»Das ist...«, murmelte Frank.
»Es ist unglaublich gefährlich, an der Wirklichkeit herumzupfuschen«, unterbrach ihn Fröhlich. Er seufzte. »Und genau das hat Leonies Vater getan. Und er ist noch lange nicht damit fertig.«
»Das ist ziemlich verrückt«, meinte Frank. »Ich kann das nicht glauben.«
»Bitte, versuchen Sie es!«, sagte Theresa. »Wenn Sie uns nicht glauben, dann glauben Sie Leonie. Warum sollte sie Sie belügen, wenn es doch um ihren eigenen Vater geht?«
Lange, endlos lange, wie es Leonie vorkam, sah Frank sie nur an. Der Zweifel in seinem Blick war unübersehbar. Er hockte verkrümmt auf seinem Sitz, als hätte er Schmerzen, und seine Hände zitterten immer noch ganz leicht. Sie konnte sehen, wie sich die Gedanken in seinem Kopf überschlugen, und schließlich presste er für einige Sekunden die Augenlider aufeinander, atmete hörbar ein und kam zu einem Entschluss.
»Und?«, fragte Leonie.
»Das ist vollkommen verrückt«, sagte Frank zum wiederholten Mal. »Ich glaube euch kein Wort!«
»Aber...!«, entfuhr es Leonie.
»Genug jetzt!« Frank zog die Pistole wieder aus dem Hosenbund hervor und deutete damit hektisch in Wohlgemuts Richtung. »Fahren Sie weiter!«
»Und wenn ich mich weigere?«, erkundigte sich Wohlgemut. »Was würden Sie dann tun? Mich erschießen?« Er lachte leise. »Machen Sie sich nicht lächerlich, junger Mann. Sie sind kein Mörder.«
Eine geschlagene Sekunde lang starrte Frank den Professor fassungslos an, dann riss er plötzlich die Wagentür auf, stürmte um das Auto herum und öffnete die Tür neben Wohlgemut, bevor einer von ihnen auch nur richtig begriff, was er vorhatte. »Rutschen Sie rüber!«, befahl er.
Wohlgemut gehorchte, zumal Frank seinen Worten durch ein drohendes Gestikulieren mit der Waffe weiteren Nachdruck verlieh. Umständlich kletterte er auf den Beifahrersitz und Frank steckte die Pistole endgültig weg, setzte sich hinter das Steuer und warf die Tür mit solcher Wucht hinter sich zu, dass der gesamte Wagen erzitterte. Praktisch in der gleichen Bewegung startete er den Motor und fuhr los. »Kommt bloß nicht auf irgendwelche verrückten Ideen«, sagte er. »Ich habe keine Hemmungen, auch einen alten Mann zu schlagen, wenn es sein muss.«
»Das glaube ich Ihnen aufs Wort«, murmelte Theresa.
»Frank, bitte!«, flehte Leonie.
»Ich will jetzt nichts mehr hören!«, schnitt ihr Frank das Wort ab. »Von niemandem!«
Leonie setzte dennoch dazu an, etwas zu sagen, aber Theresa berührte sie nur sacht am Arm und schüttelte dann stumm und traurig den Kopf. Vermutlich hatte sie Recht. Vielleicht war Frank einfach zu verwirrt und erschrocken, um ihr überhaupt glauben zu können. »Und was sollen wir jetzt tun?«, flüsterte sie.
Theresa deutete ein Achselzucken an. »Nichts«, gab sie ebenso leise zurück Und vermutlich hatte sie auch damit Recht, dachte Leonie. Aber alles in ihr sträubte sich einfach dagegen, das zu akzeptieren. Nach allem, was passiert war, durfte es nicht so enden! Für einen Moment wurde ihre Verzweiflung so groß, dass sie allen Ernstes mit dem Gedanken spielte, Frank einfach ins Lenkrad zu fallen und darauf zu vertrauen, dass es ihnen zu viert schon irgendwie gelingen würde, ihn zu überwältigen. Aber sie verwarf diese Idee fast ebenso rasch wieder, wie sie gekommen war. Selbst zu viert waren sie Frank nicht gewachsen, und die Gefahr, einen Unfall zu verursachen, bei dem sie allesamt zu Schaden oder möglicherweise ums Leben kommen konnten, war einfach zu groß.
Niedergeschlagen ließ sie sich im Sitz zurücksinken und schloss die Augen. Das bittere Gefühl, verloren zu haben, machte sich in ihr breit. Es war nicht das erste Mal. Seit diese ganze unheimliche Geschichte begonnen hatte, war sie oft genug in einer Situation gewesen, die ihr ausweglos erschienen war, und hatte mehr als einmal gedacht, dass es vorbei wäre. Und doch war es diesmal anders. Dem Gefühl, sich in einer ausweglosen Situation zu befinden, hatte sich eines der Endgültigkeit hinzugesellt, das mit jedem Augenblick stärker wurde. Es gab nichts mehr, was sie noch tun konnten. Selbst wenn es ihnen durch ein Wunder gelänge, Frank zu überwältigen und irgendwie aus diesem Wagen zu entkommen - wohin sollten sie gehen? Was sollten sie noch tun? Die Antwort war so einfach wie niederschmetternd: nichts.
Der Wagen bewegte sich fast lautlos die gleiche Straße hinab, die sie auch heraufgekommen waren, aber es gab einen Unterschied: Auf dem Hinweg waren sie allein gewesen, das einzige Fahrzeug auf der Straße, und die Häuser hatten dunkel und wie verlassen dagelegen, jetzt aber brannte überall Licht. Die Straße war voller Menschen und anderer Automobile und überall rings um sie herum war einfach nur Leben - ihr Vater lernte ganz offensichtlich dazu. Was noch vor kurzem wie eine schlechte, computeranimierte Kopie der Wirklichkeit ausgesehen hatte, näherte sich ihr nun an, und zwar so schnell, dass der Unterschied kaum noch sichtbar war, nicht einmal dann, wenn man danach suchte. Vielleicht war es das, was sie die ganze Zeit über gespürt hatte und was ihr die Kraft nahm, sich abermals gegen das vermeintlich Unausweichliche aufzulehnen: Ihr Kampf war sinnlos geworden, denn er war längst entschieden. Diese neue Wirklichkeit - ob gut oder schlecht - hatte ihren Platz längst eingenommen. Und sie würde ihn behalten.
Die Fahrt schien gleichzeitig endlos zu dauern wie in wenigen Augenblicken vorüber zu sein, was vielleicht daran lag, dass sie sich vor nichts mehr fürchtete als vor dem Moment, in dem sie nach Hause zurückkehren und ihrem Vater gegenübertreten würde. Leonie schrak wie aus einem üblen Traum hoch, als sie langsamer wurden und Frank den Wagen dann in die Ausfahrt lenkte, die zu ihrem Elternhaus führte. Der Anblick, der sich ihnen bot, war von schon fast erschreckender Normalität: Nichts deutete mehr auf die erbarmungslose Schlacht hin, die hier noch vor weniger als einer Stunde getobt hatte. Die Monster waren ebenso verschwunden wie ihre Gegner und jede andere Spur der Auseinandersetzung, bis hin zu dem zertrümmerten Wagen, aus dem Leonie gerade noch mit Mühe und Not entkommen war.
Frank fuhr bis unmittelbar vor die Tür, öffnete den Wagenschlag und riss ungläubig die Augen auf, als er das Garagentor sah, das sich ihren Blicken nun wieder vollkommen unversehrt darbot. Bevor er jedoch etwas sagen konnte, wurde die Haustür geöffnet und zwei auf die Leonie schon bekannte Art gekleidete Männer (schwarze Anzüge, Sonnenbrille und Knopf im Ohr) traten mit raschen Schritten auf ihn zu. Einer begann mit leiser Stimme und aufgeregt gestikulierend auf Frank einzureden, der andere öffnete die Beifahrertür und forderte Wohlgemut mit einer ruppigen Geste auf auszusteigen. Nachdem der Professor der Aufforderung Folge geleistet hatte, riss er die hintere Tür auf und verlangte dasselbe von Fröhlich, Leonie und Theresa.
Hintereinander betraten sie das Haus. Auch hier drinnen waren keine Spuren des zurückliegenden Kampfes mehr zu entdecken, den Leonie zwar nicht gesehen, dafür aber umso deutlicher gehört hatte. Alles war ordentlich, sauber und so penibel aufgeräumt, wie es nur ging. Nur eines hatte sich verändert: Die getarnte Panzertür am Ende des langen Korridors stand offen und mit ihr der Weg ins Arbeitszimmer ihres Vaters.
Ein sonderbares Gefühl von Trauer überkam Leonie, während sie mit Schritten, die immer zögerlicher wurden, je mehr sie sich ihrem Ziel näherte, darauf zuging. Im ersten Moment konnte sie es sich selbst nicht erklären, dann aber wurde ihr klar, dass es wohl die Erinnerung an das letzte Mal war, als sie in diesem Zimmer gewesen war. Der Moment lag erst wenige Tage zurück, ihr aber kam es vor, als wären es Monate, wenn nicht Jahre. Damals waren nicht nur sie und Vater in diesem Zimmer gewesen, sondern auch ihre Mutter, und die Erinnerung versetzte Leonie einen tiefen, schmerzhaften Stich in die Brust. Nicht einmal so sehr, weil sie so traurig war, sondern weil es das erste Mal seit Tagen war, dass sie sich überhaupt wieder an ihre Mutter erinnerte. Es musste wohl so sein, wie Großmutter gesagt hatte: Ihr Vater beherrschte das Buch nun beinahe perfekt. Obwohl sie sich noch an ihre Vergangenheit erinnern konnte, kamen ihr diese Erinnerungen mit jedem Moment unwirklicher und irrealer vor. Und es konnte nicht mehr lange dauern, bis sie ihr vollständig entschwanden.