu nehmen. Die Leute waren hier sowieso irgendwie komisch, fand Leonie - wenn auch auf eine durchaus angenehme Art. Obwohl der Bürgersteig voller Menschen war, gab es kein Gedränge, nirgendwo entstand ein Stau, auf keinem Gesicht war auch nur ein Anflug von Unmut zu erblicken. Ganz in Gegenteiclass="underline" So ungeschickt, wie sich Leonie anstellte, wäre sie um ein Haar mit einer jungen Frau zusammengestoßen, die ihr im letzten Augenblick gerade noch ausweichen konnte und dabei beinahe gestolpert wäre. Statt jedoch verärgert zu reagieren, lächelte sie Leonie nur verzeihend an und setzte ihren Weg dann unbeeindruckt fort. Leonie sah ihr vollkommen fassungslos hinterher.

»Es leben wirklich freundliche Menschen in dieser Stadt, nicht wahr?«, fragte Fröhlich. Etwas an der Art, wie er die Frage aussprach, gefiel Leonie nicht, aber sie hätte nicht sagen können, was es war, und sah Fröhlich nur irritiert an.

Mittlerweile waren auch Leonies Großmutter und der Professor aus dem Wagen gestiegen, nur Vater Gutfried machte keine Anstalten, von seinem Kutschbock herunterzukommen. Ganz im Gegenteiclass="underline" Kaum hatte Wohlgemut die Tür hinter sich geschlossen, ließ er die Zügel knallen und der Wagen setzte sich knarrend wieder in Bewegung. Ein Auto, das gerade zügig hinter ihm angefahren kam, musste scharf abbremsen, doch statt der erwarteten Schimpfkanonade lächelte der Fahrer nur und geduldete sich, bis die Droschke ganz auf die Straße hinausgefahren war und Fahrt aufnahm.

»Ich dachte, wir sollten uns unauffällig verhalten«, murmelte Leonie.

»Oh, keine Sorge«, antwortete Fröhlich lächelnd. »Für alle anderen hier ist das ein ganz normales Automobil.«

Was immer man hier unter normal verstehen mochte, dachte Leonie verwirrt. Sie trat wortlos an einen der beiden Sportwagen heran, zwischen denen die Droschke gestanden hatte, und beugte sich vor, um einen Blick ins Innere zu werfen. Der Wagen sah genauso aus, wie sie es erwartet hatte - Leder, verchromte Armaturen und elegantes, dunkles Holz -, mit einer einzigen Ausnahme: Der Tachometer reichte nur bis einhundertzehn.

Stirnrunzelnd trat sie zurück und wandte ihre Aufmerksamkeit dem übrigen Verkehr zu. Die Straße war voller großer, eleganter Automobile, die mit nahezu lautlos summenden Elektromotoren dahinglitten, ohne dass sie sich jemals auch nur nahe zu kommen schienen. Leonie hatte noch niemals so disziplinierte Autofahrer gesehen.

»Hast du Lust auf einen kleinen Schaufensterbummel?«, fragte Fröhlich. »Das Restaurant ist nur zwei Straßen entfernt.«

Es war keine Frage, das war Leonie klar. Fröhlich wandte sich dann auch um, ohne ihre Antwort abzuwarten, und ging in gemächlichem Tempo los - allerdings erst, nachdem sich Großmutter und der Professor in Bewegung gesetzt und ein paar Schritte Vorsprung hatten. Leonie wollte zu ihnen aufschließen, aber Fröhlich legte ihr rasch die Hand auf den Unterarm und schüttelte den Kopf.

»Gib ihr einen kleinen Moment«, bat er, wobei er so leise sprach, dass Großmutter und Wohlgemut die Worte nicht hören konnten. »Deine Großmutter leidet sehr. Sie ist womöglich die tapferste Frau, die ich jemals kennen lernen durfte, aber sie weiß auch, was sie dir und deinen Eltern angetan hat. Sie hat große Angst vor dem Moment gehabt, in dem sie dir die Wahrheit sagen musste.« Er zwang ein zuversichtliches Lächeln auf sein Gesicht, was ihm nur halb gelang. »Aber keine Sorge. Wohlgemut kümmert sich um sie. Er ist der beste Freund, den man sich wünschen kann.«

Leonie sah ihn nur wortlos an, aber ihr wurde spätestens jetzt klar, dass Fröhlich sie keineswegs zu diesem Spaziergang eingeladen hatte, um einen Schaufensterbummel zu machen. Er wollte mit ihr reden, und zwar ohne dass ihre Großmutter hörte, was er zu sagen hatte.

»Ich war damals selbst erbost, als sie zu mir kam und mir von ihrem Vorhaben berichtete«, fuhr Fröhlich fort, als er nach ein paar Augenblicken zu begreifen schien, dass sie nicht antworten würde. Er lächelte flüchtig. »Du hast ja unseren kleinen Streit belauscht.«

Leonie nickte, fragte sich aber zugleich, woher Fröhlich das eigentlich wusste. Bisher war sie der Meinung gewesen, dass weder er noch Großmutter ihre kleine Lauschaktion mitbekommen hatten.

»Im Nachhinein muss ich deiner Großmutter Abbitte tun«, erklärte Fröhlich weiter. »Ihr war im Gegensatz zu uns schon damals der wirkliche Ernst der Lage klar. Der Archivar war bereits auf sie aufmerksam geworden, weißt du. Und niemand, dessen Fährte dieses Geschöpf einmal aufgenommen hat, vermag ihm jemals wieder zu entkommen. Sie musste ihn in dem Glauben lassen, dass sie tot ist.«