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Leonie kämpfte noch einige Sekunden mit ihrer eigenen Furcht, aber dann setzte sie vorsichtig den Fuß auf die schmale Stufe, die auf der anderen Seite des Durchgangs lag. Behutsam schob sie sich weiter, presste den Rücken gegen den rauen Stein der Wand und begann, Stufe und Stufe nach unten zu steigen.

Es war ein Albtraum. Der Abgrund unter ihr hatte die Wirkung eines Sogs, dessen Anziehungskraft mit jedem Schritt stärker wurde, und obwohl sie Rücken und Handflächen mit aller Kraft gegen die Wand presste, hatte sie das Gefühl, sich zugleich immer weiter nach vorne und in den Abgrund zu beugen. Während des ersten Dutzends Stufen hatte sie noch die Hoffnung, dass sie sich daran gewöhnen würde, aber das war leider ganz und gar nicht der Fall; es wurde sogar schlimmer. Ihr Herz hämmerte bald wie verrückt, ihre Knie zitterten und sie war am ganzen Leib in Schweiß gebadet. Die Treppe schien einfach kein Ende nehmen zu wollen. Von oben aus hatte es den Anschein gehabt, dass die Tür vielleicht dreißig oder vierzig Meter unter ihr lag, aber Leonie hatte das Gefühl, seit Stunden unterwegs zu sein, als ihre tastende Hand endlich ins Leere griff.

Sie hatte die Tür erreicht. Mit einem hastigen Schritt rückwärts trat sie hindurch und drehte sich erst dann um. Der Gang hinter ihr setzte sich auf ähnliche Weise fort wie der weiter oben - ähnlich, aber nicht vollkommen gleich. In unregelmäßigen Abständen waren Türen in die Ziegelsteinwände eingelassen und an seinem Ende schien sich etwas zu bewegen. Obwohl Leonie - schlimm genug - spürte, dass dieser Gang der falsche war, bewegte sie sich vorsichtig einige Schritte tiefer in ihn hinein, um die am nächsten gelegene Tür in Augenschein zu nehmen.

Es war eine sonderbare Tür. Sie war nicht sehr hoch, sodass Leonie sich hätte bücken müssen um hindurchzugehen, dafür aber breiter als eine normale Tür, und sie hatte weder eine Klinke, noch sah Leonie irgendeine andere Art von Öffnungsmechanismus. Auch schien sie nicht aus Holz oder Metall zu bestehen, sondern machte eher den Eindruck, als wäre sie mit Leder oder irgendeinem ähnlichen Material bezogen, in das rätselhafte, verschlungene Symbole geprägt waren, die fast wie Schriftzeichen aussahen. Der Anblick erinnerte Leonie an etwas, aber sie konnte beim besten Willen nicht sagen woran.

Es blieb ihr keine Zeit, dieses Rätsel zu ergründen. Leonie untersuchte noch eine weitere Tür, die vollkommen anders auf ihre Art - aber ebenso seltsam - aussah, dann kehrte sie zum Schacht zurück und machte sich schweren Herzens daran, weiter in die Tiefe zu steigen. Die Treppe kam ihr noch steiler vor als beim ersten Mal, und sie wäre jede Wette eingegangen, dass die Stufen schmaler wurden, je weiter sie nach unten kam. Zwei- oder dreimal reckte sie vorsichtig den Hals, um in die Tiefe zu blicken; sie bedauerte diesen Versuch jedes Mal sofort wieder. Das nebelige Licht wich unter ihr im gleichen Tempo zurück, in dem sie sich bewegte, und ihr wurde fast augenblicklich schwindelig - und das, obwohl sie sich bislang für absolut schwindelfrei gehalten hatte.

Nach einer kleinen Ewigkeit erreichte sie die nächste Tür, aber sie warf diesmal nur einen kurzen Blick in den dahinter liegenden Gang, bevor sie ihren Weg fortsetzte. Das Gefühl war noch immer so unbegründet wie am Anfang und noch immer genauso stark. Sie musste weiter nach unten. Vielleicht war der nächste Gang ja der richtige.

Oder der übernächste.

Oder der darauf folgende.

Oder der, der dann kam...

Irgendwann hörte Leonie auf, die Türen zu zählen, an denen sie vorbeikam, ohne dass sich das Gefühl änderte, noch nicht am Ziel zu sein. Es war vermutlich nicht wirklich so, aber sie fühlte sich, als ob sie kilometerweit in die Tiefe gestiegen wäre, und es musste wohl auch ein gehöriges Stück gewesen sein, denn ihre Knie zitterten mittlerweile nicht nur vor Angst, sondern auch vor Anstrengung; es war alles andere als leicht, sich seitwärts eine steinerne Treppe hinunterzuschieben, die kaum breit genug war, um ihren Füßen Platz zu bieten und dazu noch den Rücken mit aller Kraft gegen die Wand zu pressen. Als sie endlich eine Tür erreichte, hinter der sie nicht das Gefühl erwartete, am völlig falschen Platz zu sein, war sie so erschöpft, dass sie sich nur noch ein paar Schritte weit in den Gang hineinschleppte, ehe sie sich zitternd gegen die Wand sinken ließ und die Augen schloss, um erst einmal neue Kraft zu schöpfen.

Es war nicht nur diese unheimliche innere Stimme, die ihr zuflüsterte, dass sie auf dem richtigen Weg sei. Dieser Gang war anders. Es gab auch hier die seltsamen Türen, von denen einige noch bizarrer aussahen als die, die sie weiter oben gesehen hatte, und von weit, weit her hörte sie Geräusche: leise und einzeln nicht zu identifizieren, aber dennoch unheimlich wie das Murmeln einer Kirchengemeinde in einer großen Kathedrale.

Ihre Knie hatten mittlerweile aufgehört zu zittern und auch ihr Herz schlug jetzt nicht mehr so hart von innen gegen ihre Rippen, als suche es sein knöchernes Gefängnis zu sprengen, aber Leonie ging trotzdem noch nicht sofort weiter. Sie war nicht mehr so sicher wie noch vor ein paar Minuten, dass ihre Eltern tatsächlich hier entlanggekommen waren.

Leonie sah noch einmal in den Schacht hinab und ihr lief auch im Nachhinein ein kalter Schauer über den Rücken, als sie an die Strecke dachte, die hinter ihr lag, und vor allem daran, dass sie das ganze Stück auch wieder nach oben musste, wenn sie jemals aus diesem bizarren Labyrinth hinauskommen wollte. Sie konnte sich immer weniger vorstellen, dass ihre Eltern - vor allem ihre Mutter in dem entkräfteten Zustand, in dem sie sich befand - diese Albtraumtreppe herabgestiegen sein sollten.

Dennoch war dort vorne etwas, das sie beinahe magisch anzog.

Sie würde es nicht herausfinden, wenn sie hier stehen blieb und Löcher in die Luft starrte. Sie ging weiter. Die Geräusche wurden allmählich lauter, aber kein bisschen deutlicher, und wie schon zuvor schien das Licht vor ihr im gleichen Maße zurückzuweichen, in dem sie darauf zuging. Irgendetwas stimmte mit diesem Licht ganz und gar nicht, ebenso wenig wie mit dem fernen Murmeln, und auch die Türen wirkten immer merkwürdiger.

Schließlich blieb Leonie vor einer der Türen stehen, um sie genauer zu betrachten. Sie hatte dieselben ungewöhnlichen Maße wie die, die Leonie schon weiter oben untersucht hatte, und auch auf ihr prangte in Blickhöhe ein goldfarbener Schriftzug, den Leonie allerdings nicht entziffern konnte. Nicht nur die Sprache war ihr fremd, sie hatte auch Buchstaben wie diese noch nie gesehen. Dennoch wirkten sie auf eine schwer zu begründende Weise beunruhigend, genau wie die Geräusche.

Zögernd streckte Leonie die Hand aus, doch kurz bevor sie die Tür berühren konnte, schwang sie von selbst nach außen. Leonie wich einen halben Schritt zurück und zur Seite, um ihr Platz zu machen, dann trat sie gebückt unter dem niedrigen Türsturz hindurch. Dahinter lag ein weitläufiges und unerwartet helles und freundlich eingerichtetes Zimmer. Sie war ein wenig verwirrt. Nach dem düsteren Gang draußen hatte sie etwas völlig anderes erwartet; vielleicht nicht gerade eine mittelalterliche Folterkammer, aber doch zumindest ein düsteres Verlies, das von qualmenden Fackeln erhellt wurde und in dem Ketten von der Decke hingen und Spinnen und Ratten in den Ecken nisteten.

Das genaue Gegenteil war der Fall.

Der Raum war überraschend groß und in freundlichen Farben gehalten. Die Einrichtung war altmodisch, so als stamme sie vom Anfang des vorigen Jahrhunderts, aber adrett. Es gab kein einziges modernes Gerät und selbst die Lampen, die von der weiß getünchten Decke hingen, waren altmodische Petroleumlampen mit Schirmen, die die Form von weißen Blütenblättern hatten. In einer Ecke erhob sich eine wuchtige Standuhr, deren Pendel sich allerdings nicht bewegte, und außerdem gab es kein Fenster.