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Seltsamerweise näherte sich keines der winzigen Kapuzenmännchen dem Schrank, doch dafür flog die Zimmertür mit einem Knall auf und die lebensgroße - nun ja: fast lebensgroße - Ausgabe der Kapuzenmänner trat ein. Diese Kreatur hatte sich gar nicht erst die Mühe gemacht, ihre Kapuze hochzuziehen, sodass Leonie ihr Gesicht in seiner ganzen Hässlichkeit bewundern konnte. Es unterschied sich praktisch nicht von dem seiner Miniaturausgabe, die Leonie gerade gesehen hatte, nur dass die bizarre Kreatur in etwa die Größe eines zehnjährigen Kindes hatte und ihr Gesicht infolgedessen noch abstoßender wirkte.

Einen Unterschied gab es allerdings doch: Dieses Wesen war nicht mit leeren Händen gekommen. Es trug ein schweres ledergebundenes Buch unter dem linken Arm und eine altmodische Schreibfeder in der rechten Hand.

»Was ist denn hier los?!«, brüllte es mit schriller, überschlagender Stimme, die so unangenehm war, dass Leonie sich um ein Haar die Ohren zugehalten hätte. »Wer von euch ist dafür verantwortlich? Was habt ihr hier angerichtet?«

Keiner der Winzlinge antwortete, aber die Stimme des Kapuzenmannes zeigte trotzdem Wirkung: Die handgroßen Gestalten prallten zurück wie eine Herde aufgescheuchter Hühner, unter die der Fuchs gefahren war, und zumindest das wirre Geschnatter und Gezirpe hörte für einen Moment auf.

»Also?« Der Blick der triefenden Glupschaugen tastete über all die winzigen Gestalten, die so weit von dem Kapuzenmann zurückgewichen waren, wie sie nur konnten, und sich zitternd gegen die Wände pressten oder unter dem Tisch zu verschwinden versuchten. Dann weiteten sich seine Augen noch mehr und Leonie sah, dass sein Gesicht durchaus dazu fähig war, außer Griesgrämigkeit noch ein weiteres Gefühl zum Ausdruck zu bringen: blankes Entsetzen.

»Was...«, ächzte er, »ist... das?!« Ein spindeldürrer Zeigefinger mit einem schmutzigen, abgekauten Fingernagel deutete auf die Standuhr. »Das... das... das...«, stammelte er, »darf DOCH NICHT WAHR SEIN!« Die letzten vier Worte hatte er so laut geschrien, dass Leonie die Ohren klingelten.

»Wer war das?«, kreischte er. »Wer ist dafür verantwortlich?« Er begann wie besessen im Zimmer auf und ab zu hüpfen. Seine winzigen Ebenbilder versuchten verzweifelt, sich vor ihm in Sicherheit zu bringen, aber nicht allen gelang es. Das eine oder andere fing sich einen Tritt ein, der es quer durch den Raum fliegen ließ, und mindestens zwei der winzigen Gestalten blieben hinterher liegen und rührten sich nicht mehr. Der Kapuzenmann tobte und wütete indessen ununterbrochen weiter. Es dauerte mindestens eine Minute, wenn nicht zwei, bis er sich zumindest so weit wieder in der Gewalt hatte, dass er stehen bleiben und erneut mit einem zitternden Finger in Richtung Uhr deuten konnte. »Bringt das... sofort... in Ordnung!«, keifte er kurzatmig. »Wer war hier drinnen? Wer hat das getan?!«

Er bekam auch jetzt keine Antwort - Leonie war mittlerweile fast sicher, dass die Winzlinge gar nicht sprechen konnten, zumindest nicht in einer Sprache, die sie verstand -, aber ein gutes Dutzend der Knirpse begann erneut eine komplizierte Räuberleiter vor der Standuhr zu bilden. Ganz offensichtlich wollten sie zum Zifferblatt hinaufgelangen. Leonie sah genau hin und erkannte, dass sich die Zeiger um eine Winzigkeit bewegt hatten, seit sie das Pendel angestoßen hatte. Kaum mehr als eine Minute, schätzte sie. Seltsam: Sie hätte geschworen, dass sie schon viel länger hier drinnen war. Vielleicht funktionierte das Uhrwerk ja nicht mehr richtig.

»Braucht Ihr Hilfe, verehrter Scriptor?« Eine zweite Gestalt in der Größe eines Kindes erschien unter der Tür und ein hakennasiges Gesicht, das womöglich noch hässlicher war als das von Glupschauge, spähte zu ihm herein. Es war schwer, in den hervorquellenden Triefaugen irgendein Gefühl zu erkennen, aber Leonie meinte trotzdem, so etwas wie ein schadenfrohes Funkeln auszumachen. »Alles in Ordnung?«

Der Kapuzenmann fuhr wie von der sprichwörtlichen Tarantel gestochen herum und ließ vor lauter Schreck sein Buch fallen. »Ja, es ist alles in Ordnung!«, giftete er. Der Neuankömmling und er schienen nicht unbedingt die besten Freunde zu sein.

»Das scheint mir aber gar nicht so«, antwortete Hakennase. »Seid Ihr sicher, dass Ihr keine Hilfe nötig habt?«

»Ganz sicher«, antwortete Scriptor. »Nur eine Übung. Ihr wisst ja, wie das mit dem Nachwuchs heutzutage ist: Wenn man sie nicht ständig auf Trab hält, dann rühren sie keinen Finger. Es ist alles in Ordnung. Ich brauche keine Hilfe, aber ich danke Euch trotzdem für Euer Angebot.« Und damit knallte er dem zweiten Glupschaugengesicht die Tür so heftig vor der Nase zu, dass Leonie instinktiv auf einen Schmerzensschrei und den dumpfen Aufprall eines bewusstlosen Körpers draußen auf dem Gang wartete.

»Eingebildeter Fatzke!«, nörgelte Scriptor. »Das könnte ihm so passen, mir - Was um alles in der Welt tut ihr da?! Hört sofort auf.«. Er hatte sich umgedreht, während er sprach. Nun war er mit einem Satz bei den Kapuzenmännchen, deren lebende Pyramide das Zifferblatt schon fast erreicht hatte, und fegte sie mit einem Fußtritt auseinander. »Untersteht euch, hier noch irgendetwas anzurühren!«, keifte er. »Als ob nicht schon genug Schaden angerichtet worden wäre!«

Diejenigen Kapuzenmännchen, die seine Attacke halbwegs unbeschadet überstanden hatten, brachten sich mit hastigen Schritten in Sicherheit. Nur ein einziges war mutig - oder dumm - genug, einfach stehen zu bleiben und zu ihm hochzublicken.

Scriptor dankte es ihm, indem er den Fuß hob und ihn unsanft in den Boden stampfte. Aus der gleichen Bewegung heraus bückte er sich nach dem Buch, das er fallen gelassen hatte, und begann hektisch darin zu blättern. Schon nach einem Augenblick schien er fündig zu werden, aber was er da sah, gefiel ihm offensichtlich nicht besonders. Er ächzte.

»O nein, nicht auch das noch!«, keuchte er. Er sah sich mit einer wilden, fast panischen Bewegung im Raum um, starrte dann wieder in sein Buch und kickte beiläufig ein weiteres Kapuzenmännchen davon, das ihm unvorsichtigerweise zu nahe gekommen war. Dann seufzte er tief. Leonie konnte regelrecht sehen, wie alle Kraft aus seinem ausgemergelten Körper wich, als er sich wieder zur Standuhr umwandte. Langsam, fast ängstlich, wie es ihr schien, streckte er die Hand aus, hielt zuerst das Pendel an und bewegte dann, buchstäblich Millimeter für Millimeter, die Zeiger zurück. Er hielt mehrmals inne, um einen langen Blick in sein Buch zu werfen. Leonie hatte den Eindruck, dass er mit dem Ergebnis seiner Bemühungen nicht unbedingt zufrieden war, als er endlich zurücktrat.

»Also gut!«, schimpfte er, nachdem er das Zifferblatt mindestens noch eine Minute lang mit gefurchter Stirn angestarrt hatte. »Und jetzt bringt den Rest in Ordnung! Das Buch auf dem Sekretär! Jemand hat die Tischdecke verschoben! Und die Wasserkaraffe steht nicht genau so, wie es sein sollte! Gebt Acht, dass ihr keinen Staub aufwirbelt! Und der Füllfederhalter liegt zu weit links!«

Und so ging es weiter. Leonie hockte mindestens zehn Minuten lang reglos in ihrem Schrank und sah mit wachsendem Unverständnis zu, wie Scriptor seine winzigen Gehilfen kreuz und quer durchs Zimmer scheuchte, um jede noch so kleine Veränderung, die sie vorgenommen hatte, rückgängig zu machen. Er ging dabei keineswegs planlos vor, sondern blätterte immer wieder in seinem Buch und machte die meisten Korrekturen, die seine zwergwüchsigen Kopien vornahmen, mindestens zwei- oder dreimal wieder rückgängig, bevor er sich endlich mit einem resignierten Seufzen zufrieden gab.

»Ich hoffe, das reicht«, murmelte er. »Das hätte nicht passieren dürfen. All diese Veränderungen! Was um alles in der Welt mag geschehen sein, bevor wir es gemerkt haben? Eine Katastrophe! Eine unglaubliche Katastrophe, und das dazu noch hier, ausgerechnet hier! Wenn das rauskommt, bin ich geliefert. Welche Folgen das haben kann!«