Bernhard lachte hässlich. »Das wirst du schon noch früh genug herausfinden, Kleines«, sagte er böse. »Aber ich bin fast sicher, dass es dir nicht gefallen wird.«
Wahrscheinlich zum ersten Mal, seit Leonie diesen sonderbaren Schausteller kennen gelernt hatte, waren sie vollkommen einer Meinung. Sie ersparte es sich, irgendetwas darauf zu erwidern, das hätte Bernhard ohnehin nur Gelegenheit zu einer neuen gehässigen Bemerkung gegeben, sondern konzentrierte sich stattdessen darauf, den grünen Nebel am Ende des Stollens mit Blicken zu durchdringen. Es blieb jedoch bei dem Versuch. Ohne dass sie in der Lage gewesen wäre, den Unterschied irgendwie in Worte zu kleiden, war ihr doch klar, dass sich die unterirdische Welt des Labyrinths verändert hatte. Und auch wenn es schier unmöglich war, den Finger auf diese Veränderung zu legen, so gab es doch keinen Zweifel daran, dass sie nicht zum Guten war. Alles schien auf den ersten Blick auszusehen wie immer und doch wirkten die uralten, gemauerten Wände düsterer, die Türen gedrungener und abweisender. Selbst der Unterschied zwischen Licht und Schatten erschien ihr gewaltiger, als er eigentlich hätte sein dürfen, als hätte die Helligkeit in gleichem Maße an Kraft verloren, wie die Finsternis an Substanz gewonnen.
Der Weg war noch weit, aber doch nicht mehr so weit, wie sie befürchtet hatte. Leonie schätzte, dass sie vielleicht noch zwei- oder dreihundert Schritte zurücklegten, bis der blassgrüne Schein vor ihnen allmählich lichter wurde. Auch war es ihr, als wären sie nicht mehr allein in dem Gang; zwei- oder dreimal glaubte sie eine Bewegung vor sich zu erkennen und ebenso oft einen vagen Umriss, den sie nur aus den Augenwinkeln wahrzunehmen vermochte und der sofort verschwand, wenn sie versuchte ihn mit Blicken zu fixieren, und mindestens einmal war sie vollkommen sicher, eine große, schemenhafte Gestalt in einem schwarzen Kapuzenmantel zu erkennen, die inmitten des grünen Leuchtens stand, sich aber irgendwie auf dem schmalen Grat zwischen Helligkeit und Finsternis bewegte, als wäre sie nichts von beidem, sondern ein Geschöpf des Zwielichts.
Endlich aber hatten sie das Ende des Ganges erreicht, und vor ihnen lag die Tür zu einer der Leonie schon zur Genüge bekannten Galerien, die um den gewaltigen runden Kuppelsaal führten.
Es war das Scriptorium. Noch bevor Leonie ganz auf das schmale Felsband hinaus- und an das nur hüfthohe Geländer herantrat und einen Blick in die Tiefe werfen konnte, wusste sie, wo sie waren. Sie hatten nahezu den gleichen Weg genommen, den sie auch bei ihrem allerersten Besuch hier unten gewählt hatte, und unter ihr lag der gigantische Schreibsaal, in dem nun wieder Tausende und Abertausende hässlicher kleiner Scriptoren an ebenso vielen hölzernen Stehpulten damit beschäftigt waren, mit Federkielen in große, ledergebundene Bücher zu schreiben. Der klinisch saubere, von jedem Leben verlassene Computersaal, zu dem ihr Vater diesen Raum gemacht hatte, war ebenso verschwunden wie die moderne Einrichtung, die Glaswände und die verborgenen Wandregale voller Datenträger und CDs, die den Platz der handgeschriebenen Bücher eingenommen hatten.
Und doch hatte sich etwas geändert. Es war wie auf dem Weg hierher, nur ungleich stärker - Leonie konnte den Unterschied auch jetzt nicht greifen, aber er war zu deutlich, um ihn zu ignorieren oder sich auch nur einreden zu können, dass es ihn nicht gab. Alles wirkte... düsterer. Die Bewegungen der Scriptoren waren hektischer, härter, das Geräusch, mit dem ihre Schreibfedern über das alte Pergament kratzten, klang unangenehmer, wie das von Fingernägeln auf Schiefertafeln, alle Schatten wirkten tiefer, das Licht dunkler, als verbreite es außer Helligkeit auch noch etwas anderes, etwas Finsteres. Der größte Unterschied aber war: Bei ihrem ersten Besuch im Archiv hatte der Schreibsaal erschreckend auf sie gewirkt wegen seiner Fremdartigkeit und der unheimlichen und vor allem unverständlichen Dinge, die hier geschahen, jetzt aber lag etwas wie ein körperlich fühlbarer Atem der Furcht über dem gewaltigen Raum.
Kaum hatte sie diesen Gedanken gedacht, da sah sie die Gestalt wieder, die sie schon auf dem Weg hierher ein paarmal wahrzunehmen geglaubt hatte. Diesmal war es anders. Sie konnte sie ganz deutlich sehen, ein gutes Stück von ihnen entfernt, fast auf der anderen Seite des Saales, aber so klar zu erkennen, als sorge ein unheimlicher Zauber dafür, dass die Distanz zwischen ihnen keine Rolle mehr spielte. Der Archivar.
»Er beobachtet uns«, sagte Großmutter. Sie hatte die unheimliche Gestalt im gleichen Moment entdeckt wie Leonie.
»Aber warum?«
»Weil er deine Furcht spürt«, antwortete Großmutter. »Du darfst ihm diesen Triumph nicht gönnen, Leonie. Er spürt deine Angst und zieht Kraft daraus. Und das ist auch der Grund, warum er uns all dies zeigt. Er will, dass du siehst, wie gewaltig sein Sieg ist.«
Leonie blickte die unheimliche Gestalt auf der anderen Seite der Galerie traurig an. Sie wusste, dass ihre Großmutter Recht hatte, aber zugleich irrte sie sich auch. So unglaublich es ihr auch selbst erschien: Sie suchte vergeblich nach Angst in sich. Sie war niedergeschlagen und mutlos und hatte jede Hoffnung verloren, doch vielleicht hatte sie genau deshalb keine Angst mehr.
»Sie sollten jetzt lieber die Klappe halten, Oma«, bemerkte Bernhard. »Ich habe das Gefühl, dass er Sie hört und nicht besonders erbaut über Ihre Worte ist. Ich an Ihrer Stelle würde ihn nicht reizen.«
»Wohin bringen Sie uns?«, fragte Leonie zum wiederholten Mal. Sie hatte nicht ernsthaft mit einer Antwort gerechnet, aber Bernhard deutete mit einer Kopfbewegung zu einer der zahlreichen Treppen, die von der Galerie hinunter in das eigentliche Scriptorium führten.
»Spar dir deinen Atem, Kleine«, sagte er. »Der Weg ist noch ziemlich weit.«
Auch das war Leonie nicht neu. Sie war diesen Weg ja schon einmal gegangen und wusste, dass ihre Kräfte beinahe nicht gereicht hätten, die gewaltige Halle zu durchschreiten und das finstere Tor an ihrem anderen Ende zu erreichen. Sie wusste aber auch, dass sie sich jede entsprechende Bemerkung Bernhard gegenüber sparen konnte, aber der dunkelhaarige Gaukler überraschte sie ein weiteres Mal.
Sie erreichten die Treppe und Bernhard hatte kaum die erste Stufe genommen, als Leonies Großmutter ins Stolpern kam und ihn um ein Haar mit sich in die Tiefe gerissen hätte. Meister Bernhard fluchte, drehte sich aber mit einer überraschend schnellen und geschickten Bewegung zur Seite und fing den drohenden Sturz ab, indem er sich mit Rücken und Hinterkopf gegen die Wand sinken ließ. Praktisch in der gleichen Bewegung löste er die Hand von Großmutters Arm, der noch immer über seinen Schultern lag, schob den freien Arm unter ihre Kniekehlen und trug sie nun, scheinbar ohne die geringste Mühe, auf beiden Armen die Treppe hinab. Unten angekommen stellte er sie zwar wieder auf die Füße, hob sie aber sofort wieder hoch, als sie erneut zusammenzubrechen drohte. Ohne auch nur einen Blick zu Leonie und ihren beiden hässlichen Bewachern zurückzuwerfen, wandte er sich um und marschierte in scharfem Tempo weiter in die Halle hinein.
»Sie können mich jetzt wieder herunterlassen«, sagte Großmutter, nachdem er das erste Dutzend Schritte zurückgelegt hatte.
»Das werde ich bestimmt nicht tun«, knurrte Bernhard. »Ich möchte in diesem Leben noch auf der anderen Seite ankommen. Außerdem soll ich Sie lebendig abliefern. Ich habe keine Lust, nur deshalb Ärger zu bekommen, weil Sie mir unterwegs schlapp gemacht haben.«
Leonie war noch verwirrter. Meister Bernhards Worte mochten im ersten Moment einleuchtend klingen, denn Leonie hatte die ganze Zeit über bezweifelt, dass ihre Großmutter in der Verfassung war, den weiten Weg durch das Scriptorium und vielleicht noch die endlose Treppe auf der anderen Seite hinab durchzustehen, aber Tatsache war, dass er sich bisher schon alle Mühe gegeben hatte, ihr das Gehen so leicht wie möglich zu machen, und sie nun auf den Armen trug; und das, obwohl er sich bislang keineswegs als feinfühlig oder rücksichtsvoll hervorgetan hatte.