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»Ach gehen Sie doch zum Teufel!«, schnappte er. »Verschwinden Sie und lassen Sie sich nie wieder hier blicken!«

Fröhlich wirkte ein bisschen verletzt, aber er antwortete nicht, sondern warf nur noch einmal einen Blick auf das Zifferblatt seiner aufgeklappten Taschenuhr, ehe er sich ohne ein weiteres Wort umwandte und ging.

»Wieso hast du ihn gehen lassen?«, fragte Leonie verwundert. Noch vor einer Minute hatte sie den Eindruck gehabt, dass ihr Vater Fröhlich eher die Beine brechen würde als zuzulassen, dass er den Keller verließ.

»Warum auch nicht?«, antwortete Vater wütend. »Dieser alte Spinner redet doch sowieso nur Unsinn. Er hätte uns ganz bestimmt nicht weitergeholfen, sondern nur aufgehalten.«

»Und was machen wir jetzt?«, fragte Leonie.

Vater atmete hörbar ein und bückte sich, um sein Werkzeug aufzuheben, bevor er antwortete: »Ich mache weiter, was hast du denn gedacht? Und wenn ich diese ganze verdammte Wand niederreißen muss.«

Und wie es aussah, hatte er auch genau das vor. Obwohl Leonie tief in sich davon überzeugt war, dass Fröhlich Recht hatte, half sie ihrem Vater nach Kräften. Sie brauchten gut anderthalb Stunden, um die gesamte Ziegelsteinmauer abzutragen; die Steine waren so alt, dass sie zum Teil schon unter dem ersten herzhaften Hammerschlag zersplitterten, und auch der Mörtel bestand zum größten Teil nur noch aus grauem Staub, der fast unter seinem eigenen Gewicht zerbröselte. Als sie fertig waren, standen sie knietief in Schutt und herausgebrochenen Ziegelsteinen, und die Luft war so voller Schmutz und Staub, dass sie kaum noch atmen konnten, aber all ihre Mühe schien vergebens gewesen zu sein. Es war genau so, wie Fröhlich behauptet hatte: Hinter der Ziegelsteinmauer befand sich nichts als Erdreich, Steine und ein paar Wurzeln, die ihren Weg von der Erdoberfläche bis hierher gefunden hatten.

»Und wenn er Recht gehabt hat?«, fragte Leonie. Sie hustete unterdrückt und fuhr sich mit dem Unterarm über die Stirn, um den Schweiß wegzuwischen, der ihr in die Augen laufen wollte.

»Unsinn!«, antwortete ihr Vater. Sein Blick tastete unstet über die freigelegte Wand aus Erdreich und Kieseln. »Da muss einfach ein Durchgang sein. Es ist irgendein Trick dabei, ganz sicher. Vielleicht ist es die falsche Wand. Möglicherweise ist es ein simpler Spiegeltrick und sie ist gar nicht hier verschwunden.«

Leonie schloss mit einem lautlosen Seufzer die Augen. Ihr Vater wusste natürlich, dass das Unsinn war, aber er schien auch fast verrückt vor Angst um seine Frau zu sein. Leonie traute ihm in seinem momentanen Zustand durchaus zu, so lange Wand um Wand niederzureißen, bis ihnen die Decke auf den Kopf fiel.

»Das hat doch keinen Sinn«, murmelte sie niedergeschlagen.

»Und was soll ich deiner Meinung nach tun?« Ihr Vater fuhr sie regelrecht an. »Hier stehen und auf... irgendein Wunder warten? Oder vielleicht einen Voodoo-Zauber aufführen?«

Leonie nahm ihrem Vater diese für ihn unübliche Entgleisung nicht übel, denn sie teilte seine Sorge um Mutter; auch sie war halb wahnsinnig vor Angst, nur dass diese Angst nicht allein von dem Verschwinden ihrer Mutter herrührte, sondern auch - und vielleicht sogar vor allem - von dem, was Fröhlich gesagt hatte. Ihr Vater mochte den greisen Notar für verrückt halten, aber Leonie hatte das ungute Gefühl, dass er alles andere als das war.

»Ich mache weiter«, sagte Vater bestimmt. »Irgendwo muss hier ein versteckter Eingang sein.« Er ließ Hammer und Meißel liegen und griff stattdessen nach der Spitzhacke, die er mitgebracht hatte, um sie kraftvoll zu schwingen.

Als das Werkzeug herabsauste, erschien Leonies Mutter unmittelbar vor der Wand. Die Spitzhacke sauste direkt auf ihr Gesicht zu. Ihr Vater schrie auf, riss das Werkzeug mit einer gewaltigen Kraftanstrengung herum und die Spitzhacke verschwand mit einem dumpfen Laut nahezu zur Gänze im weichen Erdreich, keine fünf Zentimeter vom Gesicht seiner Frau entfernt. Leonies Mutter machte noch einen einzelnen torkelnden Schritt, brach zusammen und wäre gestürzt, wäre Leonie nicht geistesgegenwärtig hinzugesprungen, um sie aufzufangen. Auf dem unsicheren Boden drohte sie ebenfalls den Halt zu verlieren, doch in diesem Moment kam ihr ihr Vater zu Hilfe.

»Anna! Um Gottes willen, was ist passiert?«

Leonies Mutter antwortete nicht. Sie sah auch nicht so aus, als könnte sie es. Ihr Gesicht war grau vor Schmutz und Schwäche, ihre Kleider zerrissen und hoffnungslos verdreckt, und Leonie erschrak, als sie sich vorbeugte und ihrer Mutter direkt ins Gesicht sah. Es war nicht nur verschmutzt und von zahlreichen mehr oder weniger schlimmen Kratzern und Schrammen übersät, ihre Wangen waren eingefallen und ihre Lippen so spröde und rissig, als hätte sie tagelang in schwerem Fieber dagelegen, und auch ihre Augen hatten einen fiebrigen Glanz.

»Anna!«, schrie Vater. »Antworte doch! Was ist passiert?«

»Ich... ich weiß es«, flüsterte Mutter. »Ich weiß jetzt alles.« Und dann verlor sie endgültig das Bewusstsein.

Geheimnisse

Doktor Steiner, der ihr Hausarzt und seit vielen Jahren ein guter Freund der Familie war, kam innerhalb einer Viertelstunde. Da sie nicht wussten, wie schwer Mutter verletzt war, hatten sie sie nicht ins Schlafzimmer im ersten Stock gebracht, sondern sie mit vereinten Kräften ins Wohnzimmer getragen und dort auf die Couch gelegt. Natürlich hatte Leonies Vater sofort einen Krankenwagen rufen wollen, doch er hatte kaum nach dem Telefonhörer gegriffen, da wachte Mutter auf und flehte so inständig darum, es nicht zu tun, dass Vater schließlich nachgab und es dabei bewenden ließ, Doktor Steiner zu alarmieren. Leonie bekam nicht mit, was er zu ihm sagte, aber er musste es wohl ziemlich dringend gemacht haben, denn Steiner tauchte in rekordverdächtigen fünfzehn Minuten auf, obwohl seine Praxis nahezu am anderen Ende der Stadt lag und er um diese Zeit eigentlich dort die ersten Patienten empfangen sollte. Leonie verstand auch nicht, warum sich ihr Vater überhaupt auf die Bitte ihrer Mutter eingelassen hatte. Man musste kein Arzt sein um zu erkennen, in welchem Zustand sie sich befand.

Während sie auf den Arzt warteten, hatte Vater ein Handtuch angefeuchtet und versucht, den schlimmsten Schmutz von ihrem Gesicht zu entfernen.

Was darunter zum Vorschein kam, gab ihnen allerdings auch nicht unbedingt neuen Mut. Mutters Gesicht war mit Schrammen und Risswunden übersät, von denen einige so aussahen, als wären sie schon halbwegs verschorft, obwohl das natürlich nicht sein konnte. Aber auch ihre Wangen waren eingefallen, und Leonie hätte geschworen, dass sie mindestens zehn Pfund an Gewicht verloren hatte, wenn nicht sogar mehr, wäre das nicht ebenfalls völlig unmöglich gewesen. Ihre Hände waren rissig und so zerschunden, als hätte sie versucht, sich damit durch massiven Fels zu graben, und die meisten ihrer Fingernägel waren abgebrochen und entzündet.

Als Steiner kam, scheuchte er Vater und Leonie kurzerhand aus dem Raum. Vater protestierte, aber Proteste haben einen Arzt noch nie davon abgehalten, seine Arbeit zu tun, und so fanden sie sich nur eine Minute später in der Küche wieder. Leonie setzte kommentarlos Wasser auf, um einen Tee zu kochen, und Vater nahm ebenso kommentarlos am Küchentisch Platz und starrte schweigend nach draußen auf den Terrassentisch und die schmiedeeisernen Stühle. Als Leonie den benommenen Ausdruck auf seinem Gesicht bemerkte, war sie froh, nicht zu wissen, was hinter seiner Stirn vorging.

»Vielleicht sollten wir Doktor Fröhlich anrufen«, meinte sie zögernd.

Ihr Vater sah nicht einmal in ihre Richtung, als er antwortete. »Ich werde mich um diesen so genannten Rechtsberater kümmern, keine Sorge. Sobald ich weiß, was mit deiner Mutter ist.« Und damit war das Gespräch zu Ende. Als Doktor Steiner aus dem Wohnzimmer kam, sprang Vater auf. »Wie geht es ihr? Kann ich zu ihr?«