»Ja?«, fragte Leonie, als er nicht weitersprach.
»Bedenkt man die... äh... etwas fragwürdigen Umstände, unter denen dein Vater in den Besitz des Buches gelangt ist, könnte ich mir vorstellen, dass es ausreicht, wenn du es seiner legitimen Besitzerin zurückgibst«, antwortete Fröhlich ausweichend.
Es dauerte einen Moment, bis Leonie wirklich begriff, was er damit sagen wollte. »Sie meinen, ich soll ihm das Buch stehlen!«
Fröhlich fuhr sichtbar zusammen und sah sich hastig und erschrocken um, als hätte er Angst, dass irgendjemand am Nebentisch Leonies Worte gehört hatte. Sie hatte auch wirklich sehr laut gesprochen. »Also ich als Jurist würde dir natürlich niemals einen solchen Rat geben«, sagte er mit einem nervösen Lächeln, »aber...« Er hob seufzend die Schultern.
»Außergewöhnliche Situationen bedingen manchmal auch außergewöhnliche Maßnahmen. Streng genommen hat deine Großmutter dir das Buch vermacht. Dass das Testament wegen irgendeiner Spitzfindigkeit nicht in Kraft trat, ändert nichts an der Tatsache, dass sie ihrem freien Willen deutlich Ausdruck verliehen hat.«
»Das sind doch juristische Haarspaltereien«, sagte Wohlgemut ärgerlich.
»Das mag sein«, gestand Fröhlich unumwunden. »Aber ich habe mein Lebtag von juristischen Haarspaltereien gelebt, und das nicht schlecht.« Er grinste und brachte Wohlgemutes Protest mit einem entschiedenen Kopfschütteln zum Verstummen. »Im Ernst, mein Lieber: Wenn dies hier ein normaler Rechtsstreit wäre, würde ich mir vor jedem Gericht eine gute Chance ausrechnen, mit meiner Argumentation zum Ziel zu gelangen.«
»Ist es aber nicht«, erwiderte Wohlgemut patzig.
Fröhlich setzte seinerseits zu einer Antwort an, doch zu Leonies Erleichterung kam in diesem Moment die Kellnerin, um sich nach ihren Wünschen zu erkundigen. Sie gaben ihre Bestellung auf, und als die junge Frau ging, war der schwelende Streit zwischen Fröhlich und dem Professor wieder erloschen. Dennoch war die gereizte Stimmung zwischen den beiden hochbetagten Männern deutlich zu spüren.
»Bitte hört auf«, sagte Großmutter leise. Sie warf Leonie einen Verzeihung heischenden Blick zu. »Dieser Streit ist ohnehin müßig. Es gibt keine Möglichkeit, an das Buch heranzukommen. Dein Vater hat den Zugang verschlossen. Du hast es selbst gesehen.«
»Seit wann halten mich Türen auf?«, fragte Leonie.
»Die magischen Türen des Archivs vielleicht nicht«, antwortete Fröhlich trocken. »Eine fünf Tonnen schwere Tür aus Stahl aber sehr wohl. Dein Vater hat sich etwas dabei gedacht, dieses Monstrum in eurem Keller einbauen zu lassen.«
»Dann suchen wir uns einen anderen Eingang«, meinte Leonie.
Ihre Großmutter lächelte traurig. »Das geht nicht, Liebes. Es gibt für jede Hüterin immer nur einen Weg ins Archiv. Die Tür, durch die deine Mutter und du gegangen seid, ist die einzige, die wir benutzen können. Das ist der Grund, aus dem sich unsere Buchhandlung seit Generationen am gleichen Ort befindet.«
»Dann suchen wir einen anderen Eingang«, sagte Leonie noch einmal. »Irgendeinen!« Allmählich begann sich so etwas wie Verzweiflung in ihr breit zu machen. Es musste doch einfach einen Weg geben! »Wir gehen einfach zu einer der anderen Hüterinnen und...«
»Es gibt keine anderen mehr«, unterbrach sie Wohlgemut.
Leonie starrte ihn an. »Was?«
»Das war das Erste, was dein Vater geändert hat«, erklärte Fröhlich mit ernstem Gesichtsausdruck. »Es gibt niemanden mehr, der über die Gabe verfügt. Nur deine Großmutter und dich. Deine Großmutter, weil er nicht weiß, dass sie überhaupt noch lebt, und du, weil du seine Tochter bist. Auch wenn der gute Professor das vielleicht anders sieht, bin ich doch sicher, dass er dir niemals ein Leid zufügen würde.«
»Das hat er ja auch gar nicht nötig«, sagte Wohlgemut spitz. Fröhlich schenkte ihm einen giftigen Blick, den der Professor mit eisiger Miene erwiderte. Leonie war verwirrt. Sie war bisher davon ausgegangen, dass die beiden Männer, die ja auch aussahen wie Brüder, gute Freunde waren, aber so ganz schien das nicht zu stimmen.
Überhaupt kam ihr die Situation immer unwirklicher vor. Irgendetwas war hier nicht in Ordnung. Es war Leonie nicht möglich, das Gefühl in Worte zu kleiden, aber tief in ihr war ein nagender Zweifel, der mit jedem Moment stärker wurde. Da war etwas an dem, was ihre Großmutter gesagt hatte, etwas, das mit...
Großmutter sah ihr tief in die Augen und schenkte ihr ein trauriges Lächeln, das Leonie sich schäbig und gemein vorkommen ließ. Natürlich stimmte mit dieser Situation etwas nicht. Mit der ganzen Welt, in der sie sich befanden, stimmte etwas nicht! Sie sollte sich schämen, so über ihre Großmutter zu denken, nach allem, was die alte Frau ihretwegen auf sich genommen und erlitten hatte!
»Aber wenn Vater das Buch in sicherem Gewahrsam hat«, sagte Leonie, statt weiter diesen sinnlosen Gedanken nachzuhängen, »wie sollen wir dann in seinen Besitz kommen? Ich kann doch schlecht zu meinem Vater gehen und ihn um das Buch bitten...«
Wohlgemut riss verblüfft die Augen auf und Großmutter zuckte zusammen, und bevor Leonie begriff, was geschehen war, sagte jemand hinter der halbhohen spanischen Wand, vor der Wohlgemut und sie saßen: »Warum solltest du das nicht können?«
Leonie fuhr so erschrocken zusammen, dass der Stuhl unter ihr hörbar knarrte, und Fröhlich stieß einen kleinen, ächzenden Schrei aus, als Frank hinter der spanischen Wand hervorkam und dann beinahe gemächlich an ihren Tisch trat. In der rechten Hand trug er eine Pistole. »Und wisst ihr was, ihr komischen Vögel?«, fuhr er mit einem bösen Grinsen fort. »Ich tue euch sogar den Gefallen und bringe euch direkt zu eurem ominösen Buch!«
Verraten!
Der Wagen wartete vor dem Restaurant. Beide Türen auf der Fahrerseite standen offen und ragten ein gutes Stück weit auf die Fahrbahn hinaus, sodass die vorüberfahrenden Autos in weitem Bogen ausweichen mussten und zum Teil auf die Gegenfahrbahn gerieten; dennoch hupte niemand, es gab keine bösen Blicke, keine wütenden Kommentare oder gar Beschimpfungen. Die Autofahrer wichen dem Hindernis diszipliniert und ruhig aus und auch die Passanten auf dem Bürgersteig schenkten der Szenerie höchstens einen irritierten Blick, wenn überhaupt.
Wenigstens hatte Frank seine Pistole eingesteckt, bevor sie das Restaurant verließen, aber Leonie ahnte, dass er sie blitzschnell ziehen würde, wenn es darauf ankam.
»Ein bisschen Beeilung, wenn ich bitten darf!«, raunzte er, als sie sich dem Wagen näherten und Wohlgemut unsicher stehen blieb. »Wir werden erwartet und es ist unhöflich, zu spät zu kommen.« Er wies mit einer ärgerlichen Kopfbewegung auf die Fahrertür und sah Wohlgemut dann noch unwilliger an. »Sie fahren!«
Wohlgemut wurde ein bisschen blass um die Nase herum. »Aber ich kann doch gar nicht...«, begann er, wurde aber von Frank sofort und in rüdem Ton wieder unterbrochen: »Dann wird es Zeit, dass du es lernst, Opa!«
Er versetzte Wohlgemut einen recht unsanften Stoß zwischen die Schulterblätter, der diesen ungeschickt auf die Straße und auf den Wagen zustolpern ließ. Noch eine Winzigkeit mehr, dachte Leonie entsetzt, und Wohlgemut wäre gefallen; offensichtlich hatte Frank vergessen, dass er es nicht mit seinesgleichen, sondern mit einem hochbetagten Mann zu hatte. Allerdings schien sie die Einzige zu sein, der Franks unmögliches Verhalten auffiel. Er versetzte Wohlgemut noch einen weiteren Stoß, als der Professor für seinen Geschmack zu langsam ging, und Wohlgemut stolperte nun tatsächlich gegen die offene Tür und fand erst im allerletzten Moment daran Halt, aber niemand nahm auch nur Notiz davon. Die wenigen Passanten, die überhaupt in ihre Richtung blickten, wirkten bestenfalls verwirrt, als wäre es ihnen nicht möglich, dem Gesehenen irgendeinen Sinn abzugewinnen. Leonie konnte nicht einmal sagen, was sie mehr erschreckte: Franks Rohheit oder die völlige Teilnahmslosigkeit der Leute, die sie beobachteten.