Wohlgemut und ihre Großmutter gingen nun etwas langsamer, sodass sie das Restaurant gleichzeitig erreichten.
Die Erwartung, die die Leuchtreklame in Leonie geweckt hatte, wurde vollständig erfüllt. Der Raum war an sich sehr groß, wurde jedoch von zahlreichen spanischen Wänden und gemauerten Raumteilern in viele kleinere Bereiche unterteilt, sodass trotz seiner Größe sofort ein Eindruck von Behaglichkeit entstand. Wertvolle kristallene Lüster und eine Unzahl kleiner Wand- und Tischlämpchen sorgten für ein gedämpftes, anheimelndes Licht, und aus verborgenen Lautsprechern drang dezente Gitarrenmusik, die gerade laut genug war, dass man ihr lauschen konnte, wenn einem danach zumute war, ohne ansonsten aber zu stören. »Schick«, sagte Leonie, machte aber sofort eine abwehrende Geste in Fröhlichs Richtung. »Nein, sagen Sie es nicht. Ich weiß: ganz normal.«
Fröhlich lächelte. »Nun, nicht unbedingt. Aber nicht wirklich außergewöhnlich.«
Eine junge Kellnerin in einem eleganten Kostüm trat auf sie zu, um sie zu einem Tisch zu geleiten, an dem bereits gedeckt war - zu Leonies Erstaunen allerdings nur für vier Personen. »Komme ich ungelegen?«, fragte sie. »Ich meine: Ich kann später wiederkommen, wenn ihr in Ruhe essen wollt.«
Professor Wohlgemut sah sie fast bestürzt an, aber Fröhlich lachte leise. »Nein, das hat schon seine Richtigkeit«, erwiderte er. »Wir sind nur zu viert, oder?«
»Ich dachte, Vater Gutfried käme noch nach«, erklärte Leonie.
»Das hier ist nicht seine Welt«, antwortete Fröhlich. »Er würde sich... deplatziert fühlen. Darüber hinaus ist er... beschäftigt.«
Leonie nahm zögernd Platz. Die Kellnerin wartete, bis auch alle anderen sich gesetzt hatten, dann verteilte sie die Speisekarte und ging. Leonie geduldete sich mit Mühe und Not, bis sie außer Hörweite war, aber dann platzte sie heraus: »Also, was soll das hier? Ihr habt mich doch nicht hierher gebracht, weil ihr Hunger habt, oder?«
»Es ist ein sicherer Ort«, antwortete Wohlgemut.
»Das habe ich heute Abend schon ein paarmal gehört«, knurrte Leonie. »Aber irgendwie hat es nie gestimmt.«
»Manchmal ist die Öffentlichkeit das beste Versteck«, beharrte Wohlgemut. »Dein Vater muss längst gemerkt haben, dass du weg bist. Er wird Himmel und Hölle in Bewegung setzen um dich zu finden. Wir können an keinen der Orte gehen, die wir kennen, denn das würde automatisch bedeuten, dass er sie auch kennt.«
»Und dieses Restaurant hier nicht?«
»Keiner von uns war jemals zuvor hier«, sagte Fröhlich. Er hob die Schultern. »Das ist alles andere als ein perfekter Schutz, aber trotzdem der beste, den wir haben.«
Leonie brachte es auf den Punkt. »Ihr seid auf der Flucht.«
Weder ihre Großmutter noch die beiden alten Männer antworteten auf ihre Frage, aber Leonie hätte schon blind sein müssen, um die betretenen Blicke nicht zu bemerken, die sie untereinander tauschten.
»Aber das ist doch... ich meine, das kann doch gar nicht stimmen«, sagte sie hilflos. »Warum sollte Vater euch etwas tun? Außerdem hätte er es längst gekonnt, wenn...« Sie verstummte. Ihre Augen wurden groß, während ihr Blick immer hektischer von einem Gesicht zum anderen irrte.
»Ihr seid erst seit heute auf der Flucht, habe ich Recht?«, fragte sie. Nach einer kurzen, aber bedeutungsschweren Pause und noch leiser fügte sie hinzu: »Meinetwegen.«
Wieder vergingen endlose Augenblicke, in denen sich Großmutter, Professor Wohlgemut und Doktor Fröhlich nur betreten ansahen. Schließlich erwiderte Großmutter traurig ihren Blick und schüttelte den Kopf. »Nicht deinetwegen, Liebes.« Sie machte eine ausholende Geste, die das gesamte Lokal einschloss. Einer der anderen Gäste sah hoch, durch die Bewegung aufmerksam geworden, und nickte ihr lächelnd zu. Großmutter erwiderte dieses Lächeln und sagte: »Deswegen.«
»Das verstehe ich nicht«, bekannte Leonie.
»Warum bestellst du dir nicht etwas zu trinken?«, fragte Fröhlich. Er klappte die Speisekarte auf und bedeutete ihr mit einer Kopfbewegung, dasselbe zu tun.
Leonie sah ihn mehr als nur ein wenig irritiert an, dann sagte sie unwillig: »Eine Cola. Ist das jetzt wirklich wichtig?«
Fröhlich sah sie nur an. Leonie griff widerwillig nach der Speisekarte, klappte sie auf und blätterte ärgerlich darin herum. Nach einem Moment erschien ein Ausdruck von Überraschung auf ihrem Gesicht, der sich schnell in Bestürzung verwandelte.
»Keine Cola?«
»Und kein Bier«, ergänzte Wohlgemut. »Kein Wein oder Champagner. Wenn ich es mir recht überlege, überhaupt kein Alkohol.«
»Und sieh dir erst einmal die Speisekarte an«, fügte Großmutter hinzu.
Leonie gehorchte, aber diesmal brauchte sie einen Moment um es zu bemerken. »Was ist daran nicht in Ordnung?«, fragte sie.
»Nichts«, antwortete Fröhlich. »Nur gesundes, ausgewogenes Essen, wie überall. Das ist es ja gerade.« Er seufzte. »Nicht dass ich nicht um die Gefahren von Alkohol, Cholesterin und Schwermetallen und all diesen Dingen wüsste, aber eine kleine Sünde dann und wann macht das Leben doch erst lebenswert.« Er machte eine unauffällige Kopfbewegung zum Nachbartisch hin. »Fällt dir nichts auf?«
»Nein«, sagte Leonie wahrheitsgemäß.
»Lauter glückliche, gesunde und freundliche Leute«, meinte Großmutter bitter. »Hast du unser Gespräch auf der Galerie vergessen, Leonie?«
Das hatte Leonie tatsächlich, auch wenn es ihr im ersten Moment selbst unglaublich erschien. Es wollte ihr einfach nicht gelingen, die alte Frau, die ihr gegenübersaß, mit der lebenslustigen, quirligen Theresa in Verbindung zu bringen, die gemeinsam mit ihr die Gefangenschaft im Reich des Archivars und die Flucht vor seinen Kriegern überlebt hatte und wie sie in den klinischen Computersaal geblickt hatte, in den ihr Vater das Scriptorium verwandelt hatte. Dennoch nickte sie nach ein paar Sekunden.
»Ich mache mir schwere Vorwürfe, Leonie«, sagte Großmutter. »Ich habe alles verdorben bei diesem Gespräch. Es ist alles meine Schuld.«
»Was?«, fragte Leonie verständnislos.
»Das alles hier!«, antwortete Großmutter heftig und so laut, dass etliche Gäste an den Nebentischen und auch eine der Kellnerinnen die Köpfe wandten und in ihre Richtung sahen. Leonie lief ein eisiger Schauer über den Rücken, als sie in ihre Gesichter blickte. Sie entdeckte nirgendwo ein missbilligendes Stirnrunzeln, keinen abfälligen Blick, kein verärgertes Verziehen der Lippen, allenfalls einen Ausdruck leiser Verwunderung, und wohin sie auch sah, schenkte man ihr ein freundliches Lächeln. Plötzlich wurde ihr wirklich klar, was Großmutter gemeint hatte. Diese Leute waren so glücklich, dass es schon fast widerlich war.
»Ich habe einfach die Beherrschung verloren«, fuhr Großmutter - leiser - fort. »Es tut mir Leid. Vielleicht wäre alles anders gekommen, wenn ich ruhig mit ihm gesprochen hätte. Ich kenne deinen Vater. Er ist trotz allem ein vernünftiger Mann. Aber ich habe ihm keine Chance gegeben, zur Besinnung zu kommen, weil ich die Beherrschung verloren und mich wie eine Wilde aufgeführt habe.« Sie schüttelte niedergeschlagen den Kopf. »Ich hätte es besser wissen müssen. Ich kenne deinen Vater und weiß, wie er reagiert, wenn man versucht ihn unter Druck zu setzen. Ich habe alles verdorben.«
Wohlgemut legte ihr beruhigend die Hand auf den Unterarm. »Es ist nicht Ihre Schuld, meine Liebe«, sagte er leise. »Machen Sie sich keine Vorwürfe. Es wäre in jedem Fall genau so gekommen und das wissen Sie auch.«
Leonie begann sich immer unbehaglicher zu fühlen. Es machte ihr zu schaffen, ihre Großmutter so leiden zu sehen, und darüber hinaus erregte Großmutter mittlerweile immer mehr Aufsehen - auch wenn die Blicke, die sie trafen, ausnahmslos verwirrt und überrascht waren. Diese Leute hier, begriff Leonie, waren es einfach nicht gewohnt, einen unglücklichen Menschen zu sehen.