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»Ich verstehe deine Erregung ja, meine Liebe«, sagte Fröhlich mit gesenkter Stimme und einem mahnenden Blick in Großmutters Gesicht. »Aber über begangene Fehler zu jammern hat noch nie sonderlich viel gebracht. Wir sollten die Zeit, die uns noch bleibt, nutzen, um nach einer Lösung unseres Problems zu suchen.«

»Und wie genau soll die aussehen?«, fragte Leonie. »Wir können nicht gegen den Archivar kämpfen.«

»Der Archivar«, antwortete Wohlgemut ernst, »ist nicht unser Problem, Leonie. Ich glaube nicht, dass er noch einmal versuchen wird dich zu entführen.«

»Wieso nicht?«

»Weil er in dieser Welt über keine wirklich Macht mehr verfügt«, erklärte Großmutter. Sie hatte sich jetzt wieder in der Gewalt und sprach mit leiser, gefasster Stimme und auch ihr Gesicht wirkte nahezu unbewegt. Nur der Schmerz in ihren Augen schien eher noch größer geworden zu sein.

»Den Eindruck hatte ich nicht unbedingt«, bemerkte Leonie säuerlich.

»Das hier ist das Problem, Leonie«, sagte Wohlgemut eindringlich. »Nicht der Archivar. Deine Großmutter hat Recht! Seine Macht schwindet. Der Überfall vorhin war vielleicht so etwas wie eine letzte Verzweiflungstat.« Er schüttelte heftig den Kopf. »Ginge es nur um den Archivar, so brauchten wir dich nur für ein paar Tage zu verstecken und abzuwarten. Das Problem ist das alles hier, Leonie.« Er warf Großmutter einen raschen, wie um Vergebung bittenden Blick zu, dem diese mit allen Anzeichen von Schuldbewusstsein auswich, bevor er in leicht verändertem Tonfall fortfuhr: »Ich weiß, es ist trotz allem immer noch dein Vater, über den wir reden - aber sieh dir doch an, was er bereits getan hat! Schau dir diese Welt an, die er mit seinen Computern und Maschinen erschaffen hat!«

Die beiden Worte Computer und Maschinen hatte er fast wie einen Fluch ausgespien, und vielleicht war dies der einzige Grund, aus dem Leonie noch ein letztes Mal widersprach. Das - und die Tatsache, die Wohlgemut ja eben gerade selbst ausgesprochen hatte: dass der Mann, über den alle hier sprachen, als wäre er der verabscheuungswürdigste Schwerverbrecher aller Zeiten, noch immer ihr Vater war.

»Und was ist so schlimm an dem, was er getan hat?«

Wohlgemut erbleichte für einen Moment und holte dann tief Luft für eine geharnischte Antwort, aber Doktor Fröhlich kam ihm mit einer raschen Geste zuvor. »Nein, nein, Leonie hat vollkommen Recht«, sagte er - nicht nur zu Leonies Verblüffung. »Lassen Sie mich für einen Moment den Advocatus Diaboli spielen. Was ist so schlimm an dieser neuen Welt, die dein Vater nach seinen eigenen Vorstellungen erschaffen hat?« Er wandte sich direkt an Leonie. »Ich verstehe deine Zweifel, Leonie. Diese Welt ist zweifellos besser als die, die wir alle kennen. Es gibt keine Kriege mehr, keine Verbrechen, keine Armut und keine Ungerechtigkeit. Fast alle Krankheiten sind besiegt, es gibt keine Arbeitslosigkeit und keine politischen Querelen. Die ganze Welt lebt in Frieden miteinander. Die Menschen sind glücklich.« Er zögerte einen ganz kurzen - und Leonie war vollkommen sicher: genau berechneten - Moment und fuhr dann fort: »Jedenfalls sollte man meinen, dass sie es sind. Was meinst du? Sind sie es? Schau dich um.«

Das brauchte Leonie nicht. Sie kannte die Antwort. Sie hatte es schon draußen gespürt, lange bevor sie hierher gekommen waren. »Nein«, murmelte sie. Ihre Augen wollten sich mit Tränen füllen, und sie brauchte all ihre Kraft um sie zurückzuhalten.

»Das stimmt«, sagte Fröhlich sanft. Von wegen Advocatus Diaboli! Er hatte sie hereingelegt. Aber was erwartete sie von einem Rechtsanwalt?

»Aber warum?«, flüsterte sie hilflos.

»Weil nicht unglücklich sein nicht automatisch bedeutet, glücklich zu sein«, antwortete ihre Großmutter leise. »Das ist es, was dein Vater getan hat, Leonie. Ich weiß, dass es in bester Absicht geschah, und doch hat er einen schrecklichen Fehler gemacht. Und du weißt es auch. Du hast es so deutlich gespürt wie ich, als wir dort oben auf der Galerie gestanden sind. Habe ich Recht?«

Leonie nickte. Sie hatte den Kampf gegen die brennende Nässe in ihren Augen längst verloren, aber auch das war ihr mittlerweile egal. »Die Computer«, murmelte sie. »Wohlgemut hat Recht. Sie sind... wie Roboter. Wie glückliche Roboter, vielleicht. Aber dennoch nicht mehr als Roboter.«

Auch wenn sie immer noch nicht verstand warum.

»Das war die einzige Möglichkeit, all diese gewaltigen Veränderungen und Verbesserungen vorzunehmen, all diese Millionen und Abermillionen von Leben zu verändern«, bestätigte Großmutter. »Kein lebendes Wesen wäre in der Lage, all die kleinen und großen Unterschiede im Auge zu behalten. Du änderst eine Winzigkeit im Leben eines Menschen, und es hat Auswirkungen auf die Schicksale jedes einzelnen anderen Menschen, dem er fortan jemals begegnet ist. Und dasselbe gilt auch für diese Menschen, und so weiter. Es ist eine Kettenreaktion universellen Ausmaßes, an deren Ende eine unvorstellbare Katastrophe stehen könnte. Es hat einen guten Grund, warum es den Scriptoren nicht erlaubt ist, auch nur ein Komma im Buch eines Menschenlebens zu ändern. Kein lebendes Wesen wäre in der Lage, diese Aufgabe zu bewältigen. Nicht einmal der Archivar selbst.«

»Aber Vaters Computer können es.«

»Wie es aussieht, ja«, bestätigte Wohlgemut an Großmutters Stelle. Er klang fast widerwillig. »Ich hätte es nicht für möglich gehalten, aber anscheinend sind sie der Aufgabe gewachsen.«

»Und warum funktioniert es dann trotzdem nicht?«, fragte Leonie.

»Weil Computer keine Seele haben«, antwortete Großmutter. »So wenig wie all die Menschen hier. Computer machen keine Fehler, aber es ist nun einmal die Natur der Menschen, Fehler zu machen und daraus zu lernen. Nimm ihnen dieses Recht und du nimmst ihnen ihre Menschlichkeit.«

Leonie schüttelte zwar impulsiv den Kopf, aber sie spürte sogar selbst, dass es nichts als eine hilflose Abwehrreaktion auf eine Wahrheit war, die sie längst verinnerlicht hatte. All diese Menschen, hier im Restaurant, aber auch draußen auf der Straße, die gut gekleidet, gesund und ordentlich waren, stets vernünftig und gut gelaunt und so entsetzlich glücklich - im Grunde waren sie nichts anderes als künstlich programmierte Maschinen.

»Und was können wir jetzt tun?«, fragte sie.

»Vielleicht gar nichts mehr«, erwiderte Großmutter traurig. »Solange dein Vater im Besitz des Buches ist, gibt es rein gar nichts, was wir tun können, weder du noch ich.«

»Und wenn ich mit ihm reden würde?«, fragte Leonie. »Er ist immerhin mein Vater!«

»Das wäre sinnlos«, sagte Fröhlich ernst. »Hast du schon vergessen, dass er erst gerade wieder versucht hat, deine kompletten Erinnerungen auszutauschen und dich in ein vollkommen fremdes und gar nicht zu dir passendes Leben zu pressen? Wenn du noch einmal zu deinem Vater gehst, dann wird er dafür sorgen, dass du die Erinnerungen an dein wirkliches Leben endgültig verlierst. Du wirst nicht mehr wissen, wer wir sind. Du würdest nicht einmal mehr wissen, dass es uns je gegeben hat.«

Leonie dachte an die Zeit vor dem Überfall der Archivkrieger zurück und ein eisiger Schauer lief ihr den Rücken hinab. Die Erinnerungen waren so echt gewesen! Sie wusste, dass Fröhlich Recht hatte. Und dennoch weigerte sie sich noch immer zu glauben, dass ihr eigener Vater ihr das antun würde.

»Dann gibt es gar nichts mehr, was wir noch tun könnten?«, fragte sie.

»Er ist im Moment sein rechtmäßiger Besitzer«, erklärte Fröhlich. »Und damit ist er der Einzige, der Macht über das Buch hat. Allerdings, wenn du...« Er verstummte. Ein nachdenklicher Ausdruck erschien auf seinem Gesicht.