»Ich schicke Ihnen eine Brieftaube«, versprach Vater böse. »Oder eine magische Botschaft, falls ich gerade einen Zauberspiegel zur Hand habe.«
Fröhlich sagte nichts mehr, sondern beließ es bei einem letzten, bedauernden Kopfschütteln und verließ endgültig das Zimmer. Leonie machte einen Schritt zur Seite, um ihn vorbeizulassen, und sah ihm nach, bis er die Haustür hinter sich geschlossen hatte und in Richtung seines altmodischen schwarzen Mercedes davongegangen war.
»Das war wirklich nicht sehr höflich von dir«, sagte Mutter leise.
»Ich hatte auch nicht vor, höflich zu sein«, antwortete Vater grob. »Aber wenn es dich beruhigt: Ich habe mich zurückgehalten, weil Leonie dabei war. Wieso eigentlich?«
Die letzte Frage galt Leonie, aber es dauerte einen Moment, bis sie das überhaupt begriff. Mit einiger Mühe riss sie sich vom Anblick der geschlossenen Haustür los und sah ihrem Vater ins Gesicht. Der gefährliche Moment, in dem sich sein Zorn auf sie zu entladen drohte, war noch immer nicht ganz vorbei, das spürte sie. Aber der Gedanke weckte auch ihren Trotz.
»Ich wollte eben wissen, was hier los ist«, sagte sie. »Ihr verheimlicht mir etwas, habe ich Recht? Es hat etwas mit Großmutter zu tun und mit mir und... und mit dieser seltsamen Tür unten im Keller. Was hat das alles zu bedeuten?«
Sie konnte sehen, wie ihr Vater Luft holte, um sie in ihre Schranken zu weisen, aber ihre Mutter kam ihm zuvor. »Wir wissen es nicht, Leonie. Ich würde es dir sagen, wenn wir es wüssten, aber wir wissen es nicht. Das ist die Wahrheit.«
Nein, dachte Leonie, das war es nicht. Es war gelogen, das spürte sie so deutlich, als wäre das Wort Lüge in roten Leuchtbuchstaben auf die Stirn ihrer Mutter tätowiert. Die Erkenntnis schockierte sie regelrecht. Solange sie denken konnte, hatten ihre Eltern sie niemals belogen, höchstens die Wahrheit manchmal ein wenig in Watte verpackt, um sie ihr schonender beizubringen. Aber sie hatten sie niemals dreist und derb angelogen. Und sie hatten auch niemals wirkliche Geheimnisse vor ihr gehabt. Und plötzlich, von einem Tag auf den anderen, hatte sich das geändert.
Wie so vieles.
»Was wollte denn Fröhlich hier?«, fragte sie.
Wieder war es ihre Mutter, die antwortete. »Ich habe deinen Vater darum gebeten, ihn anzurufen. Ich dachte, er könnte uns vielleicht helfen.«
Und auch das war eine Lüge. Sie hatte eindeutig noch geschlafen, als Vater mit Fröhlich telefoniert hatte.
»Ihr verschweigt mir etwas«, meinte Leonie leise. Sie musste gegen die Tränen ankämpfen. »Ihr wisst, was das alles bedeutet, doch ihr wollt es mir nicht sagen. Habe ich Recht? Weil ihr Angst um mich habt. Aber das müsst ihr nicht. Ich kann die Wahrheit vertragen. Und ich habe ein Recht darauf, sie zu erfahren!«
»Mäßige deinen Ton, junge Dame«, sagte ihr Vater mahnend.
Doch Leonie mäßigte ihren Ton keineswegs, sondern wurde im Gegenteil noch lauter. »Es hat etwas mit Großmutter zu tun, und mit mir, nicht wahr? Was ist die Gabe?«
Ihre Mutter fuhr wie unter einem elektrischen Schlag zusammen und hatte plötzlich nicht mehr die Kraft, ihrem Blick standzuhalten, aber ihr Vater sagte: »Zweite und letzte Warnung, Leonie. Hüte deine Zunge!«
Leonie hatte keine Ahnung, was passieren würde, wenn sie diese zweite und letzte Warnung ignorierte - so weit war es noch nie gekommen -, aber sie war durchaus bereit, es herauszufinden. Ohne ihren Vater auch nur eines Blickes zu würdigen, trat sie herausfordernd auf ihre Mutter zu. »Was ist die Gabe? Ich habe gehört, wie du mit Großmutter darüber gesprochen hast. Also sag jetzt bitte nicht, du weißt nicht, wovon ich rede!«
»Leonie!«, wies ihr Vater sie scharf zurecht.
»Nein, lass sie.« Mutter machte eine besänftigende Geste in seine Richtung. »Sie hat ja Recht. Irgendwann muss sie es erfahren.« Sie schwieg einen Moment, um neue Kraft zu sammeln, und Leonies schlechtes Gewissen meldete sich heftig, als ihr klar wurde, wie sehr dieses Gespräch ihre Mutter anstrengte.
»Du hast Recht«, sagte ihre Mutter nach einer Weile noch einmal. »Es hat etwas mit deiner Großmutter zu tun. Du hast sie sehr geliebt, nicht wahr?«
»Natürlich«, antwortete Leonie.
»So wie ich und dein Vater. Deine Großmutter war eine wunderbare Frau. Aber sie war auch... ein wenig sonderbar.«
»Sonderbar?«, wiederholte Leonie misstrauisch. Worauf wollte ihre Mutter hinaus?
»Sie hatte immer schon seltsame Ideen und eine etwas...«, sie zögerte und fuhr mit einem Achselzucken fort, »... andere Einstellung zum Leben als die meisten Menschen, auch als du und ich. In den letzten Jahren ist das immer stärker geworden.«
»Willst du damit sagen, dass Großmutter anfing senil zu werden?«, fragte Leonie empört.
Mutter überging diese Frage einfach. »Es hatte mit ihren Büchern zu tun«, fuhr sie fort. »Sie hat im Grunde nur für ihre Bücher gelebt, und ich glaube, sie hat es nie verwunden, dass ich nicht so geworden bin wie sie.«
»Und deshalb hat sie sich in den letzten Jahren ihres Lebens immer mehr darauf versteift, dass du ihr Erbe antreten sollst«, fügte Vater hinzu. »Sie hat geglaubt, dass es Menschen gibt, die mit Büchern reden können.«
»Reden?«, meinte Leonie verstört. »Was soll denn das heißen?«
»Ich fürchte, das wusste sie selbst nicht mehr so genau«, antwortete ihr Vater. Plötzlich wurde seine Stimme weich und jede Spur von Zorn verschwand aus seinem Gesicht. Er setzte sich neben Mutter auf die Couch, winkte Leonie heran und schloss sie sanft in die Arme, als sie neben ihm Platz nahm. »Du hast Recht, Leonie. Wir haben dir nicht die Wahrheit gesagt. Es gibt keinen Bruder in Kanada. Deine Großmutter war einverstanden, an einen Ort zu gehen, wo man sich besser um sie hätte kümmern können. Aber nur unter gewissen Bedingungen, auf die wir ihr zuliebe natürlich eingegangen sind.«
Leonie starrte ihren Vater entsetzt an. Versuchte er ihr etwa auf diese Weise klar zu machen, dass Großmutter reif für die Klapsmühle gewesen war?
»Aber das ist doch nicht wahr!«, protestierte Leonie. »Ich habe gehört, was Großmutter zu Fröhlich gesagt hat.«
»Wenn du mich fragst, dann ist dieser Fröhlich fast genauso verrückt«, sagte Vater und Leonie fuhr mit schriller, sich fast überschlagender Stimme fort: »Und ich habe mit Großmutter gesprochen! Zwei Mal! Sie hat mich gewarnt!«
»Wie meinst du das?«, fragte ihre Mutter alarmiert.
»In der Nacht!«, antwortete Leonie erregt. Noch bevor sie die Worte aussprach, spürte sie, dass es ein Fehler war, aber sie konnte einfach nicht mehr aufhören. »Ich habe sie im Spiegel gesehen, gestern Nacht. Und dann noch einmal, heute Morgen auf der Terrasse!«
»Aber das ist nicht möglich, Liebling«, meinte ihre Mutter sanft. »Ich weiß, man will es einfach nicht wahrhaben, weil es so wehtut. Aber sie ist tot. Du kannst nicht mit ihr gesprochen haben.«
»Es war ihr Geist«, behauptete Leonie. »Ich habe mit ihrem Geist gesprochen! Sie hat mich gewarnt! Sie hat gesagt, dass du es nicht tun darfst, weil sonst etwas Schreckliches geschieht!«
Ihre Eltern antworteten nicht. Das mussten sie auch nicht. Die Art, wie sie sie ansahen, verriet genug.
Leonie riss sich los, sprang auf und rannte so schnell in ihr Zimmer hinauf, wie sie nur konnte.
Die Stimme aus dem Jenseits
Es wurde der bisher schlimmste Tag ihres Lebens. Leonie verbrachte die Zeit bis zum Anbruch der Dämmerung nahezu ausnahmslos in ihrem Zimmer, das sie nur ein einziges Mal verließ, um ins Bad zu gehen. Jemand - vermutlich ihr Vater - hatte die Scherben des Spiegels aus dem Waschbecken entfernt, den sie in dem sinnlosen Versuch zerschlagen hatte, die Vision ihrer Großmutter festzuhalten. Mittlerweile hing sogar ein anderer Spiegel dort, doch Leonie wagte es nicht, nach unten zu gehen und danach zu fragen, sondern kehrte niedergeschlagen in ihr Zimmer zurück.