»Großmutter!«, schrie sie. »Was soll ich denn tun? Antworte!« Das letzte Wort hatte sie nicht geschrien, sondern gebrüllt, so laut sie nur konnte, aber sie bekam keine Antwort mehr darauf. Das Knistern und Rauschen machte übergangslos der piepsigen Mickymausstimme einer noch ganz jungen Britney Spears Platz.
Im gleichen Moment wurde die Tür hinter ihr aufgerissen und ihr Vater trat hastig ein. Seine Lippen bewegten sich, aber Leonie verstand kein Wort. Erst als er ärgerlich mit beiden Armen zu fuchteln begann, fiel ihr auf, dass Britneys Mickymausstimme mittlerweile nicht mehr piepste, sondern dröhnte. Ohne es zu merken, hatte sie den Lautstärkeregler der Anlage bis zum Anschlag aufgedreht, um die Geisterstimme aus dem Jenseits besser verstehen zu können.
Hastig stellte sie den Ton leiser, schaltete das Gerät dann ganz aus und hielt währenddessen verstohlen nach der Maus Ausschau. Gott sei Dank war sie verschwunden.
»Kannst du mir verraten, was dieser Höllenlärm zu bedeuten hat?«, fragte ihr Vater streng. »Die Nachbarn beginnen schon auszuziehen.«
»Großmutter!«, haspelte Leonie. »Das... das war Großmutter.«
»Großmutter, so.« Ihr Vater maß erst sie, dann das Radio mit einem langen stirnrunzelnden Blick. »Für mich hat sich das mehr angehört wie Britney Spearrips.«
Leonie nahm die kleine Spitze gegen ihren Musikgeschmack gar nicht zur Kenntnis. »Nein! Vorher!«, sagte sie hastig. »Das war ihre Stimme. Im Radio! Sie hat mich gewarnt!«
»Großmutters Stimme im Radio«, wiederholte ihr Vater. Seiner Miene war nicht anzusehen, was er von dieser Behauptung hielt, aber das lag nicht nur daran, dass er sich meisterhaft in der Gewalt hatte. Vielmehr war sein Gesicht sowieso kaum zu erkennen, weil es vollkommen verdreckt war. »Sagt sie jetzt den Wetterbericht von Wolke sieben an oder gibt sie einen Häkelkurs?«
»Es ist die Wahrheit«, beteuerte Leonie verzweifelt. »Bitte, so glaub mir doch! Die Maus hat das Radio eingeschaltet und...«
»Die Maus?«, unterbrach sie ihr Vater.
Leonie zog die Unterlippe zwischen die Zähne und biss so fest darauf, dass es wehtat. »Das Radio ist jedenfalls angegangen und ich habe Großmutter gehört«, beharrte sie. »Sie hat mich gewarnt. Ich weiß nicht, was Mutter und du vorhabt, aber ihr dürft es nicht tun, hörst du? Unter keinen Umständen!«
»Maus«, sagte ihr Vater noch einmal. Alles andere schien er gar nicht gehört zu haben. »Maus?«, sagte er zum dritten Mal, trat an ihr vorbei und sah sich dabei aufmerksam im Zimmer um. Leonie fiel auf, wie komisch er roch, als er ganz dicht an ihr vorbeiging: nach Staub und feuchtem Erdreich, vielleicht sogar ein bisschen nach Moder. Seine Kleider boten den dazu passenden Anblick. Leonie bemerkte erst jetzt, dass sie ebenso schmutzig waren wie sein Gesicht und auch seine Hände.
»Maus«, sagte er zum nunmehr vierten Mal, beugte sich über den Schreibtisch und runzelte viel sagend die Stirn, als sein Blick über den offen stehenden Schuhkarton und vor allem dessen Inhalt glitt. »Darüber reden wir noch.«
»Aber ich habe sie gehört«, beharrte Leonie. »Wirklich. Ich weiß, wie verrückt das klingt, aber ihre Stimme war im Radio und...«
»Das die Maus eingeschaltet hat«, unterbrach ihr Vater sie. »Ich verstehe.«
Leonie hätte vor lauter Hilflosigkeit und Zorn am liebsten laut losgeheult. Wieso musste sie eigentlich alles falsch machen, was man nur falsch machen konnte? Es fiel ihr doch sonst nicht so schwer, sich verständlich auszudrücken.
»Ja«, gestand sie zähneknirschend. »Ich weiß, wie sich das anhört. Aber es war ganz genau so.«
»Sicher«, sagte Vater.
Leonie atmete tief ein, zählte in Gedanken langsam bis drei und setzte dann mit mühsam beherrschter Stimme neu an: »Sie hat mich gewarnt. Sie hat gesagt, dass Mutter irgendetwas vorhat, das alles noch viel schlimmer machen würde. Ich weiß nicht was, aber sie darf es auf keinen Fall tun!«
Ihr Vater seufzte. »Leonie, bitte. Mir ist klar, was du durchmachst, aber es...«
»Ich bilde mir das nicht ein!« Leonie deutete erregt auf die Stereoanlage. »Ich habe sie gehört, ganz deutlich!«
Ihr Vater sah sie weiter auf diese sonderbare Weise an, die ihr nun wirklich Tränen der Wut in die Augen trieb. Mindestens zehn Sekunden lang starrte er sie einfach nur an, dann schüttelte er seufzend den Kopf und ging aus dem Zimmer. Er zog die Tür hinter sich zu - und dann hörte Leonie, wie ein Schlüssel ins Schloss gesteckt, umgedreht und abgezogen wurde! Leonie war so perplex, dass sie sekundenlang einfach dastand und die Tür anstarrte. Sogar nachdem sie ihre Lähmung endlich abgeschüttelt und die Türklinke heruntergedrückt hatte, weigerte sie sich einfach im ersten Moment zu glauben, dass ihr Vater sie tatsächlich eingesperrt hatte! Er hatte die Tür abgeschlossen und das war noch nie vorgekommen und einfach unvorstellbar! Leonie hatte bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal gewusst, dass es einen Schlüssel für diese Tür gab.
Dieser Gedanke führte zu einem anderen, noch viel unangenehmeren, der nur ganz allmählich in ihrem Bewusstsein Gestalt annahm - im gleichen Maße, in dem sich ihre Fassungslosigkeit in Zorn verwandelte. Ihre Eltern bewahrten sämtliche Zimmerschlüssel des Hauses in einer Schublade im Wohnzimmer auf - und das bedeutete nichts Geringeres, als dass ihr Vater schon mit der festen Absicht hier heraufgekommen war, sie in ihrem Zimmer einzuschließen!
Für einen Moment hatte Leonie große Mühe, nicht vor lauter Wut einfach gegen die Tür zu treten. Natürlich tat sie es nicht, aber sie rüttelte ein paarmal so heftig an der Klinke, dass das Türblatt ächzte. Schließlich drehte sie sich entschlossen um und eilte zum Fenster. So einfach würde sie es ihrem Vater nicht machen. Wenn er glaubte, sie hier einsperren zu können, würde er sich etwas Besseres einfallen lassen müssen!
Aber vielleicht hatte er das ja schon. Leonie riss mit einer wütenden Bewegung am Fenstergriff und hätte sich beinahe zwei Fingernägel abgebrochen, denn das Fenster rührte sich nicht. Verblüfft versuchte sie es noch einmal - mit demselben Ergebnis -, bevor sie das Fenster genauer in Augenschein nahm. Das Rätsel war schnell gelöst, aber diese Lösung trug nicht unbedingt dazu bei, ihre Laune zu heben: Wie alle Fenster im Haus war auch dieses abschließbar, indem man einen kleinen Knopf innen am Griff drückte. Jemand hatte ihn gedrückt. Der dazugehörige Schlüssel war verschwunden, und Leonie hatte eine ziemlich konkrete Vorstellung davon, wo er sich befand. So unglaublich es sich auch anhören mochte: Ihr Vater musste schon vor Stunden hier heraufgekommen sein, um dieses Fenster zu verriegeln. Er hatte die ganze Zeit über vorgehabt, sie einzusperren!
Leonie war ernsthaft in Versuchung, einen Stuhl zu nehmen und ihn einfach durchs Fenster zu werfen. Aber natürlich hätte das die ganze Sache nur noch mehr angeheizt. So mies, wie ihr Vater im Moment drauf war, würde er wohl kaum gelassen reagieren, wenn er vom Klirren des zerbrechenden Glases angelockt wurde und feststellen musste, dass seine Tochter kurzerhand die Scheibe eingeschlagen hatte. Aber sie musste hier raus, ganz egal wie!
Sie hörte ein Kratzen und drehte sich um. Die Maus war wieder aus ihrem Karton geklettert, trippelte zur Tür und huschte einfach durch den auch für sie eigentlich viel zu schmalen Spalt hinaus. Kaum eine Sekunde später kam sie zurück, blieb zwei Schritte vor Leonie stehen und sah sie auffordernd an.
Leonies Miene verdüsterte sich noch weiter. »Du solltest dir überlegen, was du tust«, grollte sie. »Mein Sinn für Humor ist im Moment nicht besonders ausgeprägt.«
Die Maus zeigte sich von ihrer Drohung nicht sonderlich beeindruckt. Sie huschte wieder durch den Türspalt nach draußen, kam zurück und wiederholte das Kunststückchen insgesamt noch zwei- oder dreimal, bevor sie sich vor Leonie hinhockte und erwartungsvoll zu ihr hochsah.