»Das... das ist ja fantastisch«, flüsterte Leonie. »Kannst du mir den Trick beibringen?«
Die Maus hüpfte auf ihre Hand, kletterte in gewohnter Manier an ihrem Arm empor und nahm auf ihren Schultern Platz, und Leonie, die sich insgeheim damit abzufinden begann, dass sich ihr Verstand offensichtlich verabschiedet hatte, stand auf und trat mit einem entschlossenen Schritt durch die Tür.
Sie wäre nicht erstaunt gewesen, hätte sie sich die Nase blutig geschlagen, aber rein gar nichts geschah. Sie trat durch die - geschlossene! - Tür hindurch und auf den Flur hinaus, ohne auch nur das Geringste zu spüren. So als wäre die Tür gar nicht mehr da.
Leonie hütete sich, über diese neuerliche Unmöglichkeit auch nur nachzudenken, nahm die Maus von ihrer Schulter und lief mit schnellen Schritten die Treppe hinab. Im Erdgeschoss war niemand. Der Fernseher im Wohnzimmer lief ohne Ton, wie er es in den letzten Tagen fast ununterbrochen getan hatte, und als gäbe es rein gar nichts anderes mehr, zeigten sie noch immer Bilder von dem abgestürzten Flugzeug. Leonie wollte ihn ausschalten, überlegte es sich aber anders und rannte stattdessen in die entgegengesetzte Richtung, zur Buchhandlung.
Die Tür zur Kellertreppe stand offen, wie sie befürchtet hatte. Von unten drangen keine Geräusche mehr herauf. Leonie warf auch noch die letzten Bedenken über Bord, beschleunigte ihre Schritte und polterte die Treppe hinab.
Sie brauchte auch gar keine Rücksicht mehr zu nehmen. Der Keller war leer. Ihr Vater war ganz eindeutig hier gewesen, und sie wusste jetzt auch, wieso seine Kleider so schmutzig gewesen waren. Er hatte den Schutt der heruntergebrochenen Ziegelsteinmauer beiseite geschafft. Die Wand auf der anderen Seite, die nur aus Erdreich und Lehm bestand, lag jetzt frei. Sie war zu spät gekommen.
»O nein«, flüsterte Leonie. »Und jetzt?«
Die Maus befreite sich mit einer geschickten Bewegung aus Leonies Hand, hüpfte auf den Boden und schien sich in einen huschenden Schatten zu verwandeln, so schnell flitzte sie zwischen Schutt und Trümmern hindurch auf die Wand zu. Kaum eine Sekunde später war sie einfach verschwunden und eine weitere Sekunde später tauchte sie wieder auf und sah Leonie erwartungsvoll an.
Leonie atmete tief ein und nickte. Die Maus kletterte geschickt an ihrem Bein hoch, lief von dort aus zu ihrer Schulter und nahm darauf Platz. Leonies Herz begann wie verrückt zu klopfen, als sie sich der Wand näherte.
Die andere Seite
Es war anders, als Leonie es sich vorgestellt hatte. Konkret hatte sie sich gar nichts vorgestellt, sondern einfach Angst gehabt, aber hätte sie sich etwas vorgestellt, wäre es zweifellos etwas Unheimlicheres gewesen. Geisterhaft wabernder Nebel, flüsternde Stimmen, unheimliche Gestalten mit Fledermausschwingen und scharfen Krallen - aber vor ihr lag nichts Ungewöhnlicheres als ein knapp zwei Meter hoher gemauerter Gang mit gewölbter Decke, der sich in beiden Richtungen schon nach wenigen Schritten in grauer Dämmerung verlor. Keine Ungeheuer, keine schrecklichen Gefahren. Leonie war allein.
Vollkommen allein.
Wie allein, das wurde ihr erst zur Gänze bewusst, als sie die Hand hob und nach ihrem pelzigen Begleiter tastete. Die Maus war nicht mehr da. Sie war auch nicht von ihrer Schulter gesprungen, wie Leonie mit einem raschen Blick in die Runde feststellte, und es war auch äußerst unwahrscheinlich, dass sie es geschafft haben könnte, unbemerkt wegzuhuschen. Mit klopfendem Herzen drehte sie sich endgültig um und starrte die Wand hinter sich an. Es war eine massive, uralte Mauer aus dunklen Ziegelsteinen, in deren Fugen sich grünlicher Schimmelpilz und Moder festgesetzt hatten. Keine Tür. Leonie war gefangen.
Obwohl sie wusste, was sie herausfinden würde, streckte sie die Arme aus und tastete mit den Handflächen über die Wand. Es blieb dabei: Die Mauer fühlte sich an wie eine Mauer und sie war auch genauso massiv wie eine Mauer. So viel zur Theorie ihres Vaters, dass es sich um einen Spiegeltrick oder irgendeine andere raffinierte Illusion handeln musste. Sie war definitiv gefangen.
Leonie unterdrückte mit Mühe die Angst, die Macht über ihre Gedanken erlangen wollte. Irgendwie war sie hier hereingekommen und irgendwie würde sie auch wieder hinauskommen, basta. Aber das hatte noch Zeit. Sie hatte sich nicht auf dieses Abenteuer eingelassen, um gleich wieder zu gehen.
Nachdenklich sah sie sich um. Der Gang war offensichtlich alt. Trotzdem gab es keinen Staub auf dem Boden und damit auch keine Spuren, die verraten hätten, in welche Richtung ihre Eltern gegangen waren. Sie machte einen Schritt nach rechts, blieb wieder stehen und lauschte verwirrt in sich hinein. Diese Richtung war falsch. Leonie wusste nicht, woher sie diese Überzeugung nahm, aber sie war zu stark, um sie zu ignorieren.
Also machte sie kehrt, blieb abermals stehen und kramte in ihren Taschen, um irgendetwas darin zu finden, womit sie die Stelle markieren konnte, an der sie hereingekommen war. Alles, was sie fand, war die verchromte Piercing-Nadel, und aus irgendeinem Grund sträubte sich alles in ihr gegen die bloße Vorstellung, sich davon zu trennen. Achselzuckend steckte sie sie wieder ein und machte sich auf den Weg, ohne ein Zeichen zurückgelassen zu haben. Ohne ihren vierbeinigen Begleiter nutzte es ihr sowieso nichts, zu wissen, wo die verborgene Tür war. Sie versuchte trotzdem ihre Schritte zu zählen, um wenigstens eine ungefähre Orientierungshilfe zu haben, gab aber schon nach wenigen Augenblicken wieder auf und konzentrierte sich: lieber darauf, ihre Umgebung möglichst aufmerksam zu betrachten.
Auf den ersten fünfzig oder auch hundert Schritten gab es absolut nichts Außergewöhnliches zu sehen - es sei denn, man hatte ein besonderes Interesse an altem Mauerwerk und Schimmelpilzen. Der Gang zog sich schnurgerade dahin; es gab keine Türen, keine Fenster oder irgendeine andere Unterbrechung der gemauerten Monotonie. Sie hörte auch nichts außer ihren eigenen Atemzügen und dem dumpfen Echo ihrer Schritte. Aber sie hatte nach wie vor das todsichere Gefühl, auf dem richtigen Weg zu sein. Was ihr immer sonderbarer vorkam, war die Beleuchtung. Es gab keine Lampen, Fackeln oder irgendeine andere Lichtquelle. Die Helligkeit kam buchstäblich aus dem Nichts und sie schien sie zu begleiten, denn sie erstreckte sich stets nur auf den kleinen überschaubaren Bereich unmittelbar vor und hinter ihr.
Nach einer kleinen Ewigkeit änderte sich das Bild. Der Tunnel erstreckte sich weiter schnurgerade vor ihr, doch nun nahm das Licht um sie herum plötzlich eine graugrüne Färbung an. Leonie ging schneller und erreichte nach wenigen Schritten einen Durchgang, wo Wände und Decke von einem gewaltigen steinernen Wulst gestützt wurden. Der Stollen endete an einem kreisrunden Schacht, der sicherlich zwanzig Meter maß, wenn nicht mehr. Ein feuchtwarmer, unangenehm riechender Luftzug blies Leonie ins Gesicht, als sie mit der linken Hand an der Wand Halt suchte und sich behutsam vorbeugte, um in die Tiefe zu blicken.
Beinahe sofort wurde ihr schwindelig. Sie konnte nicht sehen, wie tief der Schacht war, denn alles, was mehr als dreißig oder vierzig Meter unter ihr lag, verlor sich in dem unheimlichen graugrünen Licht, das dort fast die Konsistenz von leuchtendem Nebel annahm, aber sie spürte einfach, dass er unendlich tief war. Eine schmale, gewendelte Treppe, die vor ihren Füßen begann, zog sich wie die abgeworfene Haut einer steinernen Schlange an der Wand des Schachtes hinab. Ungefähr dort, wo sie im nebligen Licht zu verschwimmen begann, glaubte Leonie einen Schatten zu sehen, vielleicht ein Tier, vielleicht aber auch etwas ganz anderes.
Nun ja, sie würde bald wissen, was es war.
Allein der bloße Gedanke, in diesen Schacht hinabzusteigen, jagte Leonie schon wieder einen eisigen Schauer über den Rücken. Die Treppe war steil und nicht wesentlich breiter als zwei nebeneinander gelegte Hände und den Luxus eines Geländers gab es nicht. Aber sie hatte gar keine andere Wahl. Genau wie vorhin, als sie angekommen war, reichte ein einziger Blick nach unten, um sie davon zu überzeugen, dass sie auf dem richtigen Weg war. Wenn sie ihre Eltern finden wollte, dann musste sie dort hinunter.