Der Archivar ging noch einige Schritte weiter, drehte sich dann langsam herum und sah ebenso spöttisch wie mitleidlos zu ihnen zurück, während Leonie sich mit einem raschen Blick davon überzeugte, dass ihrer Großmutter auch tatsächlich nichts passiert war, bevor sie sie behutsam wieder auf die Füße stellte. Erneut wollte Bernhard die alte Frau einfach auf die Arme nehmen, um sie wie ein Kind zu tragen, und wieder lehnte sie seine Hilfe mit einem schwachen, aber entschiedenen Kopfschütteln ab, ließ es aber immerhin zu, dass er ihren linken Arm um seine Schultern legte und seinerseits mit dem rechten Arm ihre Hüfte umschlang, um sie auf diese Weise zu stützen.
»Danke«, sagte Leonie leise. Bernhard sah sie auf eine seltsam schuldbewusste Art an und Leonie fügte flüsternd und mit einem raschen Blick in Richtung des Archivars hinzu: »Weißt du eigentlich, mit wem du dich da eingelassen hast?«
Sie las die Antwort in Bernhards Augen; ebenso wie den Umstand, dass er es nicht wagte, sie laut auszusprechen.
»Wie geht es deiner Familie?«, fragte sie, als sie weitergingen, laut und im Grunde mehr an den Archivar gewandt als an Bernhard. Zugleich wurde ihr klar, wie albern der Versuch war, dieses Geschöpf zu täuschen. Der Archivar war nicht darauf angewiesen, gesprochene Worte zu verstehen, sondern las ihre Gedanken so mühelos, wie Leonie in einem Buch gelesen hätte.
Dennoch antwortete Bernhard. »Sie sind tot«, sagte er hart. »Außer mir und Maus hat niemand die Gastfreundschaft Eures Vaters überlebt, ehrwürdiges Fräulein.«
Leonie fuhr unter den Worten zusammen wie unter einem Hieb. Hinter Bernhards zornigem Ton verbarg sich ein Schmerz, den auch sie selbst wie einen tiefen Stich in die Brust fühlte. »Das tut mir Leid«, sagte sie, und das war ehrlich gemeint.
»Ja«, versetzte Bernhard bitter. »Mir auch.«
Sie legten den Rest des Weges schweigend zurück. Leonies Herz begann stärker zu klopfen, als sie sich dem Ende des gewölbten Tunnels näherten. Obwohl sich hier alles auf schreckliche Weise verändert hatte, glaubte sie ihre Umgebung nun doch wiederzuerkennen. Die Erinnerung war nicht deutlich genug um sie zu greifen, aber es handelte sich auf keinen Fall um eine gute Erinnerung. Da war etwas mit den niedrigen Eisentüren, an denen sie vorbeikamen, etwas das... Der Archivar blieb mitten im Schritt stehen und drehte sich zu ihr um. Für einen winzigen Moment schien sein Gesicht zu flackern, als versuche unter den vertrauten Zügen Theresas etwas anderes Gestalt anzunehmen, etwas Düsteres, dann hatte er sich wieder in der Gewalt und bedeutete Bernhard und ihr mit einer herrischen Geste, schneller zu gehen. Hätte Leonie nicht gewusst, dass nichts dazu in der Lage war, sie wäre überzeugt gewesen, gerade mit angesehen zu haben, wie irgendetwas das Geschöpf zutiefst erschreckt hatte. Aber natürlich war das nichts als reines Wunschdenken.
Aus Leonies böser Vorahnung wurde Gewissheit, als sie auf die schmale Galerie am Ende des Ganges hinaustraten. Unter ihnen lag der Leimtopf.
Allerdings erkannte Leonie ihn kaum wieder. Der gewaltige Raum war voller Bewegung. Leonie erblickte auf Anhieb Hunderte von Aufsehern, Arbeitern und Scriptoren, dazu buchstäblich Tausende von Schusterjungen und auch etliche der schrecklichen Redigatoren, die scheinbar ziel- und sinnlos durcheinander hasteten.
Aber es waren nicht nur die Geschöpfe des Archivars, die den riesigen runden Raum füllten. Zwischen ihnen erkannte Leonie lange Schlangen menschlicher Gestalten in weiß-rot gestreiften Hemden und ledernen Kniehosen, die von Aufsehern mit derben Stößen und Peitschenknallen vorwärts gezwungen wurden, bis sie...
Leonies Herz machte einen erschrockenen Satz und schien weit oben in ihrem Hals weiterzuklopfen, als sie die offen stehende, rechteckige Klappe entdeckte, auf die die Männer zugetrieben wurden. Sie kannte diesen Ort. Seit sie das letzte Mal hier gewesen war, hatte er sich verändert: Das grässliche Sprungbrett war nicht mehr da, und neben der offen stehenden Klappe standen nun mehr und deutlich schwerer bewaffnete Aufseher, die mit den Händen an ihren Waffen und Argusaugen darüber wachten, dass niemand aus der langsam vorrückenden Reihe ausbrach, aber der brodelnde grüne Sumpf unter der Klappe im Metallgitterboden, aus dem klebriger Dampf und dann und wann eine träge schillernde Blase aufstiegen, die an der Oberfläche mit einem dumpfen Geräusch platzte, war derselbe geblieben.
Einer nach dem anderen wurden die bisher so unbesiegbaren Krieger der Stadtgarde auf den Rand der offen stehenden Klappe zugetrieben. Und Leonies Herz begann in purem Entsetzen zu hämmern, als sie dabei zusah, wie die Männer kurz darauf in die blubbernde grüne Masse gestoßen wurden, in der sie lautlos versanken.
»Aber... aber das kannst du doch nicht machen«, krächzte sie. »All diese Menschen! Du kannst sie doch nicht... nicht einfach umbringen!«
Der Archivar drehte sich langsam in ihre Richtung. Und ein kaltes, durch und durch mitleidloses Lächeln erschien auf dem wunderschönen Frauengesicht, hinter dem sich das wahre Antlitz des Ungeheuers verbarg, und zugleich schien in seinen Augen etwas wie ein wilder Triumph aufzulodern.
»Du darfst nicht glauben, was du siehst«, sagte Großmutter ruhig. Ihre Stimme war leise, kaum mehr als ein Flüstern, und zitterte vor Schwäche - und doch war sie zugleich von einer solchen Kraft und Stärke erfüllt, dass der Archivar für einen Moment den Kopf wandte und sie unsicher ansah.
Aber wirklich nur für einen Moment. Dann wandte er sich wieder ganz zu Leonie um, und abermals flammte in seinen Augen dieser schreckliche Ausdruck auf, der Leonie das Gefühl gab, irgendetwas würde aus ihr herausgerissen.
»Warum tust du das?«
Es war ihre Großmutter, die antwortete, nicht Theresa. »Um dich zu quälen«, sagte sie leise. »Du darfst ihn deinen Schmerz nicht spüren lassen. Er macht ihn nur stärker.«
Leonie starrte ihre Großmutter fast entsetzt an. »Nicht spüren lassen?«, wiederholte sie ungläubig. »Aber das sind...«
»Menschen?«, unterbrach sie ihre Großmutter. Sie schüttelte traurig den Kopf. »Hast du denn alles vergessen, was ich dir gesagt habe?«, fragte sie. »Nichts hier ist das, wonach es aussieht. Keiner von diesen Männern hat jemals wirklich gelebt. So wenig wie Sie, mein Freund.«
Der letzte Satz hatte Meister Bernhard gegolten, der sie aus großen Augen anstarrte. Er sagte nichts, aber aus seinem Gesicht wich nun auch noch das allerletzte bisschen Farbe, und Leonie konnte regelrecht sehen, wie es hinter seiner Stirn zu arbeiten begann.
»Das ist genug!«, sagte der Archivar scharf. Er machte einen Schritt, der ihn genau zwischen Leonie und ihre Großmutter brachte, sodass er den Blickkontakt zwischen ihnen unterbrach.
Irgendetwas schien mit ihm nicht zu stimmen, dachte Leonie. Theresas Gesicht... verlor irgendwie an Glaubwürdigkeit. Es war ihr nicht möglich, einen anderen Ausdruck dafür zu finden. Nichts an Theresas vertrauten Zügen schien sich wirklich zu verändern, und doch spürte sie mit jedem Atemzug mehr, dass sie nichts weiter als einem raffinierten Trugbild gegenüberstand. Hatte sie den schwachen Punkt des Archivars gefunden? Vielleicht war dieses scheinbar so allmächtige Geschöpf doch nicht so unüberwindlich...
Mühsam riss sie ihren Blick von den grausamen Augen der Kreatur los und zwang sich, noch einmal in die Halle hinabzusehen. Der Anblick hatte nichts von seiner Schrecklichkeit verloren. Wahrscheinlich hatte ihre Großmutter Recht, dachte Leonie. Nichts von alledem, was sie zu sehen glaubte, war real. Sie sah nur das, was ihr ihre menschlichen Sinne zu sehen vorgaukelten, weil das, was dieser unbegreifliche Ort wirklich war, einfach zu fremd und erschreckend gewesen wäre, um den Anblick zu ertragen.
Aber dieses Wissen nutzte ihr nichts.
Damals als Theresa ihr erklärt hatte, dass die Schusterjungen und Arbeiter nicht real waren, da hatte ihr dieses Wissen durchaus geholfen, die lebensverachtende Grausamkeit zu ertragen, mit der die Aufseher mit ihren kleineren Brüdern umsprangen. Nun aber sah sie Menschen, die wie wehrlose Opferlämmer zur Schlachtbank geführt wurden, und dieser Anblick war beinahe mehr, als sie ertragen konnte.