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Als sie die Treppe hinunterging, hörte sie Stimmen aus dem Wohnzimmer. Anscheinend war ihre Mutter doch wieder aufgewacht, und Leonie beschleunigte ihre Schritte, um zu ihr zu kommen.

Sie erlebte eine Überraschung. Ihre Mutter schlief noch immer. Die Stimme, die sie gehört hatte, war die ihres Vaters, der mit dem Rücken zur Tür dastand und telefonierte. »Also gut, in einer Stunde dann«, sagte er gerade. »Wenn Sie pünktlich kommen, warte ich an der Tür auf Sie, dann müssen Sie nicht klingeln.« Er hängte ein, drehte sich um und fuhr wieder einmal wie ertappt zusammen, als er Leonie erblickte. Wenigstens fragte er sie diesmal nicht, was sie hier zu suchen hatte.

»Wie geht es ihr?« Leonie machte eine Kopfbewegung zu ihrer Mutter hin.

»Sie schläft.« Ihr Vater warf einen raschen schuldbewussten Blick auf das Telefon, als er antwortete. »Aber ich glaube, sie wacht allmählich auf.«

Leonie trat vorsichtig an die Couch heran, auf der ihre Mutter schlief. Vater, oder vielleicht auch Doktor Steiner, hatten ihr das zerrissene Kleid aus- und ein sauberes Nachthemd angezogen und auch den ärgsten Schmutz aus ihrem Haar gekämmt, aber das schien den erbärmlichen Zustand, in dem sie sich befand, eher noch zu betonen. Jetzt, mit einigem Abstand und nicht mehr von der nackten Angst um das Leben ihrer Mutter erfüllt, bemerkte sie mit schmerzhafter Deutlichkeit, wie blass und eingefallen ihr Gesicht wirklich war. Sie hatte sich nicht getäuscht: Ihre Mutter hatte von gestern auf heute so viel an Gewicht verloren, dass sie regelrecht ausgemergelt wirkte. Die Wangenknochen stachen wie helle Narben durch ihre Haut und unter ihren Augen lagen tiefe, fast schwarze Ringe. Ihre Lippen waren rissig und hier und da klebte verschorftes Blut.

»Aber wie ist das nur möglich«, murmelte sie zum wiederholten Male. »Sie war doch nur ein paar Stunden weg.«

Ihr Vater hob nur die Schultern. Was sollte er auch sagen, wenn nicht einmal Doktor Steiner eine Antwort wusste?

»Du könntest mir einen Gefallen tun«, meinte Vater plötzlich. »Ich habe gerade mit Doktor Steiner telefoniert. Er möchte, dass sie noch ein bestimmtes Medikament bekommt, das er in seiner Praxis hat. Er kann nicht weg und ich möchte Anna nicht allein lassen. Vielleicht bist du so lieb und fährst hin, um es abzuholen?«

»Und wie?«, fragte Leonie. Steiners Praxis lag am anderen Ende der Stadt.

»Ich gebe dir Geld für ein Taxi.« Vaters Blick irrte erneut zum Telefon. »Zieh dich um und ich rufe inzwischen einen Wagen.«

Leonie gehorchte auch jetzt, ohne zu widersprechen - aber sie glaubte ihrem Vater kein Wort. Seine Bitte klang zu sehr nach einem Vorwand, ausgedacht in genau dem Moment, in dem er ihn ausgesprochen hatte. Dazu noch dieses sonderbare Telefonat - warum legte er Wert darauf, dass der Besucher, den er erwartete, nicht klingelte? - und auch sein seltsames Benehmen vorhin in Großmutters Zimmer...

Es gab nur eine einzige Erklärung: Vater wollte sie aus dem Haus haben. Irgendetwas ging hier vor, von dem sie nichts wissen sollte. Aber Leonie dachte nicht daran, dieses Spielchen mitzumachen.

Sie eilte in ihr Zimmer hinauf, um Jacke und Schuhe anzuziehen, und war kein bisschen überrascht, dass ihr Vater das Taxi noch nicht bestellt hatte, als sie wieder unten war. Auf ihren Vorschlag, die knapp zwei Blocks zum Taxistand zu laufen, um Zeit zu sparen, ging er erst gar nicht ein, sondern trödelte noch gut zehn Minuten herum, bevor er endlich zum Hörer griff und das Taxi rief. Leonie rechnete in Gedanken nach und kam zu dem Ergebnis, das sie erwartet hatte: Jetzt, im morgendlichen Berufsverkehr, würde sie mindestens eine Dreiviertelstunde hin und noch einmal dieselbe Zeit zurück brauchen, was ihrem Vater hinlänglich Zeit gab, allein mit seinem geheimnisvollen Besucher zu reden.

Durch diese Rechnung würde sie ihm einen gründlichen Strich machen, zumal ihr Vater das Taxi für den Hin- und Rückweg im Voraus bezahlte. Sie stieg gehorsam ein, ließ den Fahrer aber schon an der nächsten Ecke wieder anhalten und gab ihm den Auftrag, allein zu Doktor Steiner zu fahren und das Medikament zu holen - was ihr Vater ebenso gut hätte tun können. Er hätte auch Steiner bitten können, ein Taxi zu schicken, was zudem schneller gegangen wäre und nur die Hälfte gekostet hätte. Leonie wunderte sich nicht mehr über die plumpe Ausrede, zu der ihr Vater Zuflucht gesucht hatte. Im Grunde gab es nur eine einzige Erklärung: Ihr Vater musste bei ihrem Anblick regelrecht in Panik geraten sein und hatte einfach das Erstbeste gesagt, was ihm in den Sinn gekommen war.

Sie stieg aus und nahm einen gehörigen Umweg in Kauf, um sich dem Haus so zu nähern, dass ihr Vater sie nicht sah, sollte er zufällig einen Blick aus dem Fenster werfen. Schräg gegenüber ihres Elternhauses und im Schutz eines blühenden Fliederbusches nahm sie Aufstellung und fasste sich in Geduld.

Sie musste nicht lange warten. Der Besucher kam früh - nicht einmal eine halbe Stunde, nachdem sie das Haus verlassen hatte. Und er reiste auf eine Art und Weise an, mit der Leonie nun wirklich nicht gerechnet hatte; um genau zu sein, hätte wohl niemand damit gerechnet, zumindest nicht seit dem Siegeszug des motorisierten Individualverkehrs.

Sie hatte sich die Zeit damit vertrieben, die Straße abwechselnd in beiden Richtungen zu beobachten. Sie wartete auf ein Taxi oder auch einen anderen Wagen. Er kam, aber er wäre vermutlich nie durch den TÜV gekommen und er war auch eindeutig untermotorisiert. Genau genommen hatte er zwei PS, die in Form von zwei nachtschwarzen Rappen vor eine altmodische zweirädrige Kutsche gespannt waren, wie man sie nur noch in alten Büchern sah oder allenfalls in Wildwestfilmen.

Leonie war so perplex, dass sie einen halben Schritt aus ihrer Deckung hinaustrat und die näher kommende Droschke anstarrte, ehe sie endlich auf die Idee kam, wieder hinter den Fliederbusch zurückzuweichen. Der Wagen näherte sich mit erstaunlichem Tempo, schwenkte schließlich nach rechts und hielt unmittelbar vor Leonies Elternhaus und nahe genug beim Fliederbusch, dass sie den Fahrer erkennen konnte. Es war kein Landarzt aus einem Wildwestfilm, sondern ein fast kahlköpfiger Notar, der ein Monokel im Auge und eine altmodische Pelerine trug.

Fröhlich stieg umständlich aus seinem bizarren Gefährt und näherte sich gemessenen Schrittes dem Haus. Auf halbem Wege wurde die Tür geöffnet und Leonies Vater trat heraus. Leonie war viel zu weit entfernt um zu hören, was er sagte, aber er wirkte nicht begeistert. Vermutlich ärgerte er sich darüber, dass Fröhlich zu früh kam, vielleicht auch über das antiquierte Fahrzeug, das nun nur unnötiges Aufsehen erregte. Er fuchtelte einen Moment lang unwillig mit beiden Händen in der Luft herum, als würde er Fliegen verscheuchen, dann winkte er Fröhlich ungeduldig herein und zog die Tür hinter sich ins Schloss. Erstaunlicherweise gönnte er der zweirädrigen Droschke, die direkt vor seinem Haus abgestellt war, nicht einmal einen zweiten Blick.

Leonie wagte sich endlich aus ihrer Deckung heraus, lief über die Straße und rannte zur Rückseite des Grundstückes, so schnell sie nur konnte. Das Grundstück war alles andere als klein, ebenso wie der Garten, aber Leonie sputete sich und keine fünf Minuten nach Fröhlich und ihrem Vater betrat auch sie wieder das Haus; allerdings durch den Hintereingang.

Sie hörte Fröhlichs Stimme aus dem Wohnzimmer und sie klang alles andere als froh. »Ich hätte gedacht, dass Sie es mittlerweile begriffen haben«, sagte er gerade. »Was immer Sie tun, Sie können es nur schlimmer machen.«

»Wir haben nicht vor, irgendetwas zu verändern, Doktor Fröhlich«, antwortete ihr Vater. Leonie hörte, wie schwer es ihm fiel, einigermaßen ruhig zu bleiben. »Anna wollte den Schaden wieder gutmachen, mehr nicht.«

»Nichts anderes habe ich angenommen«, erwiderte Fröhlich. Er klang leicht beleidigt. »Aber niemand kann die Zeit zurückdrehen. Niemand darf es auch nur versuchen, verstehen Sie das denn nicht?«