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Leonies Antwort bestand nur aus einem eisigen Blick, aber ihre Gedanken überschlugen sich. Das letzte Mal, als sie den Schausteller und Dieb gesehen hatte, hatte er sich im eisernen Griff eines von Hendriks Männern befunden und war wesentlich kleinlauter gewesen als jetzt, und sie war nicht nur vollkommen sicher gewesen, ihn niemals wiederzusehen, sondern hatte ihn schlichtweg vergessen. Mit einiger Verzögerung deutete sie eine Handbewegung in seine Richtung an und sagte: »Das ist Meister Bernhard, Großmutter. Ich habe dir von ihm erzählt.«

Sie sah nicht zu Großmutter zurück, aber sie konnte hören, wie ihre Ketten leise klirrten, als sie nickte. »Ja«, sagte sie. »Ich erinnere mich.«

Meister Bernhard trat einen halben Schritt von der Tür zurück, sodass das Licht nun vollends auf sein Gesicht fiel und Leonie den übertrieben verletzten Ausdruck auf seinen Zügen erkennen konnte. »Aber wie unhöflich von dir, mein Kind«, sagte er spöttisch. »Du musst deiner Großmutter ja schlimme Sachen über mich erzählt haben. Dabei bin ich extra hierher gekommen, um mich mit eigenen Augen davon zu überzeugen, dass es dir auch gut geht.«

»Ja, das glaube ich«, erwiderte Leonie düster.

»Aber es ist wahr!«, behauptete Bernhard. »Glaub mir - in all der Zeit, in der ich in der luxuriösen Unterkunft saß, die dein Vater für mich und meine Familie bereitgestellt hat, habe ich praktisch nur an dich gedacht und an den Moment, in dem wir uns wiedersehen.« Er seufzte. »Die Jugend von heute ist undankbar.«

»Was wollen Sie?«, fragte Leonie. Eine leise, aber dringliche Stimme mahnte sie sich genau zu überlegen, was sie sagte. Ihr letztes Aufeinandertreffen war zwar lange her, aber sie hatte den hasserfüllten Blick nicht vergessen, den Bernhard ihr zum Abschied zugeworfen hatte. Ein eisiger Schauer lief ihr über den Rücken. Vorhin, als sie hierher gebracht worden war, da hatte sie geglaubt, dass es nicht mehr schlimmer kommen konnte. Aber es hatte sich wieder einmal bestätigt, was sie eigentlich nach dieser ganzen Geschichte hätte wissen müssen: Es konnte immer noch eine Wendung zum Schlimmeren geben.

»Aber habe ich das denn nicht gesagt?«, wunderte sich Bernhard. »Ich wollte mich davon überzeugen, dass es dir gut geht. O ja - und ich soll dich und deine entzückende Großmutter abholen. Wenn die Damen dann so weit wären...« Er trat noch weiter zurück, grinste breit und machte eine spöttisch-einladende Armbewegung.

Leonie stand langsam auf, doch ihre Großmutter rührte sich nicht. Wie konnte sie auch - die beiden Eisenringe hielten sie ja unbarmherzig an der Wand fest. Bevor sie jedoch etwas Entsprechendes zu Bernhard sagen konnte, trat der Gaukler endgültig zur Seite und zwei Scriptoren wuselten herein. Der eine scheuchte Leonie heftig gestikulierend und mit einer Flut von Beschimpfungen bis zum anderen Ende der kleinen Zelle, der zweite machte sich derweil an Großmutters Ketten zu schaffen. Mit einem leisen Klirren, das fast im schmerzerfüllten Seufzen der alten Frau unterging, denn der Scriptor war alles andere als vorsichtig, lösten sie sich und fielen zu Boden. Großmutter versuchte aufzustehen, aber ihr fehlte sichtlich die Kraft dazu. Sie fiel sofort auf die Knie und wäre nach vorn gestürzt, hätte der Scriptor nicht mit seinen dürren Händen zugegriffen und sie aufgefangen. Aber er tat auch das nur, um sie so derb auf die Füße zu reißen, dass sie einen erneuten Schmerzenslaut ausstieß.

»Was tust du denn da, du dummer Tölpel?« Bernhard war mit zwei schnellen Schritten in der Zelle und versetzte dem Scriptor einen Fußtritt, der ihn gegen die Wand schleuderte, wo er keuchend in sich zusammensank und einen Moment benommen liegen blieb. »Unser Herr hat gesagt, wir sollen ihr nichts antun!«

Meister Bernhard griff ebenso rasch zu wie der Scriptor vor ihm, als Großmutter erneut zusammenzubrechen drohte, aber Leonie fiel auf, dass er trotz der Schnelligkeit seiner Bewegungen und seiner groben Worte erstaunlich behutsam zu Werke ging. Er ließ sie beinahe vorsichtig in seine ausgestreckten Arme fallen, beugte sich ein wenig vor und legte dann ihren rechten Arm über seine Schulter. Als er sich wieder aufrichtete, schlang er den anderen Arm um Großmutters Taille, um sie auf diese Weise zu stützen.

Der zweite Scriptor rappelte sich umständlich wieder in die Höhe, bedachte Bernhard mit einem hasserfüllten Blick und ließ seinen Zorn dann an Leonie aus, indem er ihr mit dem nackten Fuß kräftig vor das Schienbein trat. Es tat nicht einmal besonders weh, aber Leonie musste sich beherrschen, um den Knirps nicht zu packen und so lange zu schütteln, bis ihm die Frechheiten vergingen. Statt jedoch zu tun, wonach ihr zumute war, verzog sie ganz im Gegenteil die Lippen und tat so, als hätte ihr der Tritt deutlich mehr wehgetan, als es in Wahrheit der Fall war. Der Scriptor zeigte sich daraufhin zufrieden, krallte seine dürre Skeletthand in ihren Unterarm und zerrte sie brutal in Richtung Tür, während sein Kamerad ihr einen zusätzlichen und vollkommen überflüssigen Stoß in den Rücken versetzte. Leonie tat ihm den Gefallen, einen hastigen Stolperschritt zu machen, als hätte sie seine Attacke tatsächlich fast aus dem Gleichgewicht gebracht, und die beiden Quälgeister hörten damit auf, ihren Ärger an ihr auszulassen. Dicht hinter Bernhard und ihrer Großmutter verließ sie die Kerkerzelle.

Leonie hatte erwartet, draußen weitere Wachen vorzufinden; noch mehr Scriptoren, vielleicht auch einige Aufseher oder einen der schrecklichen Redigatoren, doch der Gang war vollkommen leer. Wie fast jeder Stollen, durch den sie bisher hier unten gekommen war, verlor er sich in weiter Entfernung in einem unheimlichen, grün leuchtenden Nebel, aber sie hörte ein ganzes Konzert der bizarrsten und zum Teil erschreckendsten Laute: Schreien, das Knirschen und Ächzen uralter, geheimnisvoller Maschinen, ein dumpfes Stampfen, manchmal etwas, das wie ein Peitschenschlag in ihren Ohren klang und zwei- oder dreimal auch von einem gellenden Schrei beantwortet wurde, und über all dem lag ein dumpfes, unendlich langsames und schweres Wummern, das an das Schlagen eines gewaltigen Herzens erinnerte.

All diese Laute vermengten sich zu etwas, das Leonie mit jedem Schritt mehr Angst einflößte. Ihr Herz begann zu pochen, und obwohl sie sich mit aller Kraft dagegen wehrte, dauerte es doch nur wenige Augenblicke, bis das an- und abschwellende Dröhnen, das die grässlichen Schreie und das Kreischen fast übertönte, auch ihr eigenes Herz in seinen Takt zwang. Es war eine Geräuschkulisse, als näherten sie sich dem tiefsten Pfuhl der Hölle, und dass sie nichts von alledem sah, was sie verursachte, machte es beinahe noch schlimmer.

»Wohin bringen Sie uns?«, fragte sie nach einer Weile. Dem Scriptor, der sie noch immer am Arm gepackt hielt, schien diese Frage nicht zu gefallen, denn er kniff sie kräftig mit seinen langen Fingernägeln und warf ihr einen zornsprühenden Blick zu, aber fast zu ihrer Überraschung antwortete Bernhard doch darauf.

»Unser Herr will euch sehen«, sagte er.

»Ihr Herr?«, wiederholte Leonie.

Bernhard deutete ein Achselzucken an und drehte den Kopf, um im Gehen zu ihr zurückzublicken. »Mein neuer Auftraggeber eben.«

»Sie haben keine Ahnung, mit wem Sie sich da eingelassen haben, habe ich Recht?«, fragte Leonie.

Abermals hob er im Gehen die Schultern. »Man muss sehen, wo man bleibt. Die Gastfreundschaft deines Vaters jedenfalls war nicht dazu angetan, in mir die Sehnsucht nach noch mehr davon wachzurufen.«

Leonie ersparte es sich, darauf zu antworten. Aber ihr fiel etwas auf, wovon sie im ersten Moment nicht einmal ganz sicher war, ob sie es wirklich sah oder nur zu sehen glaubte, weil sie es gern gehabt hätte: Bernhard ging deutlich langsamer, als nötig gewesen wäre, und Leonie bemerkte auch, wie angespannt sein rechter Arm war, mit dem er die schmale Taille ihrer Großmutter umfasst hielt. Wäre es nicht völlig absurd gewesen, dann hätte Leonie geschworen, dass er ganz unauffällig versuchte, ihre Großmutter mehr zu tragen als zu stützen und ihr das Gehen auf diese Weise so leicht wie möglich zu machen. Schließlich fragte sie: »Und was will Ihr neuer Auftraggeber von uns?«