Leonie war schon bis zur Mitte des Raumes gegangen, als ihr dieser Umstand bewusst wurde. Das Zimmer wurde eindeutig von Tageslicht erhellt, aber es gab kein Fenster. Außer der Tür, durch die sie hereingekommen war, entdeckte sie noch zwei weitere Türen, die diesmal normale Maße hatten und mit kunstvollen Schnitzereien verziert waren - aber nicht die Spur einer Fensteröffnung. Wo das Tageslicht herkam, blieb Leonie ein Rätsel - ebenso wie die Frage, wo dieses Zimmer herkam und wer sich die Mühe gemacht hatte, hier, tief unter der Erde, einen detaillierten Nachbau eines gutbürgerlichen Wohnzimmers aus den Zwanzigerjahren des vorigen Jahrhunderts zu errichten.
Aber wenn sie schon einmal hier war, konnte sie sich auch ebenso gut ein wenig umsehen. Das fehlende Fenster blieb ein Rätsel wie so vieles hier, und es lohnte im Moment nicht, darüber nachzudenken - wenn man nicht den Verstand verlieren wollte.
Das Zimmer war spartanisch, aber geschmackvoll eingerichtet. An den Wänden klebten gestreifte Seidentapeten und es gab einen wuchtigen Schrank mit zwei übergroßen Türen, einen Tisch mit vier Stühlen, deren Lehnen und Armstützen reich verziert waren, und etwas, das wie eine Mischung aus einem Schreibtisch und einer Anrichte aussah; Leonie kramte einen Moment in ihren Gedanken und glaubte sich zu erinnern, dass man so etwas einen Sekretär nannte, war sich aber nicht ganz sicher. Die übrige Einrichtung beschränkte sich auf die Standuhr und einen altmodischen Waschtisch.
Vor allem der erweckte Leonies Interesse. Er war eine wirkliche Kostbarkeit, zierlich, mit geschnitzten Beinen und einer Marmorplatte, in die eine runde Emailleschüssel eingelassen war. Daneben stand eine Wasserkaraffe aus feinstem Porzellan, auf der anderen Seite lagen zwei penibel zusammengelegte Handtücher aus weißem Damast.
Es war ein sonderbares Gefühl, vor diesem uralten Möbelstück zu stehen. Leonie hatte so etwas noch nie gesehen, außer auf Bildern, und sie kam sich ein wenig wie in einem Museum vor, zugleich aber auch wieder ganz anders. Allmählich beschlich sie ein seltsames Gefühl. Es war keine Angst. Eher eine Art Unbehagen, und zugleich kam ihr all das hier auf seltsame Art vertraut vor. Sie blieb noch einige Sekunden vor dem Waschtisch stehen, ohne das unheimliche Gefühl fassen zu können, dann drehte sie sich um und ging zu der Standuhr hinüber. Sie betrachtete eine Weile das stillstehende Pendel, dann öffnete sie die Glastür und setzte es mit einem leichten Schubs in Bewegung, ohne selbst genau sagen zu können, warum sie das tat. Sie konnte hören, wie sich die feinen Zahnrädchen und Hebel des Uhrwerks in Bewegung setzten. Die Uhr hatte keinen Sekundenzeiger, sodass sie nicht auf Anhieb sagen konnte, ob sie nun wieder lief oder nicht.
Als Nächstes wandte sie sich dem Sekretär zu. Wie alles hier drinnen war er penibel aufgeräumt. Auf der Platte lag eine Schreibmappe aus geprägtem dunkelroten Leder, daneben stand ein Tintenfass mit einer altmodischen Feder, die aber offensichtlich nur Dekoration war, denn als Leonie näher trat, entdeckte sie einen schweren schwarz-goldenen Füllfederhalter neben der Schreibmappe. Auf einem schmalen Regalbrett darüber standen gut zwei Dutzend Bücher in Reih und Glied. Leonie schlug die Schreibmappe auf. Sie enthielt eine Hand voll schon leicht vergilbter Blätter, die eng mit einer verschnörkelten, fast wie gemalt wirkenden Handschrift bedeckt waren. Leonie betrachtete das oberste Blatt eine Weile, ohne die Worte wirklich wahrzunehmen. Obwohl der Mensch, der diese Zeilen geschrieben hatte, mit Sicherheit schon lange tot war, hatte sie doch das Gefühl, in Dingen herumzuschnüffeln, die sie nichts angingen.
Mit den Büchern war das schon etwas anderes.
Leonie ordnete die Blätter wieder genau so, wie sie sie vorgefunden hatte, schloss die Schreibmappe und nahm eines der Bücher aus dem Regal. Als sie es aufschlug, stellte sie fest, dass es nicht aus dem letzten, sondern sogar aus dem vorletzten Jahrhundert stammte. Das Impressum behauptete, es wäre 1856 erschienen. Die Buchstaben waren ungewöhnlich. Sütterlinschrift. Die meisten ihrer Mitschüler wussten vermutlich nicht einmal mehr, dass es so etwas gab, aber Leonie konnte sie sogar lesen, wenn auch nicht unbedingt flüssig. Ein Großteil der Büchersammlung ihrer Großmutter war noch in dieser altmodischen Schrift gedruckt und Großmutter hatte zwar sanft, aber doch nachdrücklich darauf bestanden, dass sie sie flüssig lesen lernte.
Sie blätterte einige Bücher durch, ohne hinterher schlauer zu sein, und griff schließlich nach dem größten Band auf dem Regal. Er war so schwer, dass sie beide Hände brauchte, um ihn vom Brett zu nehmen.
Es war eine Familienbibel, uralt und in steinhart gewordenes Leder gebunden. Leonie blätterte sie mit vorsichtigen Bewegungen durch, bis sie auf den letzten Seiten angekommen war. Wie in alten Familienchroniken üblich, die traditionell von Generation zu Generation weitervererbt wurden, waren die letzten Seiten frei gelassen worden, um den Stammbaum der Besitzer einzutragen. Leonies Kenntnisse alter Handschriften kapitulierten vor den verschnörkelten, aber auch hier wie gemalt aussehenden Schriftzeichen, mit denen die Seiten übersät waren, doch immerhin konnte sie ein paar Zeichen entziffern. Das Buch musste noch viel älter sein, als sie ohnehin schon angenommen hatte. Die ältesten Eintragungen waren so stark verblasst, dass sie praktisch nicht mehr lesbar waren, aber die dazugehörigen Jahreszahlen waren eindeutig dreistellig. Leonie verspürte einen Schauer der Ehrfurcht, als sie behutsam weiterblätterte. Kein Wunder, dass es ihr so schwer gefallen war, die Bibel zu entziffern. Das Buch sah aus wie gedruckt, aber wenn diese Datumsangaben stimmten, dann musste es sich um eine über tausend Jahre alte Handschrift handeln! Leonie fragte sich, wer ein so kostbares Buch an einem so sonderbaren Ort wie diesem aufbewahren mochte.
Die letzten Seiten der Bibel waren leer. Die Eintragungen endeten mit den Initialen T. K. und der Jahreszahl 1927; zuletzt stieß sie auf ein verblichenes Schwarzweißfoto, das aussah, als wäre es mindestens hundert Jahre alt. Es war auf die damals übliche Art aufgenommen worden, die modernen Menschen schon fast ein bisschen lächerlich vorkam: Das Familienoberhaupt mit Schnauzbart, Fliege und Frack stand stocksteif aufgerichtet da, die rechte Hand eindeutig besitzergreifend auf die Schulter seiner Frau gelegt, die ebenso stocksteif vor ihm auf einem Stuhl saß. Ohne den verbissenen Gesichtsausdruck, von dem höchstens sie selbst glaubte, dass es sich um ein Lächeln handelte, den strengen Dutt und das altbackene Kleid, das so steif aussah, als müsse es wie Glas zerbrechen, wenn sie auch nur versuchte, sich darin zu bewegen, wäre sie eine gut aussehende Frau gewesen; mithilfe eines Friseurs und ein wenig modernen Make-ups sogar eine Schönheit. Leonie glaubte für einen Moment, etwas vage Bekanntes in ihren Zügen zu erblicken, aber das lag wohl eher daran, dass auf diesen alten Fotos irgendwie alle gleich aussahen.
Dann aber betrachtete sie den Rest der Familienidylle - insgesamt fünf Kinder; drei Jungen in Matrosenanzügen und zwei Mädchen in gestärkten Kleidern, die fast so steif aussahen wie ihre sorgsam drapierten Lockenfrisuren - und das Lächeln gefror ihr auf den Lippen.
Eines der Mädchen war ihre Großmutter.
Leonies Verstand sagte ihr, dass das vollkommen unmöglich war. Das Mädchen auf dem Foto war allerhöchstens sechs Jahre alt und es sah in dem altmodischen Kleid und der riesigen Turmfrisur genauso aus, wie jedes sechsjährige Kind auf einem hundert Jahre alten, verblassten Foto ausgesehen hätte - und dennoch erkannte sie sie mit einer Sicherheit, die keinen Zweifel zuließ. Es war etwas in ihren Augen. Der sanftmütige Blick, den Leonie so sehr an ihr geliebt und den sie ganz offensichtlich schon als Kind gehabt hatte.
Und Leonie hatte den Schrecken, den diese Erkenntnis mit sich brachte noch nicht ganz verarbeitet, als etwas noch viel Unheimlicheres geschah: Das Mädchen auf dem Foto drehte den Kopf und sah sie an.