Mit klopfendem Herzen trat sie durch die Tür und sah sich um. Der Anblick war beinahe enttäuschend; Leonie hätte selbst nicht sagen können, was sie erwartet hatte -, aber das Bild unterschied sich in nichts von dem, das sie seit Jahren kannte und in Erinnerung hatte - in jeder Erinnerung. Da war der übergroße Schreibtisch ihres Vaters, die schmalen Wandregale, auf denen sich Bücher mit Vasen und Schmuckgegenständen aus buntem Muranoglas um den Platz stritten, und gleich neben der Tür der wuchtige Tresor. Ihr Vater saß in einer lässig zurückgelehnten Haltung, die nicht wirklich über seine innere Anspannung hinwegzutäuschen vermochte, in dem großen Ledersessel hinter dem Schreibtisch und empfing sie mit einem Blick, bei dem es Leonie kalt über den Rücken lief. Er setzte dazu an, etwas zu sagen, runzelte aber stattdessen dann mit gespielter Überraschung die Stirn, als er die beiden alten Männer und schließlich Theresa erblickte, die hinter ihr hereinkamen. »Du hast Besuch mitgebracht«, stellte er fest. »Wie nett.«
Leonie fand diese Bemerkung ebenso überflüssig wie albern. Von der Stelle aus, an der sie stand, konnte sie den kleinen Monitor auf dem Schreibtisch vor ihrem Vater zwar nicht einsehen, aber sie war ziemlich sicher, dass er das Bild des Eingangsbereichs und des Flures zeigte und ihr Vater also schon gewusst hatte, dass sie nicht allein kam, bevor sie auch nur dem Auto entstiegen waren.
»Die Freude ist ganz auf meiner Seite«, sagte Theresa.
In den Augen ihres Vaters blitzte es ärgerlich auf, aber das war auch alles. Er beherrschte sich meisterhaft. Sowohl sein Lächeln als auch der freundliche Klang seiner Stimme waren durchaus überzeugend, als er antwortete: »Charmant wie immer, meine Liebe. Schade nur, dass Sie so uneinsichtig sind. Sie hätten sich und uns allen eine Menge Zeit und Mühe ersparen können, wenn Sie gleich zu mir gekommen wären.«
Theresa machte ein verächtliches Geräusch. »Wir sind hier nicht in einem schlechten Krimi. Sag uns einfach, was du von uns willst.«
Diesmal schien der Ausdruck leiser Verwirrung im Blick ihres Vaters echt zu sein, als er antwortete. »Ich? Nichts.«
»Natürlich nicht«, entgegnete Theresa abfällig. »Deshalb hast du uns ja auch von deinen Bluthunden jagen lassen.«
Leonies Vater runzelte die Stirn. »Ich kann mich täuschen«, sagte er gedehnt und in übertrieben verwundertem Ton, »aber ich hatte den Eindruck, dass Sie und Ihre... Freunde es waren, die Leonie entführt haben. Ich habe Frank lediglich gebeten Leonie zurückzubringen. Sicher zurückzubringen.«
»Vielleicht verstehen wir ja unter dem Wort sicher etwas grundsätzlich Verschiedenes.«
Vaters Blick verdüsterte sich, und für einen Moment presste er die Hand so fest auf die blank polierte Tischplatte, dass die Knöchel weiß durch seine Haut stachen. Aber er beherrschte seinen Zorn auch diesmal, schenkte Theresa nur einen letzten, eisigen Blick und wandte sich dann an Leonie. »Bist du in Ordnung?«
»Ich schon«, erwiderte Leonie. »Nur der Rest der Welt nicht.«
Auch darauf antwortete ihr Vater nicht. Er sah nur Theresa erneut (und deutlich ärgerlicher) an, dann stand er mit einem Ruck auf, ging um den Schreibtisch herum und ließ sich vor dem Safe in die Hocke sinken. Leonie fiel erst jetzt auf, dass der massige Würfel aus Metall das Einzige hier drinnen war, das sich wirklich verändert hatte. Größe und Form waren ungefähr gleich geblieben, doch statt eines schwarz lackierten Stahlschranks mit einem altmodischen Zahlenschloss stand nun ein chromblitzender Würfel neben der Tür, der überhaupt kein Schloss zu haben schien, auch keine Tastatur oder irgendeinen anderen Mechanismus um ihn zu öffnen. Ihr Vater entriegelte die Tür, indem er für eine knappe Sekunde die gespreizten Finger der linken Hand darauf drückte. »Macht euch keine falschen Hoffnungen«, sagte er, »das Ding reagiert nicht nur auf meine Fingerabdrücke. Es würde euch nichts nutzen, mir die Hand abzuschlagen und sie dagegenzupressen.«
Leonie spürte ein kurzes, eisiges Frösteln. Natürlich waren diese Worte nicht ernst gemeint, das hörte sie allein schon an Vaters Tonfall - aber eigentlich waren geschmacklose Scherze wie dieser nie seine Art gewesen. Einen kurzen Moment lang schien er vergeblich darauf zu warten, dass irgendjemand etwas dazu sagte, dann deutete er ein Achselzucken an, richtete sich aus der Hocke auf und die Safetür schwang mit einem lautlosen Summen nach außen. Der überraschend kleine Innenraum dahinter war vollkommen leer bis auf ein großes, in uraltes grobes Leder gebundenes Buch. Theresa sog scharf die Luft ein, als Leonies Vater sich vorbeugte um es herauszunehmen, und als Leonie selbst kurz aufsah und in ihre Augen blickte, da erkannte sie darin einen Ausdruck, der an Gier grenzte. Aber sie musste sich wohl getäuscht haben.
Ihren Vater jedenfalls schien Theresas Blick eher zu amüsieren, denn er lächelte flüchtig, während er sich umwandte, das Buch zum Schreibtisch trug und es in der Mitte aufgeschlagen auf das blank polierte Holz legte.
»Und deshalb also diese ganze Aufregung?«, fragte er spöttisch. »Nur wegen eines alten, vergammelten Buches.«
Theresa sog abermals scharf die Luft ein und machte einen halben Schritt auf den Schreibtisch zu, blieb aber sofort wieder stehen, als Frank warnend die Hand hob. Der unheimliche Ausdruck in ihren Augen war stärker geworden. Wenn es keine Gier war, dann etwas anderes, für das Leonie zwar die Worte fehlten, das ihr aber fast ebensolche Angst machte. Sie kannte Theresa (ihre Großmutter!) lange genug um zu wissen, dass ihr solche Gefühle eigentlich vollkommen fremd waren, aber andererseits: Sie hatte sie auch noch nie einer Situation wie dieser erlebt, bei der es um nichts Geringeres als um das Schicksal der ganzen Welt ging! Sie wandte sich wieder ihrem Vater zu.
»Bitte!«, versuchte sie es ein letztes Mal. »Du darfst das nicht tun!«
Vater sah sie einen Moment lang sehr ernst an, dann schüttelte er bedächtig den Kopf und sagte leise: »Ich bin es müde, immer wieder die gleichen Gespräche zu führen, Leonie.«
»Sie haben nicht einmal das Recht dazu!«, sagte Fröhlich erregt. »Von Rechts wegen gehört Ihnen das Buch nicht. Ihre Tochter...«
»... wird bekommen, was ihr zusteht, sobald sie alt genug dazu ist«, fiel ihm Leonies Vater ins Wort.
»Und wann soll das sein?«
»Wenn sie reif dafür ist«, antwortete Vater ernst. »Sie erwarten doch nicht, dass ich eine solche Macht in die Hand eines Kindes lege?« Er warf Leonie einen raschen, Verzeihung heischenden Blick zu. »Entschuldige.«
»Dann... dann ist das alles wahr?«, murmelte Frank. Er blickte verstört von einem zum anderen und dazwischen immer wieder auf das aufgeschlagene Buch, dessen Seiten mit einer winzig kleinen, gestochen scharfen Handschrift bedeckt waren. »Sie... Sie können... die Wirklichkeit verändern? Damit?«
Leonies Vater sah Frank an, als würde er sich dessen Gegenwart erst in diesem Moment bewusst. Kurz blitzte so etwas wie Ärger in seinen Augen auf und Leonie war vollkommen sicher, dass er Frank hinauswerfen oder mit einer rüden Bemerkung abfertigen würde. Dann aber schüttelte er fast traurig den Kopf und legte die rechte Hand mit gespreizten Fingern behutsam auf die vergilbten Seiten des Buches. »Ich weiß nicht, was Ihnen die junge Dame da oder ihre beiden Begleiter erzählt haben, aber was immer es ist, Sie sollten kein vorschnelles Urteil fällen. Haben Sie sich noch nie gewünscht, die Welt zu einem besseren Ort machen zu können? Einem Ort ohne Kriege und Hunger, ohne Ungerechtigkeit und Verbrechen?«