»Ehrlich gesagt, nein.« Das war die Stimme von Leonies Mutter. Sie klang so schwach, wie sie vorhin ausgesehen hatte.
»Jedwede Veränderung ist eine Veränderung«, erklärte Fröhlich. »Sogar wenn man versucht, etwas einmal Verändertes wieder rückgängig zu machen. Jede noch so winzige Abweichung bedingt eine weitere und diese wiederum verursacht weitere und weitere. Und so geht es weiter, bis man am Ende eine Lawine auslöst, die alles verschlingen kann.«
»Das ist doch nur Theorie«, widersprach Vater. Leonie schlich auf Zehenspitzen näher an die Tür heran, aber nur gerade so weit, dass sie die Stimmen Fröhlichs und ihrer Eltern deutlicher hören konnte. »Niemand hat es jemals ausprobiert, oder?«
»Woher wollen Sie das wissen?« Sie konnte regelrecht hören, wie Fröhlich den Kopf schüttelte. »Vielleicht ist es noch nie geschehen, vielleicht schon unzählige Male. Wir werden es niemals erfahren. Ich kann Sie nur dringend warnen. Schon der Versuch könnte in einer Katastrophe enden. Heute Morgen ist Ihre Gattin beinahe ums Leben gekommen, reicht Ihnen das noch nicht?«
»Ich wusste nicht, was mich erwartet«, antwortete Mutter. »Das nächste Mal...«
»Es wird kein nächstes Mal geben«, unterbrach sie Fröhlich. »Ich verbiete es Ihnen. Verstehen Sie?«
»Sie sind wohl kaum in der Position, uns irgendetwas zu verbieten«, entgegnete Vater.
»Bitte, Klaus.« Leonie konnte hören, wie sich ihre Mutter weiter auf der Couch aufsetzte, und sie glaubte die versöhnliche Geste regelrecht zu sehen, mit der sie ihren Mann zu beruhigen versuchte.
»Bitte verzeihen Sie meinem Mann, Doktor Fröhlich«, sagte sie. »Er hat es nicht so gemeint. Aber Sie können nicht erwarten, dass wir einfach mit den Schultern zucken und so tun, als wäre nichts passiert. Nicht nach dieser entsetzlichen Katastrophe, die meine Mutter ausgelöst hat. Wir fühlen uns einfach verantwortlich dafür.«
»Was für ein Unsinn!«, widersprach Fröhlich. »Niemand kann sagen, ob sie nicht sowieso eingetreten oder sogar noch viel entsetzlicher geworden wäre. Unglücke kommen vor, so schrecklich es klingen mag, vor allem für die Betroffenen. Und selbst wenn es so wäre - es wäre doch nicht Ihre Schuld.«
»Vielleicht doch«, beharrte Mutter. »Ich... ich habe meiner Mutter schwere Vorwürfe gemacht. Sehr unfaire Vorwürfe. Hätte ich das nicht getan...« Leonie hörte ein Geräusch, als versuche ihre Mutter mit aller Kraft, ein Schluchzen zu unterdrücken. »Sie wäre niemals so weit gegangen.«
»Ich weiß«, sagte Fröhlich. »Ihre Frau Mutter hat mir davon erzählt. Aber Sie können nicht wissen, ob dieses schreckliche Unglück tatsächlich eine Folge dessen ist, was Theresa getan hat, oder vielleicht vom Schicksal sowieso vorgesehen war. Und selbst wenn alles so gewesen wäre, wie Sie glauben, könnten Sie nichts mehr daran ändern. Bitte glauben Sie mir das. Sie können bei dem Versuch ums Leben kommen, bestenfalls.«
»Wir haben Sie angerufen, weil wir gehofft haben, Sie könnten uns helfen«, sagte Leonies Vater feindselig. Leonie schlich mit klopfendem Herzen und wider besseres Wissen weiter, bis sie die Stelle erreichte, von der aus sie schon am vorletzten Abend Großmutter und ihre Eltern belauscht hatte. Diesmal war die Situation ein wenig anders. Sie konnte Fröhlich und ihre Eltern zwar in dem großen Wandspiegel erkennen, doch diesmal war es hier draußen taghell und der Trick funktionierte nun auch umgekehrt. Wenn jemand dort drinnen einen zufälligen Blick in den Spiegel warf, musste er sie einfach sehen. Leonie machte sich so klein wie möglich und beschloss, einfach auf ihr Glück zu vertrauen.
»Aber das will ich doch«, antwortete Fröhlich. Leonie konnte ihn jetzt sehen. Er stand hoch aufgerichtet vor dem Fernseher, der wieder lief und erneut Bilder der zerstörten Landebahn und brennender Wrackteile in den Raum projizierte. Er musste sich umgezogen haben, denn statt der altmodischen Pelerine trug er nun einen schlichten, aber durchaus modischen schwarzen Mantel. »Ich will nichts lieber als das. Nur fürchte ich, dass der einzige Rat, den ich Ihnen geben kann, eben der ist, nichts zu tun.« Er schüttelte bedauernd den Kopf. »Selbst wenn es möglich wäre - Sie können es nicht.«
»Ach?« Leonies Vater trat in den schmalen Ausschnitt des Zimmers, den der Spiegel zeigte, und baute sich herausfordernd vor Fröhlich auf. »Und wieso nicht?«
»Weil ich sie nicht habe«, sagte Mutter leise, bevor Fröhlich antworten konnte.
»Was?«, schnappte Vater. Leonie hatte ihn selten so aufgeregt gesehen und so wütend.
»Die Gabe«, meinte Fröhlich. »Ich fürchte, Ihre Gattin hat Recht.«
»Mutter hat es mir erklärt«, fügte Leonies Mutter hinzu. »Manchmal überspringt sie eine Generation. Ich wollte es nicht wahrhaben, doch ich fürchte, es ist so. Mutter hatte sie und Leonie wird sie eines Tages auch entdecken, aber ich habe sie nicht.«
»Fängt das jetzt wieder an?«, knurrte Vater. »Haben wir nicht endgültig genug von diesem Unsinn?«
»Ich fürchte, es ist kein Unsinn«, sagte Fröhlich sanft. »Ihre Tochter beginnt es bereits zu spüren. Sie sieht die Dinge so, wie sie sind. Ich fürchte sogar, dass sich die Täuschung nicht mehr allzu lange wird aufrechterhalten lassen.«
»Sie meinen, die Gabe ist in ihr ebenso stark wie in Mutter?«, fragte Leonies Mutter.
»O nein.« Fröhlich schüttelte so heftig den Kopf, dass das Monokel aus seinem Auge rutschte. Er fing es auf und beförderte es an seinen Platz zurück, bevor er fortfuhr: »Sie ist ungleich stärker in ihr. Ich kann mich nicht erinnern, jemals eine Hüterin getroffen zu haben, die eine solch intensive Aura gehabt hätte wie sie.«
»Aura! Macht! Hüterin!« Vater machte eine wütende Handbewegung. »Ich habe allmählich genug von diesem hirnverbrannten Unsinn. Seit dreißig Jahren muss ich mir diesen Humbug anhören, aber jetzt reicht es!«
»Humbug?« Fröhlich seufzte enttäuscht. »Nach allem, was Sie erlebt haben, können Sie nicht wirklich so denken.«
»Ich kann und ich werde«, blaffte Vater. »Und ich werde vor allem nicht dulden, dass Sie unsere Tochter mit diesem Irrsinn infizieren!«
»Klaus!«, sagte Mutter scharf, aber ihr Mann fuhr herum und brachte sie mit einer zornigen Geste zum Schweigen.
»Nein!« Er schrie fast. »Es ist genug! Solange ich mich erinnern kann, habe ich mir diesen Unsinn anhören müssen, aber jetzt ist es genug! Dieser verdammte Aberglaube hat das Leben deiner Mutter ruiniert und zum Teil auch deines. Ich werde nicht zulassen, dass Leonie euch auch noch...«
»Was wirst du nicht zulassen?« Leonie trat mit einem entschlossenen Schritt durch die Tür und sah ihren Vater so fest an, wie sie konnte. Sehr fest war es eigentlich nicht. Trotzdem wiederholte sie ihre Frage noch einmal, und jetzt direkt an ihren Vater gewandt und eine Spur lauter. »Was ist mit mir? Was wirst du nicht zulassen?«
»Du hast gelauscht?«, fragte ihre Mutter. Sie klang bestürzt.
»Also?«, fragte Leonie.
»Nichts«, sagte ihr Vater. »Das braucht dich nicht zu interessieren. Dieser Unsinn hat jetzt ein Ende, und zwar ein für alle Mal.«
»Ich fürchte, so einfach ist das nicht«, warf Fröhlich ein.
»O doch, das ist es«, blaffte Vater. »Und ich will jetzt auch nichts mehr davon hören. Jedenfalls nicht von Ihnen.« Er machte eine herrische Handbewegung in Richtung der Tür. »Sie gehen jetzt besser.«
»Bitte!« Mit einem Mal wirkte Dr. Fröhlich fast verzweifelt. »Wenn ich...«
»Jetzt!«, schrie ihn Leonies Vater an.
Fröhlich hielt seinem Zorn noch einen Moment lang stand, doch dann schüttelte er seufzend den Kopf und wandte sich noch einmal an Leonies Mutter. »Ich bitte Sie inständig, tun Sie nichts, was Sie später bedauern würden.« In Vaters Richtung, aber schon im Hinausgehen begriffen, fügte er hinzu: »Sie können sich jederzeit an mich wenden, wenn Sie Hilfe benötigen.«