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»Sie... sie sehen so echt aus«, murmelte sie.

»Aber sie sind es nicht«, erklärte Großmutter. »Kind, glaubst du denn tatsächlich, dass dein Vater mit dem Leben wirklicher Menschen spielen würde wie mit Schachfiguren?«

Leonie hätte diese Frage nicht einmal beantworten können, wenn sie es gewollt hätte. Die Wahrheit war: Sie wusste es nicht. Sie war nicht mehr sicher, ob sie den Mann, zu dem ihr Vater geworden war, wirklich noch kannte.

»Und wo ist der Unterschied?«, fragte Theresa gehässig. Großmutter wollte etwas sagen, aber Theresa schnitt ihr mit einer herrischen Geste das Wort ab. »Wo ist der Unterschied?«, fragte sie noch einmal. Sie deutete auf Bernhard. »Sieh dir diesen Dummkopf an. Hat er existiert, bevor ich ihn erschaffen habe?« Sie beantwortete ihre eigene Frage kurzerhand mit einem heftigen Kopfschütteln selbst. »Nein. Mit ihm verhält es sich wie mit den...«, sie betonte das von einem leisen Lachen begleitete Wort auf sonderbare Weise, »... Kriegern deines Vaters. Es hat ihn nicht gegeben. Nicht bevor ich entschieden habe, dass er zu existieren hat.«

»Aber das... das... das ist... das ist doch blanker Unsinn«, stieß Meister Bernhard hervor. »Ich bin...«

Theresa brachte ihn mit einem verächtlichen Blick zum Verstummen. »Oh, du glaubst, es wäre nicht wahr?«, fragte sie höhnisch. »Du glaubst, du wärst ein richtiger, lebender Mensch mit einer Vergangenheit und einer Zukunft?« Sie lachte böse, schnippte mit den Fingern und wie aus dem Nichts erschien ein Scriptor zwischen ihr und Leonie. Er sah ein bisschen verdattert aus, fand Leonie, aber er kam nicht dazu, irgendetwas zu sagen, denn Theresa fuhr mit einer spöttischen Geste in seine Richtung fort: »Ich habe dich erschaffen, genauso wie ich ihn erschaffen habe. Du solltest das niemals vergessen. Denn wenn mir danach ist...«, sie streckte den Arm aus, ergriff den total verblüfften Scriptor am Schlafittchen und schleuderte ihn mit einer fast beiläufigen Geste über die Brüstung, »... kann ich dich genauso mühelos wieder vernichten.«

Meister Bernhard starrte eine Sekunde lang aus hervorquellenden Augen in die Richtung, in die der kreischende Gnom verschwunden war. Dann wandte er sich langsam und unendlich mühevoll zu Theresa um. »Aber... aber ich erinnere mich doch«, stammelte er. Seine Stimme zitterte, so als könne er nur noch mit Mühe die Tränen zurückhalten. »Ich weiß doch alles! Mein... mein ganzes Leben. Jeder einzelne Tag! Meine Jugend. Meine Eltern und...«

»Das alles habe ich dir gegeben«, unterbrach ihn Theresa. »Ich weiß, dass du dich erinnerst, denn ich habe diese Erinnerungen erschaffen. Du erinnerst dich an den Tag, an dem du deinen ersten Diebstahl begangen hast. An deinen Vater, von dem du mehr Schläge als Essen bekommen hast, und deine Mutter, die keine Gelegenheit ausgelassen hat, dir zu sagen, dass sie dich nicht wollte und du die Schuld an ihrem erbärmlichen Leben trägst.«

Bernhard starrte sie an. Er stand wie gelähmt da.

»O ja, und all die anderen schlimmen Dinge, die dir widerfahren sind«, fuhr Theresa höhnisch fort. »Du hattest eine so schreckliche Jugend, dass aus dir gar nichts anderes werden konnte als ein verbitterter, böser Mensch. Das ist bedauerlich.« Sie zuckte betont beiläufig mit den Achseln. »Aber es war notwendig. Schließlich brauchte ich einen durch und durch bösen und skrupellosen Menschen für meine Zwecke.«

»Aber das... das kann doch nicht sein!«, stotterte Bernhard. Er zitterte am ganzen Leib.

»Aber warum denn nicht?«, kicherte Theresa. »Es war ganz leicht, weißt du?«

»Hör auf.«, schrie Leonie. Der Anblick des zitternden, leichenblassen Mannes brach ihr fast das Herz.

»Aber warum denn?«, erkundigte sich Theresa. »Er tut dir doch nicht etwa Leid, oder? Nach allem, was er dir angetan hat?« Das hämische Grinsen verschwand so plötzlich von ihrem Gesicht, wie es erschienen war, und machte einer womöglich noch schlimmeren Kälte Platz, vielleicht der einzig wahre Ausdruck, zu dem das Geschöpf fähig war, das in der Maske einer harmlosen jungen Frau vor Leonie stand.

»Nun, wenn das so ist, dann sag mir, weshalb sie dir nicht Leid tun?« Sie deutete auf die nicht enden wollende Kette weiß-rot gekleideter Gestalten, die unter ihnen entlangzog. »Ein jeder von ihnen hat die Erinnerungen an ein ganzes Leben voller Leid und Glück, voller Freude und Schmerz. Es ist nicht damit getan, sich einen Körper vorzustellen. Und es ist leichter, Leben zu erschaffen als die Verantwortung dafür zu übernehmen.«

»Hör ihm nicht zu, Leonie!«, rief Großmutter. »Er will dich nur quälen. Dein Schmerz ist sein Lebenselixier. Glaub ihm nicht! Benutze die Gabe! Du kannst die Dinge so sehen, wie sie wirklich sind!«

Wieder... flackerte Theresas Gesicht auf diese unheimliche, mit Worten kaum zu beschreibende Art, als versuchte etwas durch und durch Unmenschliches, Böses darunter Gestalt anzunehmen. Einen Moment lang schien es Leonie, als gewänne die vorgetäuschte Realität noch einmal die Oberhand, dann zerfloss das schmale Frauengesicht endgültig und die düstere Erscheinung des Archivars stand wieder vor ihnen.

Ich verstehe, wisperte seine unheimliche Stimme hinter Leonies Stirn. Ihr besteht also auf den Anblick wirklicher Menschen? Ganz wie ihr wollt. Mit einem Ruck fuhr er herum und gab ihnen mit einer herrischen Geste zu verstehen, dass sie ihm folgen sollten.

Im ersten Moment wollte Leonie sich seinem Befehl widersetzen, denn keine Strafe des Archivars konnte so schlimm sein wie das, was sie dort unten erwarten musste. Aber dann wurde ihr klar, dass dieser kindische Trotz den Triumph des Archivars nur noch vergrößern würde, und sie setzte sich mit einem Ruck in Bewegung und folgte ihrer Großmutter und Meister Bernhard, die das Ende der Galerie schon fast erreicht hatten. Sie betraten eine der Leonie wohl bekannten, in steilem Winkel nach unten führenden Treppen. Die schmalen Stufen, die schon Leonie Probleme bereiteten, erwiesen sich für ihre Großmutter als nahezu unüberwindliches Hindernis, sodass sie dieses Mal keine Einwände erhob, als Bernhard ihr helfen wollte.

Auch wenn es sich auf der schmalen Treppe als sehr schwierig erwies, bemühte sich Leonie, mit den beiden Schritt zu halten und möglichst sogar neben Bernhard herzugehen, nur für den Fall, dass ihn die Kräfte verlassen sollten. Doch obwohl er sehr langsam ging und manchmal sogar vor Schwäche zu wanken schien, war seinem Gesicht nicht die geringste Spur von Erschöpfung anzusehen - allerdings auch kein anderes Gefühl. Sein Gesicht war leer und seine Augen schienen in eine weit entfernte Unendlichkeit zu blicken, die von einem namenlosen Schrecken erfüllt war.

Erst nachdem Bernhard unten angekommen war, stieß er einen erschöpften Laut aus, blieb stehen und wankte einen Moment lang so stark, dass Leonie ernsthaft befürchtete, dass nun er es war, der gestützt werden musste. Sie wollte tatsächlich die Hand ausstrecken, aber Bernhard schüttelte müde den Kopf und lehnte sich kurz gegen die Mauer, um neue Kräfte zu schöpfen. Sie standen auf einem schmalen Streifen des Metallgitterbodens, unter dem der kochende grüne Leim brodelte. Die Hitze, die davon aufstieg, war nahezu unerträglich und trieb Leonie nicht nur den Schweiß auf die Stirn, sondern ließ auch jeden Atemzug zu einer Qual werden.

»Geht es noch?«, fragte sie mitfühlend. Ganz gleich, was dieser Mann ihr auch angetan haben mochte - alles, was sie in diesem Augenblick für ihn empfand, war Mitleid. Der Archivar hatte Recht, dachte sie niedergeschlagen. Es spielte keine Rolle, woher ein Mensch kam. Was ihn ausmachte, das war nicht seine Herkunft, sondern das Leben, das er gelebt hatte.