»Gut und nein«, antwortete Steiner und ergriff Vater, der schon halb an ihm vorbeigeeilt war, am Arm, um ihn zurückzuhalten. »Sie schläft jetzt. Ich habe ihr eine Spritze gegeben, also mach dir keine Sorgen und beruhige dich erst einmal.«
»Aber was ist denn passiert?«, fragte Vater. »Was fehlt Anna?«
Steiner maß ihn mit einem nachdenklichen Blick. »Abgesehen von jeder Menge Hautabschürfungen und Prellungen, einem gestauchten Handgelenk und etwas, das wie ein ziemlich großer Spinnenbiss aussieht?«, fragte er. »Vollkommene Entkräftung und gefährliche Dehydrierung.« Sein Blick wurde noch ernster. »Was ist hier passiert, Klaus?«
»Was soll das bedeuten?«, fragte Leonie.
Steiner wandte sich kurz in ihre Richtung. »Um es einfach auszudrücken: Deine Mutter hat seit mindestens einer Woche so gut wie nichts gegessen und sie stand kurz davor, zu verdursten.«
»Eine Woche?«, entfuhr es Leonie. Aber das war doch vollkommen ausgeschlossen!
»Ich kann nur das sagen, was ich als Arzt sehe«, antwortete Steiner. »Ich glaube euch - aber dann erzählt mir, was hier passiert ist! Verdammt, Klaus, Anna ist nicht nur meine Patientin, sondern auch eine gute Freundin! Ich habe ein Recht, zu erfahren, was ihr zugestoßen ist.«
»Ja«, gab Vater zu. »Aber ich kann es dir trotzdem nicht sagen. Du musst mir einfach vertrauen.«
»So, muss ich das?« Steiner sah regelrecht wütend aus, doch statt zu explodieren, seufzte er nur tief und wirkte in der nächsten Sekunde plötzlich viel mehr traurig als erzürnt. »Ja, dann muss ich das wohl. Aber ich gehe davon aus, dass du mir alles erzählst, sobald du es kannst.«
»Das verspreche ich«, sagte Vater.
»Gut.« Steiner sah auf die Uhr. »Ich muss zurück in meine Praxis, aber ich komme heute Nachmittag wieder. Nach der Spritze, die ich ihr gegeben habe, wird sie ein paar Stunden schlafen. Wenn sie aufwacht, musst du dafür sorgen, dass sie liegen bleibt. Und sie soll möglichst viel trinken.« Er griff nach seiner Tasche, nickte Leonie zum Abschied noch einmal zu und ging. Vater brachte ihn nicht zur Tür, sondern sah ihm nur hinterher und griff dann wieder nach seiner Tasse. Seine Hände zitterten.
»Eine Woche?« Leonie blickte fassungslos in die Richtung, in die Steiner verschwunden war, und wandte sich dann wieder ihrem Vater zu. »Aber das ist doch völlig unmöglich. Doktor Steiner muss sich irren!«
»Eigentlich ist er ein sehr guter Arzt«, meinte Vater nachdenklich. »Ich kann mir nicht vorstellen, dass er so sehr danebenliegt.«
»Aber das ist unmöglich!«, protestierte Leonie. »Sie war nicht einmal zwei Stunden weg.«
»Nachdem sie durch eine Tür gegangen ist, die gar nicht da war.« Vater schüttelte müde den Kopf. Er sah sie immer noch nicht an, sondern blickte auf die Terrasse hinaus. Leonie folgte seinem Blick und ein kalter Schauer rann ihr den Rücken hinab, als ihr klar wurde, dass er den Stuhl anstarrte, auf dem ihre Großmutter immer gesessen hatte. Mittlerweile war sie nicht mehr sicher, dass es nur Einbildung gewesen war, als sie genau auf diesem Stuhl den Geist ihrer Großmutter gesehen hatte. Noch vor ein paar Stunden hatte sie sich mit Erfolg einreden können, dass sie nur auf einen bösen Streich hereingefallen war, den ihre eigenen Nerven ihr spielten - schließlich gab es keine Geister. Oder?
Aber nach dem, was sie gerade unten erlebt hatte...
»Da... da ist noch etwas«, begann sie zögernd.
Einen Herzschlag lang starrte ihr Vater weiter ins Leere, sodass sie schon glaubte, er hätte sie gar nicht gehört, doch dann gab er sich einen sichtbaren Ruck und wandte sich ihr zu. »Ja?«
»Ich weiß, es klingt ziemlich komisch«, erklärte sie unsicher, »glaubst du an Geister?«
Unter normalen Umständen hätte ihr Vater jetzt bestenfalls milde gelächelt, aber nun maß er sie mit einem langen und sehr nachdenklichen Blick, und bevor er antwortete, wandte er noch einmal den Kopf und sah zu Großmutters Stuhl am Terrassentisch hin. Leonie fuhr ein weiterer, noch eisigerer Schauder über den Rücken.
»Ich weiß nicht mehr, was ich noch glaube«, murmelte er. »Das Ganze ist ein Albtraum.« Er stützte die Ellbogen auf den Tisch, verbarg das Gesicht in den Händen und seufzte tief. Für eine ganze Weile blieb er einfach nur so sitzen, dann nahm er die Hände herunter und stand auf.
»Ich sehe nach Mutter. Versuch ein bisschen zu schlafen. Du kannst im Moment sowieso nichts tun.«
Als er ging, wäre ihm Leonie am liebsten nachgelaufen. Sie fühlte sich allein gelassen, nicht nur von ihrem Vater und in diesem Augenblick, sondern vom Schicksal und überhaupt. Aber er hatte natürlich Recht: Sie konnte im Moment rein gar nichts tun, und wahrscheinlich wollte er auch mit Mutter allein sein, selbst wenn sie nach der Spritze, die Steiner ihr gegeben hatte, tief und fest schlief. Sie sollte das respektieren.
Leonie kramte noch eine Zeit lang ziellos in der Küche herum, aber nachdem sie den Tisch das dritte Mal aufgeräumt und die Herdplatten zum fünften Mal poliert hatte, schloss sie die Terrassentür und machte sich auf den Weg nach oben in ihr Zimmer. Sie musste dabei am Wohnzimmer vorbei, ob sie wollte oder nicht, und da die Tür offen stand, warf sie ganz automatisch einen Blick hinein. Ihre Mutter lag auf der Couch und schlief, genau wie Steiner vorausgesagt hatte, aber von ihrem Vater war nichts zu sehen. Der Fernseher lief ohne Ton und zeigte Bilder von der Flugzeugkatastrophe, als gäbe es kein anderes Programm mehr.
Sie wollte schon hineingehen und das Gerät ausschalten - die Bilder weckten fürchterliche Erinnerungen in ihr, und sollte Mutter zwischendurch doch wach werden, würde es ihr ganz bestimmt genauso ergehen -, setzte aber dann stattdessen ihren Weg nach oben fort.
Irgendetwas polterte. Leonie erstarrte und lauschte. Das Geräusch wiederholte sich nicht, aber es war eindeutig, aus welcher Richtung es gekommen war: vom Ende des Flures, wo Großmutters Zimmer lag. Selbst im Halbdunkel des Korridors konnte sie erkennen, dass die Tür nur angelehnt war.
Ihr Herz begann zu klopfen. Großmutters Zimmer war abgeschlossen gewesen, als sie das Haus verlassen hatten, das wusste sie ganz genau. Nun stand die Tür offen und jemand (oder etwas? Der bloße Gedanke ließ sie frösteln) war im Zimmer.
Obwohl ihre Furcht mit jedem Schritt größer wurde, ging sie weiter, blieb schließlich vor der Tür stehen und lauschte angestrengt. Sie meinte, Geräusche aus dem Zimmer zu hören, aber sie war nicht sicher, ob es sich nicht nur um das Hämmern ihres eigenen Herzens handelte. Zögernd legte sie die flache Hand gegen die Tür, drückte sie unendlich behutsam weiter auf und spähte durch den entstandenen Spalt.
Jemand war in Großmutters Zimmer, aber es war nicht ihr Geist und auch keines der anderen Monster, mit denen Leonie ihre außer Rand und Band geratene Fantasie gequält hatte, sondern ihr Vater. Er stand mit dem Rücken zur Tür an einem der Bücherregale, die jeden freien Quadratzentimeter der Wände bedeckten, und riss scheinbar wahllos Bücher von den Brettern. Bei den meisten warf er nur einen flüchtigen Blick auf den Titel, manche klappte er auf, um hastig darin zu blättern, und danach landeten sie ausnahmslos auf dem Fußboden. Wenn man bedachte, dass er seit allerhöchstem zehn Minuten hier drin sein konnte, dann hatte er schon ein beachtliches Chaos angerichtet, denn er stand mittlerweile fast wadenhoch in einem Berg von Büchern und Papier.
Leonie machte die Tür ganz auf und trat ein. Ihr Vater fuhr zusammen, drehte sich hastig um und sah für einen Moment wie der sprichwörtliche ertappte Sünder aus. »Was... was machst du denn hier?«, stammelte er.
»Ich habe Geräusche gehört«, antwortete Leonie. Sie sah demonstrativ auf das Chaos hinab, das ihr Vater angerichtet hatte. »Was suchst du?«
»Ein Buch«, antwortete ihr Vater.
»Wenn du mir sagst, welches, kann ich dir bestimmt helfen«, sagte Leonie. Das entsprach der Wahrheit. Von allen hier im Haus kannte sie sich wohl am besten in Großmutters privater Bibliothek aus - und ihr war auch klar, dass es Großmutter wahrscheinlich das Herz gebrochen hätte, hätte sie gesehen, wie Vater mit ihren Büchern umging. Ihre Großmutter war Buchhändlerin mit Leib und Seele gewesen; vor allem aber mit Seele. Mutter hatte diese Eigenschaft ebenso geerbt wie Leonie, aber für ihren Vater waren Bücher bestenfalls Dinge, die man mit Gewinn weiterverkaufen konnte, wenn man sich halbwegs geschickt anstellte. Dennoch sollte er wissen, wie wertvoll die Bücher zum Teil waren, mit denen er jetzt so achtlos umging.