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»Aber warum so?«, fragte Leonie bitter. »Warum hat sie es nicht wenigstens uns gesagt?«

»Weil er es gewusst hätte«, erwiderte Fröhlich ernst. »Der Archivar ist ein Geschöpf der Dunkelheit, Leonie. Schmerz und Kummer sind sein Lebenselixier. Er kann sie spüren. Glaube nicht, dass es deiner Großmutter leicht gefallen wäre, euch so viel Leid zuzufügen. Aber sie musste es tun, um den Archivar davon zu überzeugen, dass sie wirklich tot ist. Kannst du das verstehen?«

Leonie nickte zwar, aber das war nicht die ganze Wahrheit. Sie konnte nachvollziehen, wieso ihre Großmutter zu dieser List Zuflucht gesucht hatte, denn sie war nicht nur eine äußerst liebenswerte, sondern auch eine sehr kluge Frau. Aber zugleich weigerte sie sich auch beharrlich zu glauben, dass Großmutter den Menschen, die sie von allen auf der Welt am meisten liebte, einen solchen Schmerz zufügen würde, ganz egal aus welchem Grund.

»Wer ist der Archivar?«, fragte sie, wenn auch in Wirklichkeit nur, um das Thema zu wechseln und die nagenden Zweifel zu verdrängen, die Fröhlichs Worte in ihr geweckt hatten.

»Das weiß niemand wirklich«, antwortete Fröhlich nach einigen Sekunden. »Vielleicht so etwas wie der Teufel des Archivs.« Er hob die Schultern. »Er war schon immer da und es wird ihn wohl auch immer geben. Vielleicht ist es einfach so, dass es für jede Kraft im Universum auch eine Gegenkraft geben muss. Ich glaube nicht, dass man ihn jemals wirklich besiegen kann.«

»Welchen Sinn hat es dann, gegen ihn zu kämpfen?«, fragte Leonie.

Fröhlich lächelte, als hätte er genau diese Frage erwartet. »Würdest du Vater Gutfried fragen, welchen Sinn es hat, gegen den Teufel zu kämpfen?«, gab er zurück und schüttelte zugleich den Kopf, um seine eigene Frage zu beantworten. »Gewiss nicht. Und doch bekämpfen die Menschen das Böse - die meisten jedenfalls.«

»Aber was will er?«, fragte Leonie. »Worum geht es ihm?«

»Um das, worum es immer geht«, erklärte Fröhlich. »Das Einzige, was überhaupt zählt. Um Macht. Macht über das Buch und damit über das Schicksal aller Menschen.«

»Aber warum nimmt er es sich nicht einfach?«, wunderte sich Leonie. »Wenn er der Herr des Archivs ist, dann ist es doch bereits in seinem Besitz!«

»Weil es so einfach eben nicht ist«, erwiderte Fröhlich. »Keines der Geschöpfe des Archivs hat Macht über das Buch, der Archivar selbst so wenig wie der geringste seiner Diener. Sie zeichnen nur auf, was geschieht. Sie können das Buch nicht verändern. Nur der rechtmäßige Besitzer des Buches ist dazu in der Lage.«

Das erschien Leonie wenig glaubhaft. »Ach, und wer sagt das?«, fragte sie in leicht spöttischem Ton. »Ich meine: Hat jemand eine Archiv-Hausordnung aufgestellt oder gibt es einen Knigge für Scriptoren?«

Fröhlich blieb ernst. »Es gibt auch dort Gesetze und Regeln«, entgegnete er. Ein flüchtiges Lächeln huschte über sein Gesicht. »Ich als Jurist dürfte es eigentlich nicht zugeben, aber niemand von uns versteht sie alle und niemand weiß, wer sie aufgestellt hat. Aber es gibt sie und selbst der Archivar muss sie beachten. Nur der, in dessen rechtmäßigem Besitz sich das Buch befindet, hat die Macht, es zu verändern.«

Es dauerte nicht einmal eine Sekunde, bis Leonie der fundamentale Fehler in diesem Gedanken auffiel. »Und was will der Archivar dann damit?«, fragte sie. »Ich meine, wenn er doch gar nichts damit anfangen kann?«

Spätestens jetzt wurde Leonie klar, dass Fröhlich dieses Frage-und-Antwort-Spielchen ganz bewusst spielte, anstatt ihr einfach zu erzählen, was genau geschehen war - warum auch immer. Der grauhaarige Notar wirkte gleichermaßen zufrieden darüber, dass sie von selbst auf diese Frage gekommen war, wie auch besorgt.

»Die Situation hat sich geändert«, erklärte er. »Es ist etwas gesehen, was noch nie zuvor geschehen ist. Das Buch wurde aus dem Archiv entfernt.«

»Vater«, murmelte Leonie.

Fröhlich nickte sehr ernst. »Zum allerersten Mal befindet sich das Buch nicht mehr an seinem angestammten Platz. Und der, der es besitzt, verfügt nicht über die Gabe.«

»Also will er es meinem Vater stehlen?«

»Das würde ihm nichts nutzen«, verneinte Fröhlich. »Es hilft nicht, das Buch zu stehlen. Nur der legitime Erbe hat auch Macht über seinen Inhalt.« Er zögerte einen ganz kurzen Moment, bevor er in fast beiläufigem Ton fortfuhr: »Allerdings könnte er es deinem Vater abkaufen.«

»Abkaufen?« Beinahe hätte Leonie laut gedacht. »Unsinn! Er würde das Buch niemals verkaufen. Und schon gar nicht diesem... Ding!«

»Und wenn er etwas hätte, wogegen es sich zu tauschen lohnt?«, fragte Fröhlich.

»Unsinn!«, sagte Leonie noch einmal und mit noch größerem Nachdruck. »Was sollte es denn geben, das...?« Sie brach mitten im Satz ab und sie konnte selbst spüren, wie ihr das Blut aus dem Gesicht wich.

»Mich«, hauchte sie.

»Ja«, antwortete Fröhlich. Er wehrte ab, als Leonie eine weitere Frage stellen wollte. »Deine Großmutter wird dir alles erklären. Es steht mir nicht zu, noch mehr zu offenbaren. Vielleicht habe ich schon mehr gesagt, als ich eigentlich dürfte. Aber ich wollte, dass du weißt, weshalb deine Großmutter so gehandelt hat. Sie hat euch sicher großen Schmerz zugefügt, aber ebenso sicher hat sie dir und deinen Eltern damit das Leben gerettet.«

Es war die pure Gewalt zwingender Logik, die Leonie beeindruckte, nicht unbedingt Fröhlichs Erklärung. Der Anwalt hatte Recht, mit jedem einzelnen Wort, daran gab es nicht den leisesten Zweifel, und doch weigerte sich etwas in Leonie noch immer beharrlich, diese rein logischen Gründe zu akzeptieren. Die Vorstellung einer Frau, die so kühl und berechnend vorging, wollte so gar nicht zu dem Bild passen, das Leonie von ihrer Großmutter hatte.

Leonie rief sich in Gedanken zur Ordnung. Sie war noch immer verbittert und voller Groll über den Schmerz, den man ihr zugefügt hatte. Sie musste aufpassen, dass sie ihren gerechten Zorn auch an dem Richtigen ausließ. Ihre Großmutter hatte gar nicht anders handeln können.

»Ist es noch weit?«, fragte sie.

»Ein paar Dutzend Schritte«, antwortete Fröhlich. Er deutete auf die dezente Leuchtreklame eines Restaurants, vielleicht vierzig oder fünfzig Meter entfernt. »Dort vorne, siehst du?«

Leonie nickte zwar, aber sie war nicht ganz sicher, ob sie begeistert sein sollte. Obwohl sie das Restaurant nicht kannte, sagte ihr doch allein schon die Art der Leuchtreklame genug. Ihr Vater schleppte sie ab und zu in solche Nobelschuppen und glaubte wahrscheinlich auch noch, dass er ihr einen besonderen Gefallen damit tat. »Es kann auch was Einfacheres sein«, sagte sie. »McDonald’s oder KFC tun’s auch.«

Fröhlich lächelte, als hätte sie einen besonders guten Witz zum Besten gegeben. »Ich fürchte, so etwas gibt es nicht mehr«, meinte er und wedelte gleichzeitig mit der Hand. »Komm, schau dir die Auslagen an. Ich bin sicher, dass sie dir gefallen.«

Womit er Recht hatte. Leonie gehorchte fast widerwillig und lenkte ihre Blicke auf die Schaufenster, an denen sie vorübergingen, aber schon nach wenigen Schritten schlug sie das, was sie sah, doch in seinen Bann. Offensichtlich befanden sie sich in einer der teuersten Einkaufsstraßen der Stadt. Noble Boutiquen wechselten sich mit Schmuck- und edlen Möbelgeschäften ab, Uhrengeschäfte mit Hi-Fi- und Computerläden, teuren Schuhgeschäften und gemütlichen Cafes. Trotz der fortgeschrittenen Stunde waren sämtliche Geschäfte noch geöffnet.

»Noble Gegend«, bemerkte sie anerkennend, aber Fröhlich schüttelte den Kopf.

»Eine ganz normale Gegend«, behauptete er.

Leonie hätte selbst nicht sagen können warum, aber diese Worte erschreckten sie zutiefst. Sie sah den alten Notar fragend an, aber Fröhlich schüttelte nur abermals den Kopf und forderte sie mit einer entsprechenden Geste auf, sich weiter umzusehen. Nicht dass es noch nötig gewesen wäre. Sie hatte längst begriffen, was er ihr zeigen wollte. Sie wollte es nur noch nicht wahrhaben, das war alles.