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Leonies Vater fuhr mit einer wütenden Bewegung herum. »Jetzt habe ich aber allmählich genug von dieser verdammten Geheimniskrämerei!«, zischte er. Bevor Leonie überhaupt begriff, was er vorhatte, packte er Fröhlich bei den Revers seines altmodischen Anzuges und riss ihn so grob zu sich herum, dass der zwei Köpfe kleinere Mann für einen Moment den Boden unter den Füßen verlor.

»Sie werden mir jetzt auf der Stelle sagen, was hier los ist, oder ich werde wirklich ungemütlich!«, brüllte er. »Reden Sie!«

»Ich glaube, das fällt ihm leichter, wenn du ihn zwischendurch Luft holen lässt«, schlug Leonie vor.

Ihr Vater spießte sie nur so mit Blicken auf, und Leonie hätte sich nicht gewundert, wäre sie nun an der Reihe gewesen, Zielscheibe seines Zornes zu sein, aber dann ließ er Fröhlich widerstrebend los und trat einen halben Schritt zurück.

»Also«, sagte er. »Ich höre.«

»Ich kann Ihnen auch nicht mehr sagen, als Sie ohnehin schon wissen«, antwortete Fröhlich. »Jedenfalls nicht viel. Ich war immer nur der Rechtsberater Ihrer Schwiegermutter und vielleicht auch ein wenig ihr Freund, aber sie hat mich nie wirklich in ihre Geheimnisse eingeweiht, fürchte ich.«

»Ich warne Sie!« Vaters Stimme zitterte und in seinen Augen war plötzlich ein Ausdruck, den Leonie noch nie darin gesehen hatte. Ihr Vater war alles andere als ein gewalttätiger Mensch, aber in diesem Moment hätte sie sich nicht einmal mehr gewundert, wenn er den wehrlosen alten Mann geschlagen hätte. »Ich verliere langsam die Geduld. Was ist hinter dieser Mauer?«

»Nichts«, antwortete Fröhlich. »Jedenfalls, soweit es Ihre Person betrifft...«, er wandte sich zu Leonie um, »... und zumindest für eine gewisse Weile auch dich, Leonida.«

»Was meinen Sie damit?«, fragte Leonie.

»Diese Tür öffnet sich nur für die legitime Erbin«, erklärte Fröhlich. »Im Augenblick ist das wohl deine Mutter, fürchte ich. Doch sie ist in großer Gefahr.«

»Das sind Sie auch, falls Sie es noch nicht gemerkt haben«, grollte Vater. »Jedenfalls, wenn Sie mir nicht sofort sagen, wie ich dort hineinkomme.«

»Gar nicht«, antwortete Fröhlich mit einem bedauernden Kopfschütteln.

»Also gut«, sagte Leonies Vater. »Sie wollen nicht. Darüber reden wir später. Und glauben Sie mir, Sie werden sich noch wünschen, mir geantwortet zu haben. Leonie, pass auf, dass er nicht wegläuft!«

»Aber wie soll ich das denn...?«, begann Leonie, doch ihr Vater stürmte bereits an ihr vorbei und rannte die Treppe hinauf, wobei er immer gleich drei Stufen auf einmal nahm.

»Wo willst du hin?«, rief sie ihm nach.

»In die Garage«, antwortete Vater. »Hammer und Meißel holen.« Die Tür fiel hinter ihm ins Schloss und Leonie blieb hilflos zurück und drehte sich wieder zu Fröhlich um. Was um alles in der Welt hatte ihr Vater gemeint? Sollte sie Fröhlich vielleicht mit Gewalt hier festhalten?

Zu ihrer Erleichterung schien der fast kahlköpfige Notar jedoch überhaupt nicht an Flucht zu denken. »Das wird ihm nichts nützen, fürchte ich«, sagte er traurig. »Er versteht nicht.«

»Ich auch nicht«, gestand Leonie. »Ich meine: Woher wollen wir denn wissen, ob sie überhaupt durch diese Tür gegangen ist? Sie kann doch irgendwo im Haus sein.«

»Du weißt, dass das nicht stimmt«, erwiderte Fröhlich leise.

Leonie antwortete nicht mehr. Fröhlich hatte Recht. Sie hatte die ganze Zeit über gespürt, dass ihre Mutter auf der anderen Seite dieser Wand war. Sie hatte nie vorgehabt, irgendetwas anderes zu tun. Das hatte sie schon vorhin oben in der Küche gemerkt. Noch vor ein paar Stunden wäre ein solches Benehmen bei ihrer Mutter einfach unvorstellbar gewesen, aber plötzlich begriff Leonie, wie sehr sich nicht nur ihr Leben, sondern auch ihre Eltern innerhalb der letzten vierundzwanzig Stunden verändert hatten. Seit sie am vergangenen Morgen aufgewacht war, schien nichts mehr so zu sein, wie es sein sollte.

»Und was... will sie dort auf der anderen Seite?«, fragte Leonie stockend.

»Ich furchte, dass sie im Begriff ist, etwas sehr Dummes zu tun«, erklärte Fröhlich leise.

»So wie Großmutter?«

Fröhlich blickte fragend und Leonie erinnerte ihn: »Ich habe Sie und Großmutter gestern belauscht.«

»Ach ja, ich vergaß«, sagte Fröhlich. »Ja, du hast Recht. So wie deine Großmutter. Die schrecklichsten Fehler begehen Menschen fast immer in guter Absicht. Ist dir das schon einmal aufgefallen?«

»Nein«, entgegnete Leonie.

»Es ist aber so«, beharrte Fröhlich. »Deine Großmutter war vielleicht der sanftmütigste Mensch, den ich jemals kennen lernen durfte, und sicherlich die zuverlässigste Hüterin, die es jemals gegeben hat. Und doch hat sie den schlimmsten Fehler gemacht, den eine Erbin der Gabe nur machen kann. Sie hat ihre Macht missbraucht, um ihr persönliches Schicksal zu beeinflussen.«

»Aha«, sagte Leonie. »Und was genau bedeutet das?«

Noch während sie die Frage stellte, wusste sie, dass Fröhlich sie ihr höchstens ausweichend beantworten würde. Er kam jedoch erst gar nicht in die Verlegenheit, denn in diesem Moment polterte ihr Vater die Treppe wieder herunter, beladen mit Hammer, Meißel und noch einer ganzen Menge anderer Werkzeuge, die er in rekordverdächtiger Zeit aus der Garage geholt hatte. Unsanft scheuchte er Fröhlich zur Seite, setzte den Meißel an und begann, die Ziegelsteinmauer mit wuchtigen Schlägen zu bearbeiten, unter denen das ganze Haus zu erbeben schien. Binnen weniger Minuten hatte er den ersten der mürben Ziegelsteine buchstäblich zertrümmert und benutzte den Meißel, um die roten Krümel aus dem Loch herauszufegen. Dahinter kam jedoch nichts anderes als schwarzes Erdreich zutage.

Vater schüttelte enttäuscht den Kopf, trat einen Schritt zur Seite und setzte den Meißel an einem anderen Ziegelstein an, aber mit dem gleichen Ergebnis. Es folgte ein weiterer und noch einer und noch einer, bis er schließlich so erschöpft war, dass er Hammer und Meißel fallen ließ und keuchend nach vorne sank, um die Hände auf den Oberschenkeln abzustützen. Er hatte fast ein Dutzend Löcher in die Wand geschlagen, ohne dahinter mehr als Erdreich und Kiesel zutage zu fördern.

»Ich brauche... nur eine kleine Pause«, keuchte er. »Ein paar Minuten, dann mache ich weiter.«

»Und wenn Sie die ganze Wand niederreißen, es würde nichts nutzen«, behauptete Fröhlich.

»Das werde ich auch tun, wenn es sein muss«, antwortete Leonies Vater. »Verlassen Sie sich darauf.«

»Sie werden nichts finden, außer Erdreich und Felsen«, beharrte Fröhlich.

»Dann rufen wir eben die Polizei«, erwiderte Vater heftig.

»Um ihr was zu sagen?«, fragte Fröhlich. »Dass Ihre Frau durch eine Tür verschwunden ist, die nur sie allein sehen kann und die in einen Gang führt, der nur für sie existiert?« Er schüttelte den Kopf. »Ich bitte Sie!«

»Dann sagen Sie mir endlich, was hier los ist!« Vater richtete sich mit einem Ruck auf. »Es muss ein Trick dabei sein. Irgendein verborgener Mechanismus, eine Geheimtür, ein Spiegel - was weiß ich!«

»Nichts dergleichen.« Fröhlich seufzte tief, dann trat er einen Schritt zurück, zog eine altmodische Taschenuhr hervor und klappte den Deckel auf. »Ich fürchte, es gibt hier nichts mehr, was ich für Sie beide tun kann - und meine Zeit ist beschränkt. Ich werde wohl allmählich...«

»Sie werden gar nichts«, unterbrach ihn Vater. »Ich lasse Sie hier nicht weg, bevor meine Frau nicht wieder zurück ist!«

»Bitte seien Sie doch vernünftig«, drängte Fröhlich. »Es gibt nichts, was wir tun könnten. Nur warten.«

Vater reckte kampflustig die Schultern, trat auf Fröhlich zu und packte ihn erneut am Kragen - genauer gesagt, er wollte es. Doch dann geschah etwas Sonderbares: Er blieb plötzlich wie mitten in der Bewegung erfroren stehen, mit ausgestrecktem Arm und den Blick starr auf Fröhlichs Gesicht gerichtet, und im selben Moment schienen aller Mut und alle Entschlossenheit aus ihm zu weichen. Es dauerte nur ein paar Sekunden, doch schließlich ließ er den Arm wieder sinken, wich zwei Schritte zurück und fuhr mit einem Ruck herum.