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Leonie prallte zurück und schlug die Hand vor den Mund, um einen Schrei zu unterdrücken, und das sechsjährige Konterfei ihrer Großmutter sagte mit einer hellen, aber klar verständlichen Kinderstimme: »Bring dich in Sicherheit. Schnell! Sie sind gleich da!«

Im allerersten Moment war sie vor Schreck und Unglauben einfach gelähmt und völlig unfähig, den Worten irgendeinen Sinn abzugewinnen, aber dann sagte das Foto noch einmal und noch viel eindringlicher: »Um Gottes willen. Schnell! Wenn sie dich hier finden, bist du verloren!«

In der Stimme schwang eine solch unüberhörbare Panik mit, dass die Lähmung schlagartig von Leonie abfiel und nackter Angst Platz machte. Und im gleichen Moment wurde ihr auch klar, dass sich das Geräusch, das sie durch die offen stehende Tür hörte, verändert hatte. Es klang immer noch wie ein an- und abschwellendes Murmeln - beinahe wie eine ferne Meeresbrandung -, zugleich aber auch völlig ungewohnt. Und dann mischte sich leider noch etwas anderes, völlig Eindeutiges in die Geräuschkulisse: Schritte. Sehr viele Schritte, die rasch näher kamen - jemand rannte auf sie zu.

Leonie wirbelte herum, bewegte sich ein Stück in Richtung Tür und blieb wieder stehen. Die Schritte waren nun noch lauter zu hören und jetzt glaubte sie auch aufgeregte Stimmen wahrzunehmen. Sie würde es nicht schaffen. Wer immer dort draußen angerannt kam, musste sie sehen, wenn sie das Zimmer zu verlassen suchte! Sie brauchte ein Versteck - aber wo sollte sie in einem fast leeren Zimmer eines hernehmen?

Die Auswahl war nicht besonders groß. Genau genommen beschränkte sie sich auf eine einzige und dabei so offensichtliche Möglichkeit, dass sie sie nicht einmal in Betracht gezogen hätte, wenn sie auch nur einen Sekundenbruchteil darüber nachgedacht hätte. Aber sie war in diesem Moment so sehr in Panik, dass ihr logisches Denken praktisch ausgeschaltet war, und das rettete ihr möglicherweise das Leben. Mit einem einzigen Satz war sie bei dem gewaltigen Kleiderschrank und riss an der Tür.

Sie rührte sich nicht.

Die Schritte draußen kamen näher und hatten den Eingang jetzt fast erreicht. Die Panik drohte Leonie endgültig zu überwältigen. Wie von Sinnen riss und zerrte sie an der Schranktür, die sich von ihren Bemühungen ungefähr genauso beeindruckt zeigte wie eine tausendjährige Eiche von den Drohgebärden eines Rehpinschers, und schließlich schrie sie: »Geh auf, verdammt noch mal!«

Die Tür ging auf.

Leonie verlor durch ihren eigenen Schwung fast das Gleichgewicht, fing sich im letzten Augenblick wieder und sprang nahezu kopfüber in den Schrank. Die Tür fiel mit einem dumpfen Knall hinter ihr wieder ins Schloss, noch bevor sie unsanft auf etwas Weichem, muffig Riechendem landete, und buchstäblich im gleichen Sekundenbruchteil polterten hinter ihr hastige Schritte ins Zimmer.

Einen Moment lang blieb sie benommen liegen. Sie war auf einem Kleiderhaufen gelandet, der ihrem verwegenen Hechtsprung die ärgste Wucht genommen hatte, aber ihr dröhnte trotzdem der Kopf, und als sie sich aufzusetzen versuchte, wurde ihr wieder schwindelig. Durch die geschlossene Schranktür drangen die Geräusche nur halblaut und sonderbar gedämpft herein, aber sie konnte dennoch außer Schritten und heftigem Hantieren und Herumwuseln die schrill durcheinander plärrenden Stimmen von mehr als einer Person unterscheiden.

Leonie sah sich mit heftig klopfendem Herzen um. Es war im Inneren des Schrankes nicht so vollkommen dunkel, wie sie erwartet hätte. Durch etliche Spalten und Ritzen im Holz drangen schmale Lichtstreifen, die Leonie ihre Umgebung zumindest erahnen ließen. Sie sah nichts, was sie nicht erwartet hätte. Uralte Kleider, die reglos von ihren Stangen hingen, und auf dem Boden ein Haufen Kleider, möglicherweise auch Bettwäsche. Nichts, was ihr helfen könnte, sollte sie entdeckt werden. Und schon gar kein Versteck, das auch nur dem ersten flüchtigen Blick standhalten würde, falls irgendjemand den Schrank untersuchte.

Was früher oder später unweigerlich der Fall sein würde.

Sie setzte sich vorsichtig auf und spähte durch einen etwas breiteren Spalt in der Tür.

Sie hatte sich geirrt: In dem Zimmer hielten sich nicht zwei oder drei Eindringlinge auf, sondern mindestens zwanzig oder dreißig, wenn nicht mehr, die scheinbar ziellos durcheinander huschten und den Raum in ein Chaos aus Bewegung verwandelten. Keiner von ihnen war größer als zwanzig Zentimeter.

Leonie blinzelte, sah noch einmal hin, schloss für eine Sekunde die Augen und sah wieder hin, aber der unglaubliche Anblick änderte sich nicht. Das Zimmer war voller kleiner, wild hin und her hüpfender und schnatternder Gestalten. Sehr viel mehr konnte Leonie allerdings nicht erkennen, denn sie trugen ausnahmslos eine Art schwarzbrauner Kutten, die in spitzen Kapuzen endeten. Wenn sich darunter Gesichter verbargen, so konnte Leonie sie in dem schwarzen Schatten, den die Kapuzen warfen, jedenfalls nicht erkennen.

Der Anblick war aber auch so schon bizarr genug. Nachdem sie ihren ersten Schrecken überwunden hatte, versuchte Leonie, irgendein System hinter dem Chaos zu erkennen, in das sich das Zimmer schlagartig verwandelt hatte, aber es gelang ihr nicht. Möglicherweise lag das daran, dass es keins gab.

Die winzigen Kapuzenmänner wuselten einfach ziellos umher, ohne irgendetwas Erkennbares zu tun. Es war ein einziges sinnloses Tohuwabohu. Die Gestalten flitzten hierhin und dorthin, rempelten sich gegenseitig an und sprangen auf Stühle und Tisch, hopsten in den Sekretär und den Waschtisch, rannten gegen Wände und Möbel, einige von ihnen bildeten eine Art wackeliger Räuberleiter vor der Standuhr, die aber nicht einmal die halbe Höhe bis zum Zifferblatt erreichte, bevor sie unter schrillem Gekeife und Gebrüll zusammenbrach. Einer der Winzlinge schlug einen kompletten anderthalbfachen Salto in der Luft, landete auf der Nase und schlitterte mit weit ausgebreiteten Armen über den spiegelblank gebohnerten Boden, direkt auf den Schrank zu, in dem Leonie saß. Seine Kutte geriet dabei in Unordnung, und als er sich hastig aufrappelte, rutschte seine Kapuze in den Nacken, sodass sie zum ersten Mal sah, was sich darunter verbarg.

Nicht dass sie besonders froh darüber war, denn das Gesicht, das unter der Kapuze zum Vorschein kam, war das mit Abstand hässlichste, das sie jemals gesehen hatte. Es war sicher nicht menschlich, aber Leonie war nicht einmal sicher, ob man es guten Gewissens als menschenähnlich bezeichnen konnte. Das Geschöpf hatte zwei Augen, zwei Ohren, eine Nase und einen Mund, aber damit hörte die Ähnlichkeit dann auch schon auf, und zwar gründlich.

Die Kreatur hatte eine ledrige, schwarzgrüne Haut, fast wie die eines Frosches, die nur aus Falten und Runzeln zu bestehen schien und mit einer Unzahl nässender Pusteln und Geschwüre übersät war, und wie zum Ausgleich dafür keine Lippen, sondern nur einen fast von einem Ohr zum anderen reichenden Schlitz, hinter dem nadelspitze, schief und krumm gewachsene Zähne blitzten. Ihre Ohren waren spitz wie die eines Fuchses oder einer Katze und aus den Ohrmuscheln wuchsen mehr Haare als auf dem nahezu kahlen Schädel sprossen. Die Augen waren der reinste Albtraum: lid- und wimpernlose Glupschaugen, die so weit aus den Höhlen quollen, dass sich Leonie allen Ernstes fragte, wieso sie nicht einfach herausfielen. Das Tüpfelchen auf dem i schließlich bildete eine gewaltige Hakennase. Und dieser ganze absurde Schädel saß auf einem so lächerlich dürren Hals, dass er eigentlich bei der ersten unvorsichtigen Bewegung hätte abbrechen müssen.

Mit zwei Händen, die genauso dürr und abstoßend waren wie ihr Gesicht, schlug die Kreatur ihre Kapuze wieder nach vorne, und Leonie atmete instinktiv erleichtert auf, als sie vom Anblick des Albtraumgesichts erlöst wurde.

Sie blinzelte wieder und sah noch einmal hin, aber der unglaubliche Anblick war immer noch da: Das Zimmer war voller winziger Kapuzenwesen, die hoffnungslos durcheinander stürzten, schnatterten, schrien und sich wie die Kesselflicker prügelten. Leonie fragte sich, wann der erste auf die Idee kommen würde, die Schranktür zu öffnen, und vor allem, was sie dann tun würde. Sie hatte nicht wirklich Angst vor den schwarz gekleideten Knirpsen - aber es waren immerhin ziemlich viele.