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»Das würde ich ja ganz gerne, wenn ich wüsste, wonach ich eigentlich suche«, erklärte ihr Vater.

Leonie verstand das noch weniger als alles andere; aber als ihr jetzt richtig bewusst wurde, wie grob ihr Vater mit Großmutters wertvollen Büchern umging, runzelte sie missbilligend die Stirn. Etliche waren geknickt und eingerissen, und mindestens bei einem Buch war der Einband gebrochen, was einem Totalschaden gleichkam. Abgesehen davon, dass die Bücher rein materiell einen gewissen Wert darstellten, hatten sie für Großmutter noch sehr viel mehr bedeutet. Sie waren ihre Freunde gewesen und ein Leben lang die treuesten Begleiter, die man sich nur wünschen konnte.

»Sag mir Bescheid, wenn du fertig bist«, sagte sie. »Ich räume dann hier auf.«

Aus irgendeinem Grund schien dieser Vorschlag Vaters Raserei zu steigern. Seine Brauen zogen sich zu einem spitzen Dreieck zusammen und in seinen Augen blitzte ein regelrechtes Gewitter. »Tu das«, sagte er gepresst. »Und jetzt sieh noch einmal nach deiner Mutter und danach geh auf dein Zimmer!«

Wenn Leonie jemals einen Rauswurf erlebt hatte, dann jetzt. Sie war allerdings mehr verstört als zornig - eine solche Behandlung war sie von ihren Eltern nun wirklich nicht gewöhnt. Sie schluckte die patzige Entgegnung, die ihr (auch ganz gegen ihre Art) auf der Zunge lag, hinunter, konnte es sich aber nicht verkneifen, sich provozierend langsam umzudrehen, bevor sie das Zimmer verließ.

Wie Vater von ihr verlangt hatte, sah sie noch einmal nach ihrer Mutter - sie schlief - und schlich anschließend hinauf. Der Anblick ihres Zimmers erinnerte sie wieder an das Chaos, das Vater unten in Großmutters Zimmer angerichtet hatte und vermutlich gerade jetzt noch weiter vergrößerte. Abgesehen von der kleinen Stereoanlage, dem Fernseher und der modernen Einrichtung ähnelten sich Großmutters Zimmer und ihres wie ein Ei dem anderen: Auch Leonies Zimmer quoll nur so über von Büchern. Sie standen dicht an dicht auf Regalen, die jedes freie Fleckchen an den Wänden bedeckten. In Leonies Leben spielten Bücher eine große Rolle, wenn auch sicher keine so gewaltige wie in dem ihrer Großmutter. Trotzdem hätte sie sich ein Leben ohne Bücher einfach nicht vorstellen können. Sie mochte Filme, Fernsehen und bis zu einem gewissen Grad auch Computerspiele, aber das wirkliche Abenteuer und die spannendsten Geschichten fanden natürlich nur in Büchern statt. Und das würde sich nach Leonies fester Überzeugung auch nicht ändern, ganz egal, was für raffinierte Computerspiele und aufwändige Spielfilme in Zukunft auch produziert werden mochten.

Bei ihrem Vater war das etwas ganz anderes. Er hatte nie einen Hehl daraus gemacht, dass ihn Bücher nicht interessierten. Seiner Meinung nach bot das richtige Leben mehr als genug Herausforderungen und Abenteuer, als dass man sie auch noch zwischen den Seiten eines Buches suchen musste. Umso weniger konnte Leonie sich nun erklären, was er eigentlich unten in Großmutters Bibliothek suchte.

Sie hörte ein leises Rascheln und diesmal dauerte es einen Moment, bis sie herausfand, aus welcher Richtung das Geräusch kam: aus dem offenen Schuhkarton, den sie am vergangenen Abend für ihren uneingeladenen pelzigen Gast aufgestellt hatte.

Er war wieder da.

Leonie wusste nicht, ob sie ärgerlich werden oder lächeln sollte, als sie in den Karton sah und die winzige Maus erblickte, die es sich darin gemütlich gemacht hatte - und das im wahrsten Sinne des Wortes. Der Karton war jetzt nicht mehr leer. Die Maus hatte eines von Leonies guten seidenen Taschentüchern in eine Ecke geknüllt, wo es ein regelrechtes kleines Bett bildete, und auf der anderen Seite ein halbes Dutzend Kekse und zwei Zuckerwürfel aufgestapelt; nicht einfach hingelegt, sondern tatsächlich zu zwei ordentlichen Stapeln aufgeschichtet. Davor lag der umgedrehte Schraubverschluss einer Cola-Flasche. Er war leer, aber die Bedeutung dieses Arrangements war klar: Offensichtlich erwartete die Maus, dass sie ihn mit Wasser füllte.

Leonie betrachtete das sorgsame Arrangement mit einiger Verblüffung. Ihr war schon längst klar geworden, dass es sich bei dem kleinen Nager nicht um eine x-beliebige Maus handelte, sondern um ein dressiertes Tier, das vermutlich irgendwo ausgebüxt und erst auf rätselhaftem Weg in die Zentralbibliothek und dann zu ihr gelangt war - aber allmählich kam ihr der Verdacht, dass dieses Tier reif für das Guinness-Buch der Rekorde war.

Sie ging ins Bad, ließ wenige Tropfen Wasser in die improvisierte Trinkschale laufen und trug sie zurück. Die Milch hatte die Maus vorhin verschmäht, aber an dem Wasser tat sie sich sofort und ausgiebig gütlich. Als sie den Flaschendeckel zur Gänze geleert hatte, versetzte sie ihm mit der Nase einen kleinen Stups in Leonies Richtung und sah auffordernd zu ihr hoch.

»Auch noch anspruchsvoll, wie?«, fragte Leonie. »Und was wird das, wenn es fertig ist? Ich meine: Hast du vielleicht noch zwei Koffer vor der Tür stehen, die ich raufholen soll?«

Die Maus schüttelte den Kopf.

»Auch gut«, sagte Leonie. Sie hatte beschlossen, sich einfach über nichts mehr zu wundern, was mit dieser merkwürdigen Maus zu tun hatte. Vermutlich existierte sie gar nicht, sondern war nur eine Ausgeburt ihrer eigenen Fantasie. »Dann kann ich davon ausgehen, dass du gerade hier eingezogen bist?«

Die Maus nickte, was auch sonst?

»Also gut, meinetwegen«, seufzte Leonie. »Aber bild dir nicht ein, dass du jetzt deine gesamte Verwandtschaft nachholen kannst. Ich gewähre dir Asyl, aber sonst niemandem, ist das klar?«

Diesmal grinste die Maus eindeutig.

Leonie füllte den Flaschendeckel neu auf, stellte ihn in die Kiste zurück und nahm dann das Taschentuch aus dem Schuhkarton. Nicht dass sie es brauchte. In Zeiten von Kleenex und Tempotaschentüchern benutzte niemand mehr seidene Taschentücher, allein schon aus hygienischen Gründen, aber es gehörte zu einem Set, das sie von ihrer Großmutter geschenkt bekommen hatte, und sie hing daran. Außerdem war es einfach zu schade, um als Unterlage für einen struppigen Mäusehintern zu dienen.

Sie faltete es sorgsam zusammen, legte es neben dem Schuhkarton auf den Schreibtisch und ging zum Wäschekorb, um eine Socke zu holen. Die Maus sah ihr aufmerksam zu. Als Leonie fertig war und einen Schritt zurücktrat, flog die Socke in hohem Bogen über den Rand des Schuhkartons. Eine Sekunde später hüpfte die Maus hinterher, krallte sich das Taschentuch und trug es in ihr Birkenstock-Fertighaus zurück. Leonies Unterkiefer klappte herunter.

Mehr belustigt als verärgert tauschte sie die so unterschiedlichen Mäusebetten wieder aus, mit dem gleichen Ergebnis. Dieses Spiel wiederholte sich noch drei- oder viermal und am Ende war es Leonie, die aufgab, nicht die Maus.

»Also gut«, meinte sie resigniert. »Du hast gewonnen. Aber ich warne dich: Ein Fleck oder gar ein Riss, und ich benutze ein Stück Mäusefell, um ihn zu stopfen!«

Die Maus fuhr vollkommen unbeeindruckt fort, das seidene Taschentuch zurechtzuknuffen und -zuschieben, bis es tatsächlich ein richtiges kleines Bett bildete. Nein, diese Maus gehörte nicht ins Guinness-Buch der Rekorde, dachte Leonie. Sie gehörte ins Fernsehen, mindestens.

»Du hast mich verstanden«, sagte sie, während sie sich bereits umdrehte und zur Tür ging. »Mach keinen Unsinn, solange ich weg bin. Wenn dir langweilig wird, schmeiß dir ein Video ein, aber dreh den Fernseher nicht zu laut auf.«